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Türkei und Frankreich Erdogan ruft zum Boykott französischer Güter auf – Macron habe „ein Problem mit Muslimen“

Weil Macron nach dem Lehrer-Mord einige islamistische Vereine verbieten und Moscheen teils schließen ließ, zieht er Erdogans Wut auf sich. Das könnte gefährlich werden.
26.10.2020 - 18:29 Uhr Kommentieren
Der französische Präsident steht in der Türkei in der Kritik. Quelle: dpa
Proteste gegen Macron

Der französische Präsident steht in der Türkei in der Kritik.

(Foto: dpa)

Paris Der Konflikt zwischen der Türkei und Frankreich erreicht eine neue Dimension. In der Türkei und in mehreren arabischen Ländern wird zum Boykott französischer Produkte aufgerufen, nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinem französischen Kollegen Emmanuel Macron mehrfach vorgeworfen hatte, er habe „ein Problem mit Muslimen“ und solle sich auf seinen Gesundheitszustand untersuchen lassen. Frankreich hat zum ersten Mal seinen Botschafter zurückgerufen.

Die Bundesregierung verurteilte Erdogans Angriffe an diesem Montag als „völlig inakzeptable Diffamierungen“. Außenminister Heiko Maas sagte, der Kampf gegen den radikalen Islamismus habe nichts mit Islamophobie zu tun.

Begonnen hatte der Streit mit einer Auseinandersetzung über den Einsatz türkischer Soldaten in Libyen, die Verletzung griechischer Hoheitsgewässer durch türkische Erdgas-Explorationsschiffe und die Rolle der Türkei im armenisch-aserbaidschanischen Krieg.

Nun zieht der türkische Präsident den Streit auf eine andere Ebene: Er wirft Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron seit Tagen vor, Muslime zu verfolgen und zu erniedrigen. Regierungsnahe Medien sprechen von einer „Hexenjagd gegen Muslime in Frankreich“. Das Land beleidige den Islam durch die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen.

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    Macron hatte mehrfach betont, dass er nicht über Religionen zu urteilen habe, in Frankreich aber auch die Blasphemie als Teil der Meinungsfreiheit erlaubt sei. Daraus machen Erdogan und ihm ergebene Medien nun eine staatlich verordnete Verhöhnung des Islams.

    Erdogan: „Helft keinen Marken aus Frankreich und kauft sie nicht!“

    Rempelei gegen Macron könnte in Gewalt umschlagen

    Genau solche Vorwürfe waren der Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty am 16. Oktober durch einen Russen tschetschenischer Abstammung vorausgegangen. In einer systematischen Kampagne wurde dem Lehrer vorgeworfen, islamophob zu sein und Pornografie zu verbreiten.

    Indem sich Erdogan in die Nähe dieser Vorwürfe begibt, überschreitet er eine Grenze: Die öffentliche Rempelei gegen Macron könnte in Gewalt umschlagen.

    Macron hat auf den Mord an dem Lehrer mit dem Verbot verschiedener islamistischer Vereine und der Schließung einiger Moscheen reagiert. Außerdem soll im Rahmen eines kommenden Gesetzes die Entsendung von Imams aus dem Ausland nach Frankreich eingeschränkt werden.

    Das würde vor allem die Türkei treffen, die besonders aktiv ist bei der Verschickung muslimischer Geistlicher nach Westeuropa. Sie würde einen Teil ihres Einflusses auf die Muslime verlieren. Auch das erklärt wahrscheinlich die Heftigkeit der Angriffe, die Erdogan nun gegen Macron führt.

    Supermärkte listen französische Produkte aus

    Auf Twitter finden sich mittlerweile zahllose Aufrufe zum Boykott französischer Waren. Die Autoren bezeichnen sich als Türken, Jordanier, Kataris oder Kuwaiter. Die Tweets sind allerdings häufig ähnlich gestaltet, laufen oft unter dem Hashtag #MacronTheDevil und weisen eine identische Liste mit den Logos von über 40 französischen Marken auf, von Käse und Kugelschreibern bis zu Luxusprodukten. Einige französische Politiker verdächtigen die Türkei, hinter der Boykottkampagne zu stecken.

    Französische Medien berichten von Supermarktketten in mehreren Golfstaaten, die damit begonnen hätten, französische Produkte auszulisten. Auf Fotos ist zu sehen, wie Käse, Marmelade oder auch Shampoo aus den Regalen genommen werden.

    Die Boykottaufrufe schockieren in Paris niemanden, sehr besorgt ist die Regierung aber über die Politik Erdogans. Angesichts der Schwächung des Irans wolle Erdogan sich zum Führer der – in seinem Fall sunnitischen – Muslime aufschwingen, lautet die Interpretation. Am Sonntag griff der türkische Präsident auch die Bundesrepublik an, weil eine Moschee aufgrund des Verdachts von Unterschlagung durchsucht wurde.

    Paris sieht Erdogan als wirtschaftlich und politisch geschwächt an. Seine Angriffe auf Frankreich und Deutschland und sein aggressives Vorgehen im östlichen Mittelmeer sollten davon ablenken, dass das Land dank der Politik Erdogans wirtschaftlich auf dem Abstieg sei.

    Frankreich, Deutschland und die EU müssten sich energisch gegen den systematischen Versuch Erdogans stellen, die EU einzuschüchtern und Einfluss auf die Muslime innerhalb der Mitgliedstaaten zu gewinnen.

    Mehr: Erdogan setzt mit seiner aggressiven Außenpolitik die Zukunft des Landes aufs Spiel.

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