Taliban-Herrschaft: Afghanistans Frauen in Angst: „Würde ich erkannt, wäre das mein Todesurteil“
Frauen stehen Schlange, um bei einer vom Welternährungsprogramm organisierten Geldausgabe Bargeld zu erhalten.
Foto: dpaBerlin. Nila Nazari umgibt Leere, seit sie zurückgelassen wurde. Sie hat nichts mehr. Kein Zuhause, weil sie es vor vier Monaten im Schutz der Dunkelheit verlassen musste. Keinen Job, kein Einkommen, keine Sicherheit – und keinen Pass, um die für sie so gefährliche Heimat zu verlassen.
Was sich in der Stille ausgebreitet hat, ist Angst. „Sie ist immer da“, sagt die 40-Jährige mit erschöpfter Stimme. Nazari, die in Wirklichkeit anders heißt, hat einen Mann, eine Tochter von fünf und einen Sohn von zweieinhalb Jahren. Seit August wechselt sie mit ihnen regelmäßig die Unterkunft, wohnt eine Woche im Haus von Verwandten, zieht dann wieder weiter. Zu groß ist die Furcht, von den Taliban gefunden zu werden.
Für die neuen Herrscher Afghanistans sind Frauen Menschen zweiter Klasse. Schlimmer kann es für sie nur kommen, wenn sie jahrelang für die bei den Taliban verhassten Ausländer im Einsatz waren. So wie Nazari.
Sie trug keine Waffe. Sie schrieb. Als Journalistin arbeitete Nazari von 2016 bis 2021 für das „Bayan-e Shamal Media Center“, eine Medieneinrichtung in Masar-i-Scharif, lange finanziert von der Bundeswehr. Ausgestattet mit einem Arbeitsvertrag in deutscher Sprache und unter der Aufsicht von deutschen Soldaten erstellte sie Broschüren und Radiobeiträge, postete Beiträge in sozialen Medien, übersetzte Informationen über mögliche Anschläge und Bewegungen der Taliban im Norden Afghanistans. So berichtet sie es. 750 US-Dollar betrug der Monatslohn. Ein Job, der in Afghanistan Großfamilien ernähren konnte.
Heute hört Nazari von getöteten Journalisten, von der Lebensgefahr, die für ihre Familien besteht. Im November starb in Masar-i-Scharif, in dessen Umgebung Nazari lebt, eine 29-jährige Frauenrechtsaktivistin. Man fand sie mit einer Kugel im Kopf. „Würde ich erkannt, wäre das mein Todesurteil“, sagt Nazari.
20 Jahre waren sie im Land: Abertausende Soldaten des mächtigsten Militärbündnisses der Welt, Entwicklungshelfer Dutzender Länder, um den Terror in Afghanistan zu beenden und einen westlichen Staat zu schaffen, den es doch nie gab. 20 Jahre waren auch die Deutschen dort. Ohne die Hilfe Zigtausender Afghanen wäre ihr Einsatz undenkbar gewesen.
Afghanische Frauen warten mit ihren Kindern vor einer Klinik für Ernährungsfragen. Afghanistan leidet aktuell unter einer der schwersten Dürren der zwei vergangenen Jahrzehnte.
Foto: dpaMeist waren es Männer, die in den Diensten der Soldaten Konvois begleiteten, sie vor Angriffen schützten, Farsi und Paschtu übersetzten, Artikel schrieben – für Geld, ein besseres Leben, ein anderes Land. Sie erst schufen die Verbindung zur afghanischen Bevölkerung, die Soldaten und Entwicklungshelfer so dringend brauchten.
Noch riskanter war der Einsatz für Frauen, die damit gegen Regeln aufbegehrten, die ihnen eine aktive Rolle im Land verwehren: Ihre eigenen Ziele und die Werte einer äußerst konservativen Gesellschaft, oft welche der engsten Angehörigen, trafen wie tektonische Platten aufeinander. Dennoch versprachen ihnen die Jahre ohne die Taliban mehr Freiheiten. Bis zum 15. August 2021.
Die Taliban sind Sieger, die fast ohne Gegenwehr die Macht im Land ergreifen. Mit Pick-ups und Sturmgewehren fahren sie durch die Straßen Kabuls, als Nazari versucht, im Tumult der Rettungsaktion ein Flugzeug zu erreichen. Das Chaos am Flughafen ist gewaltig, mehrmals wird sie von Soldaten zurückgewiesen. Als sie mit einem Bus in den Norden zurückkehrt, hängen die weißen Banner der Taliban längst am Präsidentenpalast.
Nun fürchtet sie, dass ihre Heimat in jene Zeit vor 2001 zurückfällt, als die Taliban schon einmal den Großteil des Landes kontrollierten. Damals verboten sie Frauen und Mädchen den Zugang zu Arbeitsstellen, zu Schulen. Vor die Tür durften sie nur in Begleitung eines Mannes.
Die ersten Erfahrungen wiederholen sich bereits
Fast jeder Raum, den Frauen in 20 Jahren erkämpften, ist implodiert. Frauenhäuser, die jährlich Tausende aufsuchten, sind geschlossen worden. Die meisten Berufe werden ihnen verwehrt, der Schulbesuch über die sechste Klasse hinaus ist vielerorts unmöglich. Regierungsämter sind ausgeschlossen, das Frauenministerium ist abgeschafft. Stattdessen gibt es nun wieder das Ministerium zur Erhaltung der Tugend und Unterdrückung des Lasters.
In einem aktuellen Schreiben ordnet es an, Frauen dürften nur noch in Autos mitfahren, wenn sie verschleiert sind. Fahrer werden dazu aufgerufen, keine Frauen mitzunehmen, die ohne männliche Begleitperson weiter als 72 Kilometer reisen wollen.
Nazari spricht fast flüsternd, als sie an einem Abend im Dezember Audio-Nachrichten in ihr Handy spricht. Englisch kann hier eine Sprache sein, die Verdacht erregt. „Wir müssen unglaublich vorsichtig sein“, sagt sie. Noch immer komme es zu Hausdurchsuchungen. Noch immer laden Taliban Menschen auf ihre Trucks, die nie wieder gesehen werden.
Für wenige Tage verstecken sich Nazari und die Familie im Dezember bei ihrer Mutter. Die Tage verbringen sie in der Wohnung, fern der Fenster. Nun grübelt sie mit ihrem Mann über die Zukunft ihrer Kinder. Ihrer Tochter, ausgeschlossen von fast jeder Bildung. Gerade der Kinder wegen will sie Afghanistan verlassen. „Für sie ist in diesem Land keine Hoffnung, nur Dunkelheit“, sagt Nazari. „Ich will meine Kinder nicht aufwachsen sehen in einem rückwärtsgewandten Land, das von Ignoranten beherrscht wird.“
Dabei weiß Nazari oft nicht einmal, wie sie die beiden mit Essen und Milch versorgen, Windeln für den Kleinen organisieren soll. Oder Feuerholz, wo doch der Winter längst eisige Temperaturen in die weitgezogene Ebene und die Bergausläufer um Masar-i-Scharif getragen hat. Was ihnen an Eigentum blieb: verkauft.
Die afghanische Wirtschaft ist ruiniert, das Gesundheitssystem zusammengebrochen. Millionen Menschen im Land werden in diesem Winter Hunger leiden, wohl mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Kein Wunder, dass die Preise für Lebensmittel und Medikamente fast täglich steigen. Nazari sagt: „Uns fehlt es an allem, während uns auf der Flucht noch Hindernisse in den Weg gelegt werden.“
Zuletzt rief ein Mann der Bundeswehr bei ihr an. Er fragte, ob sie einen Pass besitze oder eine Takzira, einen afghanischen Personalausweis. Sie verneinte. Dies sei aber notwendig, um außer Landes zu kommen. Sich Pässe von den Taliban ausstellen lassen, um vor den Taliban zu fliehen?
Als Nazari ihre Arbeit 2016 beginnt, ist die Sicherheitslage in Afghanistan relativ gut. Frauen können arbeiten und allein durch die Straßen gehen. „Eine gute Zeit“, sagt Nazari. Im Frühjahr 2021, als die Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban stocken, verändert sich alles. Die Attacken der Taliban auf afghanische Soldaten nehmen zu. Die Angst der Helfer wächst, doch ihre Chefs beschwichtigen, sagen, es drohe keine Gefahr.
Die ehemalige Lehrerin Nazila (r.) verkauft auf einem Markt Kleider, weil sie ihre Arbeit verloren hat.
Foto: dpaSchließlich reicht Nazari mit 25 weiteren Ortskräften Ende Mai ein Schreiben ein, das eine Ausreise nach Deutschland einleiten soll. Einen Tag später werden sie entlassen, einen Monat bevor die Bundeswehr abzieht und das Media Center geschlossen wird. „Wir werden hier unserem Schicksal überlassen.“
Tausende frühere Ortskräfte und ihre Familien sind noch in Afghanistan. Davon zeugen Zahlen des Bundesinnenministeriums: Mehr als 20.000 Aufnahmezusagen seien seit 15. Mai erteilt worden. In Deutschland angekommen sind bislang nur rund 7000 Menschen.
Marwa Sohraby habe vor Panik gebebt und begonnen zu weinen, als sie am 15. August erfährt, dass die Taliban in diesen Stunden Kabul einnehmen. „Ein Albtraum ist wahr geworden“, sagt die 29-Jährige im November am Telefon. Sohraby klingt müde. Sie hat eine sechsjährige Tochter, einen dreijährigen Sohn. „Ich dachte, wenn sie uns bekommen, töten sie mich, meine Kinder, meinen Mann.“
Dass Masar-i-Scharif an die Taliban fällt, war ihr klar, als sie die Stadt Anfang August verließ. Aber die Hauptstadt? Genau dort ist sie nun, sitzt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem Hotelzimmer. Sohraby hatte nie den Wunsch, Afghanistan zu verlassen. Sie konnte sich ja nicht vorstellen, dass die Taliban je wieder das ganze Land beherrschen.
Flucht in den Untergrund
Sie wird noch Wochen versuchen, über den noch offenen Flughafen aus der Stadt zu gelangen. Weil ein rettendes Flugzeug in den kommenden Wochen aber unerreichbar bleibt, wählt sie einen anderen Weg: den in den Untergrund.
Sohraby hat auch fünf Jahre für das Media Center gearbeitet, um die Deutschen über den „kalten Krieg“ im Norden des Landes zu informieren. Wie Nazari schreibt sie Artikel, holt Informationen ein, schützt so die Soldaten. Anfangs denkt sie an das gute Einkommen. Als sie die Ausschreibung sieht, bewirbt sie sich rasch. Ihr gutes Englisch hilft. Sie hat Geologie und islamisches Recht im pakistanischen Karatschi studiert. „Ich wollte mehr tun, als nur Mutter und Lehrerin zu sein“, erzählt sie. „Wir wollten, dass unsere Kinder in einem besseren, sicheren Afghanistan aufwachsen.“
Eine Frau, die für ausländische Soldaten arbeitet? Selbst mancher Verwandter wirft ihr vor, Spionin für die internationalen Truppen zu sein. Ein Schwager lehnt es ab, dass sie zusammen mit Männern arbeitet, und bricht den Kontakt zu ihr ab. In den Augen der Taliban wird sie zur Verräterin. „Als hätte ich der Okkupation den Weg geebnet“, sagt sie.
In Kabul können Sohraby und ihre Familie nach dem Fall der Stadt nicht bleiben. Die Taliban durchsuchen die Häuser, einen Wohnblock nach dem anderen. Anfang September kehren sie nach Masar-i-Scharif zurück, werden zu Gefangenen in ihrer früheren Heimat. Sohraby denkt an die Erlebnisse ihres Mannes, eines Gemüsehändlers in der Balkh-Provinz. Schon vor Jahren sprachen ihn in einer entlegenen Region die Taliban an, sagten, seine Frau solle nicht mehr zur Arbeit gehen. Ihr Mann kehrte nie wieder dorthin zurück.
Die Bildungschancen afghanischer Mädchen haben sich unter dem Taliban-Regime massiv verschlechtert.
Foto: dpaIn Kabul waren sie Unbekannte, in Masar-i-Scharif könnten sie viele auf der Straße erkennen. Sohraby trägt deswegen nicht mehr bloß ein Kopftuch, das ihr schwarzes Haar bedeckt, sondern eine Burka. Ihr Mann lässt sich seinen Bart wachsen, wechselt von lockerer Freizeitkleidung zu traditionellen Gewändern.
In ihr Haus können sie nicht zurück, ihre Freunde nicht wiedersehen. Die ersten Nächte im September verbringen sie im Haus ihrer Mutter, dann mietet Sohraby ein Zimmer vor den Toren der Stadt. Die Taliban bewegen sich meist im Zentrum, durchsuchen dort die großen Stadtvillen, die auf Geld und frühere Regierungsämter hinweisen.
In einem kleinen Raum verbringen sie und ihre Familie fortan Monate, abgeschirmt von der Außenwelt telefonieren sie mit Freunden und der Familie. Auch mit dem Schwager, der sie verprellte. Aus seinen Vorwürfen werden Sorgen. Sein Zorn richtet sich nun gegen andere: „Was machst du denn jetzt nur? Wo sind sie denn jetzt, diese Deutschen?“, habe er gefragt. Sohraby hat darauf keine Antwort.
Mit der Burka bekleidet und ihrer sechsjährigen Tochter an der Seite fühlt sie sich sicher genug, um gelegentlich auf Märkte zu gehen – „eine verschleierte Mutter mit Burka und einem Kind weckt keinen Verdacht“. Ihr Mann verlässt das Zimmer höchstens ein bis zwei Mal im Monat.
Wochenlange Vorbereitung auf die Flucht
So geht es, bis Sohraby im Oktober einen Anruf erhält. Es ist eine deutsche Telefonnummer. Eine Stimme, die Hilfe verspricht. Wochenlang organisieren Mitarbeiter des Nothilfevereins Mission Lifeline ihre Flucht. Pässe für die Ausreise, Visa für die Einreise in Pakistan, Geld für Anwälte, die Verträge begutachten und Fragen zur Migration klären. Es ist ein komplizierter, teurer Prozess. Am Ende wagt die Familie die Flucht.
Voll verschleiert verlässt Marwa Sohraby mit ihrer Familie Mitte November das Zimmer am Stadtrand, so erzählt sie es. Alles, was auf ihre einstige Arbeit hinweist, trägt sie unter der Kleidung, eng am Körper. „Die Taliban würden Frauen nie kontrollieren“, sagt sie. Dennoch wiesen sie Wachen am Flughafen von Masar-i-Scharif ab: Sie haben keine Flugtickets. Drei Stunden Warten vor dem Gelände, erfüllt von der Furcht, doch noch entdeckt zu werden.
Eine Deutsche der Luftbrücke Kabul verhandelt im Gespräch mit Taliban letztlich ihren Einlass, versichert, dass die Familie auf der Liste einer Chartermaschine auf dem Flugfeld stehe. Die Taliban wissen nun, dass Sohraby für einen westlichen Staat arbeitete, aber nicht, dass es das Militär war. Der Einlass gelingt.
Als Marwa Sohraby das Innere des Fliegers erreicht, habe sie sich den Schleier vom Leib gerissen. „Ich trage gewöhnlich keine Burka“, sagt sie kraftvoll, wiederholt den Satz noch ein paar Male.
Der Flieger bringt Sohraby nach Islamabad, Anfang Dezember erreicht sie Deutschland. Sohraby denkt an all die Kollegen, die mit ihr entlassen wurden. Anfang Dezember schreibt sie auf Twitter: „Es stört mich, dass die Bundesregierung keinen einzigen Schritt unternommen hat, um einen von ihnen zu retten! Existiert ihr überhaupt, um unsere lokalen Mitarbeiter zu retten? Ich zweifle an deiner Existenz!“
Während Sohraby mithilfe von Deutschen das Land verlassen konnte, wartet Nazari weiter darauf. In engen Räumen. Fern der Fenster. So lange muss sie geräuschlos und unsichtbar sein.