Ukraine-Krieg: Leichen auf den Straßen, Überlebende in Kellern – Was Oleg, 19, im zerbombten Mariupol sah
FILE - Firefighters extinguish an apartment house after a Russian rocket attack in Kharkiv, Ukraine's second-largest city, Ukraine, Monday, March 14, 2022. (AP Photo/Pavel Dorogoy, File)
Foto: APIrgendwann komme der Punkt, an dem man keine Angst mehr habe, an dem man die Raketen, Bomben, Granaten nicht mehr höre. An denen man nur noch funktioniere, um zu überleben. Für Oleg hätte an so einem Moment alles vorbei sein können.
Um Besorgungen zu machen, verlässt der 19-jährige Student mit seinem Vater an einem Kriegstag den Keller in Mariupol, in dem seine Familie sich vor Bomben versteckt, so erzählt Oleg es am Telefon.
Sie hören einen Schuss, dann das Pfeifen eines Sprengkörpers. Sie rennen, das Pfeifen wird lauter. Sekunden später schlägt die Granate vor ihnen auf. Sie explodiert nicht. „Noch nie bin ich dem Tod so nahe gekommen“, sagt Oleg.
Oleg ist der Hölle entflohen, so beschreibt er seine Heimatstadt Mariupol. „Mein ganzes Leben habe ich dort verbracht, ohne je an einen Umzug zu denken“, sagt er. „Jetzt hat die russische Armee alles niedergebombt, niedergebrannt, vernichtet.“
Grosny, Aleppo, Mariupol – Synonyme für die Brutalität der russischen Kriegsführung
Innerhalb kürzester Zeit ist Mariupol zum Schauplatz der schwersten Kämpfe in der Ukraine geworden – zum Synonym für die Brutalität des russischen Angriffskriegs. Wladimir Putins Armee hat die Hafenstadt von der Versorgung abgeschnitten, Wohnviertel, eine Geburtsklinik und ein Theater bombardiert, in dem auch Kinder Schutz suchten.
Militäranalysten vermuten, dass Russland an Mariupol ein Exempel statuieren will, um die ukrainische Kampfmoral zu brechen. Schon jetzt reiht Mariupol sich ein in die russischen Angriffe auf das syrische Aleppo und das tschetschenische Grosny, die 2016 beziehungsweise 1999 ohne Rücksicht auf ihre Bewohner in Schutt und Asche gelegt wurden.
Die Stadt am Asowschen Meer liegt zudem an einem strategisch wichtigen Küstenabschnitt. Würde ihn die russische Armee erobern, verbände er die bereits von Russland kontrollierten Gebiete des Donbass und der Krim.
Stand: 17.3.2022
Foto: HandelsblattOleg und seine Familie konnten Mariupol vor wenigen Tagen verlassen. Sein richtiger Name steht hier aus Sicherheitsgründen nicht. Er sei zwar vor den Raketen sicher, sagt Oleg, aber nicht außer Gefahr.
Der Ort, an dem er sich aufhalte, werde von russischen Soldaten kontrolliert. Regelmäßig gebe es Hausdurchsuchungen. Es herrsche Gesetzlosigkeit, Anarchie. „Die Soldaten machen, was sie wollen, und wir sind ihnen mit ihren Gewehren hilflos ausgeliefert.“
Die Telefonverbindung ist schlecht. Oleg musste erst einen Ort mit Handynetz suchen, um mit dem Tagesspiegel zu sprechen. Über einen Messenger schickt er Bilder und Videos, eigene Aufnahmen von der Zerstörung seiner Stadt.
Das meiste Material aus Mariupol habe er aber gelöscht, aus Angst vor Durchsuchungen. Olegs Erzählungen sind nicht unabhängig nachprüfbar. Vieles deckt sich jedoch mit anderen Berichten.
Eigentlich habe Mariupol mit der Belagerung aufgehört zu existieren, sagt Oleg. Er schickt ein Video eines ausgebrannten neunstöckigen Plattenbaus. „Das sind die Überreste meines Hauses.“ Die Plattenbauten im Stadtzentrum hätten lange als eine Art Verteidigungswall fungiert. „Jetzt sind sie alle zerstört.“
„Jeder Tag kann dein letzter sein.“ Aus Mariupol führt für Zivilisten kaum ein Weg heraus.
Foto: IMAGO/ITAR-TASSSeit Kriegsbeginn hätten sich viele Momente in sein Gedächtnis gebrannt, sagt Oleg. „Weil jeder Tag, jede Minute deine letzte sein könnte.“
Er erinnert sich, wie ihm die Tränen kamen, als er das erste Mal die Leichen von Menschen, die er kannte, auf der Straße liegen sah. Er erinnert sich, wie er Essen in den Luftschutzkeller einer Musikschule brachte, in dem 200 Menschen in völliger Dunkelheit ausharrten, nur Stimmen waren zu hören, und Oleg stolperte über ein kleines Kind.
Er erinnert sich, wie in seinem Haus erstmals eine Granate einschlug, in einer Wohnung im dritten Stock. „Zum ersten Mal sah ich ein echtes Wunder“, sagt Oleg. Die Familie, die dort lebte, hatte kurz davor die Wohnung verlassen. Er erinnert sich, wie nach und nach Strom, Heizung und Wasser ausfielen. In der Stadt habe es nur zwei große Wasserfässer mit Trinkwasser gegeben. „Für eine Stadt mit einer halben Million Einwohner reicht das bei Weitem nicht aus.“ Er schickt ein Video, auf dem er unter Morast aus einer Quelle Wasser in einen Bottich abschöpft.
Und Oleg erinnert sich an den Hunger. An den Tag, an dem seine Familie auf einem Lagerfeuer versuchte, Brot zu backen, weil das Gas aus war. Daran, wie Menschen einen Kleiderschrank aus dem Haus trugen, um damit Feuer zu machen.
Die Berichte erinnern an die Blockade von Leningrad durch die Wehrmacht
Die Berichte aus Mariupol erinnern an die Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg, als Nazi-Truppen drei Jahre lang das heutige St. Petersburg belagerten und in der Folge mehr als eine Million Menschen verhungerten. Aus Mariupol Geflohene berichteten der „Financial Times“ jüngst, Bewohner seien so verzweifelt, dass sie streunende Hunde essen würden. Diese ernährten sich wiederum teils von unbeerdigten Leichen.
Am schlimmsten sei es gewesen, als die Heizung ausfiel, sagt Oleg. Draußen sei Frost gewesen, drinnen hockten die Leute in Wohnungen, aus denen die Fensterscheiben herausgesprungen seien. In den Kellern sei es besser gewesen.
Der Atem der Menschen habe die Räume beheizt. Oleg sagt, er habe sich schnell an ein Leben ohne Strom gewöhnt. Einige Menschen hätten Generatoren gehabt, an denen man Handys aufladen konnte. „Aber wozu braucht man ein Telefon, wenn es keinen Empfang gibt?“ Erst nach einer Woche Belagerung fand er Stellen, an denen er sporadisch Netz hatte.
Als zuvor das Handynetz ausfiel, habe er versucht, mit einem batteriebetriebenen Radio ukrainische Sender zu empfangen. „Aber fast alle Frequenzen wurden von russischer Propaganda überdeckt.“ Bewohner informierten einander durch Gespräche und Gerüchte.
Oleg begegnete zum Beispiel einem Mann aus dem Stadtbezirk Iljischewski, der ihm erzählt habe, welche Gebäude dort von Bomben zerstört wurden. „Ich habe jedes Mal gebetet, nicht die Adressen meiner Liebsten zu hören.“
Seine Beobachtungen schrieb Oleg in ein Tagebuch. „Es gab so vieles, das ich verarbeiten musste, aber mit meiner Familie wollte ich nicht über meine Sorgen sprechen und sie damit noch mehr belasten.“
Außerdem habe er die Kriegsgräuel festhalten wollen. „Damit die russische Armee später nicht behaupten kann, dass die Stadt gar nicht umzingelt gewesen sei oder ihre Piloten Helden seien.“ Denn das seien gerade die ukrainischen Soldaten, die Mariupol verteidigten. „Die Jungs kämpfen tapfer, alleine und ohne Hilfe bis zum Tod weiter.“
Mit zerstörten Autos versuchen die Menschen, der Belagerung zu entkommen.
Foto: ReutersNach mehr als zwei Wochen Belagerung konnte Oleg mit seiner Familie die Stadt vergangene Woche über einen „inoffiziellen Korridor“ verlassen. Die Straße habe am Meer entlanggeführt, erzählt er, vorbei an scharfen Minen. Die Fahrzeugkolonne habe mit weißen Fahnen und der Aufschrift „Kinder“ signalisiert, dass sie aus Zivilisten bestand.
Nachdem Olegs Familie entkommen konnte, sind in den letzten Tagen russische Truppen ins Zentrum Mariupols eingedrungen. Berichten zufolge soll es schwere Kämpfe auf Einkaufsstraßen und nahe dem Theaterplatz gegeben haben. In der Nacht auf Montag stellte das russische Verteidigungsministerium den ukrainischen Streitkräften ein Ultimatum, Mariupol bis zum Morgen an die russische Armee zu übergeben. Die Ukraine lehnte ab.
Olegs Familie ist in einer Kleinstadt am Meer untergekommen, 40 Kilometer von Mariupol entfernt. „Zunächst konnte ich nicht glauben, dass hier Wasser aus dem Hahn fließt, dass es Strom gibt“, sagt er. Dann seien seine Gedanken gerast. Er habe befürchtet, dass Menschen, die er kannte, tot seien.
Jetzt, da er mit seinem Handy wieder eine Verbindung zur Außenwelt habe, würden sich die Leute nach und nach melden. Doch die Erleichterung werde vom Gedanken überdeckt, dass schätzungsweise 300.000 Menschen in Mariupol zurückgeblieben sind, darunter Olegs Großeltern, Freunde, Verwandte. Er weiß nicht, wie es ihnen geht.
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Im Osten der Stadt sollen russische Streitkräfte bereits Kontrolle über Wohnviertel erlangt haben. Sie sollen dort Tausende von Einwohnern gegen deren Willen nach Russland deportiert haben. Das berichteten der Stadtrat Mariupols und Augenzeugen internationalen Medien.
Wohin es für seine Familie weitergehen soll, weiß Oleg nicht. Sie könnten in andere Landesteile oder nach Russland fahren. Aber auf beiden Wegen gebe es Gefahren. „Im Grunde stecken wir fest.“
Er habe mitbekommen, dass Deutschland die Ukraine zu Kriegsbeginn kaum unterstützt, nur ein paar Schutzhelme geliefert habe. „Sie müssen verstehen, dass wir heute in der Ukraine leiden und kämpfen, damit Sie sich in Europa sicher fühlen können“, sagt Oleg.
Der Krieg könne schnell auch anderswo hinkommen. Putin habe gezeigt, dass er bereit sei, alle Grenzen zu überschreiten. „In Mariupol habe ich gesehen, wie er sich einen Dreck schert um internationales Recht, um die UN, um Menschenleben.“ Diplomatie beruhe darauf, die Sprache des Gesprächspartners zu sprechen – Putin kenne nur die Sprache der Gewalt. „Schweigen Sie bitte nicht“, appelliert Oleg. Dann hält er inne. „Ich muss los“, sagt er. „Jetzt wird wieder geschossen.“