Ukraine: Angriffe auf russische Pipeline führen zu Streit mit Ungarn
Zürich. Ukrainische Drohnen haben im August zehn Anlagen der russischen Energieinfrastruktur angegriffen. Kiew verfolgt mit diesen Schlägen zwei Ziele. Einerseits soll die Versorgung in Russland beeinträchtigt werden, um die russische Bevölkerung die Folgen des Krieges spüren zu lassen.
Die Nachrichtenagentur Reuters schätzt, dass die Angriffe die russische Kapazität zur Verarbeitung von Erdöl vorübergehend um 17 Prozent reduziert haben. Tatsächlich sind die Treibstoffpreise in Russland merklich gestiegen. In einigen Regionen des Landes bildeten sich vor den Tankstellen lange Schlangen.
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Andererseits will die Ukraine die russischen Exporte von Energieträgern beeinträchtigen. Trotz der westlichen Sanktionen finanziert der Kreml seinen Haushalt und damit auch seinen Krieg zu 25 Prozent über den Verkauf von Öl und Gas.
Vergangene Woche war bereits zum dritten Mal eine Anlage für den Betrieb der Pipeline Druschba („Freundschaft“), über die russisches Öl nach Westen fließt, angegriffen worden. In einer Pumpstation in der Region Brjansk, nahe dem Dreiländereck zwischen Russland, Belarus und der Ukraine, brach ein Feuer aus.
Empörte Reaktionen aus Ungarn und der Slowakei
Die Schläge gegen die Pipeline machen sich auch bei Russlands verbliebenen Kunden in Europa bemerkbar und haben gehässige Reaktionen ausgelöst. Ungarn und die Slowakei riefen am Freitag die Europäische Kommission auf, gegenüber Kiew auf die Einstellung der Angriffe einzuwirken. Diese gefährdeten die Energieversorgung.
Die zwei ostmitteleuropäischen Länder sind die letzten EU-Mitglieder, die trotz der Sanktionen noch Erdöl aus Russland importieren. Nach den Drohnenangriffen floss jeweils für einige Tage kein Öl durch die Röhre. Nach dem jüngsten Schlag vom Donnerstag hält die Unterbrechung an. Die slowakische Wirtschaftsministerin Denisa Sakova sagte jedoch am Montag, sie rechne mit einer baldigen Wiederaufnahme der Lieferungen.
Am Sonntag fragte eine Journalistin den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, ob die Angriffe Kiews Position gegenüber Budapest stärkten, etwa mit Blick auf das ungarische Veto gegen den Beginn von EU-Beitrittsverhandlungen. Selenskyj antwortete, dass der Fortbestand der Freundschaft in Ungarns Hand liege. Ob er die ungarisch-ukrainische Freundschaft oder die Freundschafts-Pipeline meinte, ließ er offen.
Ungarns Außenminister Peter Szijjarto äußerte sich daraufhin auf X empört über inakzeptable Einschüchterungsversuche und einen Angriff auf die ungarische Souveränität. Sein ukrainischer Amtskollege Andri Sibiha antwortete, es sei nicht an Szijjarto, dem ukrainischen Präsidenten Ratschläge zu erteilen. Ungarn solle seine Energieversorgung diversifizieren und von Russland unabhängig werden.
I will reply in a Hungarian manner.
— Andrii Sybiha 🇺🇦 (@andrii_sybiha) August 24, 2025
You don’t need to tell the Ukrainian President what to do or say, and when. He is the President of Ukraine, not Hungary.
Hungary’s energy security is in your own hands. Diversify and become independent from Russia, like the rest of Europe. https://t.co/G0JPu5xYHo
Später mischte sich auch Polens Außenminister Radoslaw Sikorski ein. Ungarn könne von den Europäern nicht mehr Solidarität erwarten, als es selbst zeige. Tatsächlich hat die ungarische Regierung von Viktor Orban immer wieder eine geeinte westliche Antwort auf den russischen Überfall verhindert oder zumindest verzögert, etwa beim Widerstand gegen europäische Sanktionsbeschlüsse oder beim Beitritt Schwedens zur Nato.
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Am Montag sagte Tamas Deutsch, ein Europaabgeordneter der ungarischen Regierungspartei Fidesz, die Schläge gegen die Pipeline kämen einem Angriff auf die europäische Energiesicherheit und somit einem militärischen Angriff auf die EU gleich.
Finanzielle Interessen als wahrer Grund?
Nach der Affäre im Mai um ungarische Spione in der westukrainischen Region Transkarpatien hat das Verhältnis zwischen den beiden Ländern damit einen neuerlichen Tiefpunkt erreicht. Belastet ist dieses ohnehin schon lange durch Budapests russlandfreundliche Haltung, aber auch wegen des Streits um die Rechte der ungarischen Minderheit in der Ukraine.
Eine ironische Randnotiz ist dabei, dass der letzte ukrainische Angriff auf die Pipeline von einer Drohneneinheit ausgeführt wurde, die unter dem Kommando von Robert Browdi steht. Der Major mit Kampfnamen Madjar ist ein ethnischer Ungar aus Transkarpatien.
Doch wie gefährlich sind die Schläge gegen Druschba wirklich für die Energieversorgung Ungarns und der Slowakei? Die Abhängigkeit von russischem Öl ist mit jeweils über 80 Prozent zwar sehr hoch. Der Anteil ist seit Kriegsausbruch sogar angestiegen. Jedoch verfügen beide Staaten über Reserven für mehr als 90 Tage und können vorübergehende Ausfälle problemlos überbrücken. Darauf verwies auch die EU-Kommission in ihrer Antwort auf den Brief Budapests und Bratislavas.
Außerdem gibt es mit der zur kroatischen Küste führenden Adria-Pipeline eine Alternative zu Druschba, zumindest für Ungarn. Zwar vertritt der teilstaatliche ungarische Mineralölkonzern MOL, der in Ungarn und der Slowakei große Raffinerien betreibt, die Position, dass eine Umstellung nicht ohne Weiteres möglich sei wegen Kapazitätsengpässen, aber auch weil andere Ölsorten geliefert würden. Laut Energieexperten sind diese Probleme aber lösbar.
Der wahre Grund für das ungarische Festhalten am russischen Öl ist laut dem regierungskritischen Portal Telex finanzieller Natur. Dank russischer Preisabschläge vom Zeitpunkt des russischen Überfalls bis März 2025 lagen die Kosten für die ungarischen Ölimporte 2,3 Milliarden Euro unter dem Marktpreis. Ein Teil davon kam den Konsumenten aufgrund tieferer Preise zugute, der Rest floss als Sondersteuer in den Staatshaushalt. Weder auf das eine noch auf das andere möchte Viktor Orban vor den Wahlen im kommenden Jahr verzichten.