Ukraine-Krieg: Wie eine russische Rakete das Dorf Hrosa praktisch ausradiert hat
Eine russische Rakete schlug in einem Café ein, in dem sich Freunde und Verwandte zur Totenwache für Kozyr versammelt hatten.
Foto: dpaWien. Der Hauptgang des Leichenmahls für die 63 Trauergäste war gerade serviert worden, als die Rakete einschlug. Kurz vor halb zwei Uhr nachmittags waren am 5. Oktober fast alle Anwesenden tot: Beim Angriff auf ein Restaurant in Hrosa verloren 59 Menschen ihr Leben, unter ihnen ein achtjähriger Junge.
Das ostukrainische Dorf, wo nach eineinhalb Jahren Krieg und Besetzung nur ein kleiner Teil der einst 500 Einwohner verblieben war, wurde faktisch ausgelöscht.
Der Angriff ist nach jenem auf das Theater in Mariupol und den Bahnhof von Kramatorsk im letzten Jahr jener mit den drittmeisten zivilen Opfern des gesamten Krieges. In allen Fällen sehen Experten die Verantwortung klar bei den Russen.
Für das 60 Kilometer südöstlich von Charkiw gelegene Dorf Hrosa hat das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte den Tathergang nun sorgfältig rekonstruiert und in einem Bericht dokumentiert. Aus diesem stammt auch die obige Schilderung.
Der Schritt ist ungewöhnlich für die Organisation. Ein Sprecher begründet ihn auf Anfrage mit der hohen Opferzahl und den schweren lokalen Folgen. Und auch wenn dies die Uno so nicht bestätigt: Es geht darum, den russischen Desinformationskampagnen eine objektive Informationsquelle entgegenzustellen.
Auch Ukraine häufig intransparent
Dies ist umso wichtiger, als auch die Ukrainer in heiklen Fällen zu wenig transparent agieren. Dies zeigte sich beim Raketenangriff auf die Kleinstadt Kostjantiniwka mit 16 Toten Anfang September. Kiew beschuldigte sofort Moskau. Allerdings präsentierte die „New York Times“ in einem aufsehenerregenden Artikel ernstzunehmende Hinweise darauf, dass die Explosion auf dem Markt die Folge einer irregeleiteten ukrainischen Abwehrrakete war.
Bei dem russischen Raketenangriff starben 59 Menschen.
Foto: dpa„Alles wie in Kostjantiniwka“, schrieb das russische Propaganda-Portal Zargrad dann auch sofort nach dem Raketenangriff in Hrosa. Es handle sich um eine „weitere Provokation“ der Ukrainer, um von innenpolitischen Problemen abzulenken und sich im Westen Unterstützung zu sichern.
Russlands Propaganda dient der Verwirrung
Kreml-Vertreter versuchten den Angriff zu rechtfertigen, indem sie das Dorf als legitimes militärisches Ziel darstellten. So seien in dessen Umgebung „ausländische Söldner“ stationiert.
Russlands Uno-Botschafter Wasili Nebensja behauptete dagegen, die meisten Toten seien Neonazis gewesen, die für die Beerdigung „eines hochrangigen Nationalisten“ nach Hrosa gepilgert seien. Konsistenz ist für Russlands Propaganda weniger wichtig als Verwirrung durch ständig neue Versionen des Geschehens.
Nur Zivilisten am Leichenmahl präsent
Die Uno-Untersuchung räumt mit beiden Behauptungen auf. Aufgrund der Analyse von Trümmerteilen, der gleichzeitigen Offensive gegen die nahe gelegene Stadt Kupjansk und die Argumentation des Kremls nach der Attacke macht sie Moskau direkt verantwortlich. Zum Einsatz gekommen sei eine Rakete des Typs Iskander-M. Diese haben die Ukrainer nicht in ihrem Arsenal.
Russland hat laut der Uno entweder keine Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass es sich bei dem beschossenen Restaurant um ein militärisches Objekt handelt, oder aber bewusst Zivilisten ins Visier genommen. Befragungen von Überlebenden hätten ergeben, dass an der Beerdigung zwar fünf Armeeangehörige für einen Ehrensalut präsent gewesen seien. Sie hätten die Trauergemeinde aber vor dem Leichenmahl verlassen.
Zum Einsatz gekommen sei eine Rakete des Typs Iskander-M.
Foto: dpaÜber den am 5. Oktober Beerdigten ist bekannt, dass er mit seinem Sohn zu Beginn des Krieges aus Polen zurückgekehrt war, um gegen Russland zu kämpfen. Andri Kosir tat dies in der 53. Mechanisierten Brigade, in die einst auch das nationalistische Freiwilligenbataillon „Aidar“ integriert worden war.
Kosir verbrachte einige Monate in der Ausbildung, bevor er im Sommer 2022 an die Donbass-Front geschickt wurde. Dort fiel er nach nur drei Tagen. In welcher Untereinheit er gedient hatte und welchen Rang er hatte, lässt sich nicht verifizieren.
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Da sein Heimatdorf Hrosa vor der Charkiw-Gegenoffensive der Ukrainer unter russischer Besatzung gestanden hatte, wurde Kosir zunächst in Dnipro beerdigt. Sein Sohn organisierte die Umbettung Anfang Oktober. Er kam zusammen mit seiner ganzen Familie und Dutzenden von Dorfbewohnern ums Leben.
Die Russen glaubten möglicherweise sogar der eigenen Propaganda. Die ukrainischen Nachrichtendienste haben mitgeteilt, dass Kollaborateure die Information über das „Treffen der Nationalisten“ an Russland weitergeleitet hätten. Dies zeigt auch, wie viel Misstrauen in den befreiten, frontnahen Gebieten herrscht – und wie zynisch die Russen brutale Gewalt anwenden, ohne Rücksicht auf Zivilisten.