Solar und Kohle: Darum steckt Chinas Energiewende voller Widersprüche
Talatan, Xining. Eine Herde weißer, zotteliger Tibetschafe schiebt sich durch das dunkelblau schimmernde Solarfeld, das sich bis zur Bergkette am Horizont erstreckt. Hier in Talatan, in rund 3000 Metern Höhe auf dem Qinghai-Tibet-Hochplateau im Westen Chinas, zählen sie gewöhnlich 3000 Sonnenstunden im Jahr. Doch an diesem Sommertag hängen dunkle Regenwolken tief über dem größten Solarpark der Welt.
Auf einer Fläche von rund 420 Quadratkilometern, etwas größer als die Stadt Köln, reihen sich hier am südlichen Rande der Gobi-Wüste Millionen von Solarpaneelen mit einer Kapazität von 17,7 Gigawatt. Das entspricht mehr als einem guten Dutzend Kernkraftwerken und sicherte dem Gonghe-Talatan-Solarpark 2022 sogar einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde.
„Qinghai ist ein Schlüsselakteur bei grüner Energie“, betonte der Vizegouverneur der Provinz, Zhang Jingang, in deren Hauptstadt Xining jüngst stolz im Gespräch mit Journalisten. Saubere Energien machten mehr als 95 Prozent der rund 75 Gigawatt Energieerzeugungskapazitäten in der Provinz aus.
Zu viel grüner Strom
Doch in Qinghai zeigt sich auch einer der zahlreichen Widersprüche in Chinas Energiepolitik. In der Provinz wird deutlich mehr Strom aus Erneuerbaren produziert, als in der ländlich geprägten Region gebraucht wird.
Deshalb will die Provinzregierung den Strom exportieren. Noch gibt es dafür zu wenig Hochspannungsleitungen. In den ersten fünf Monaten des Jahres mussten fast 15 Prozent des Solarstroms in der Provinz abgeregelt werden, wurden also nicht ins Netz eingespeist. Das zeigen Daten des nationalen Überwachungs- und Frühwarnzentrums für die Nutzung neuer Energien.
Kein Land baut erneuerbare Energien schneller aus als die Volksrepublik. Ein Erfolg, mit dem sich die Staatsführung gern schmückt. Im ersten Halbjahr sind 268 Gigawatt dazugekommen, fast doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum, wie die chinesische Energiebehörde NEA am Donnerstag bekannt gab.
Insgesamt beläuft sich die bislang installierte Kapazität erneuerbarer Energien in China auf 2159 Gigawatt. Zum Vergleich: Deutschland hatte Ende 2024 knapp 190 Gigawatt installierte Leistung aus regenerativen Quellen. Seit April gibt es in der Volksrepublik mehr installierte Kapazitäten für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien als aus fossilen Brennstoffen.
China präsentiert sich mit seinen gigantischen Solar- und Windparks gern als Vorreiter der Energiewende – doch hinter dem Fortschrittsnarrativ steckt ein widersprüchliches Bild: Trotz des Rekordausbaus wurden im ersten Halbjahr nur knapp 24 Prozent des Stromverbrauchs durch Sonne und Wind gedeckt, ein Großteil stammt nach wie vor aus Kohle. Das macht China weiterhin zum größten Kohlenstoffdioxid-Emittenten der Welt.
Hinzu kommt: Die fossile Energie feiert ein Comeback – derzeit werden so viele neue Kohlekraftwerke gebaut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Wie passt das zusammen?