Ukraine: Das Leben in Charkiw nach der russischen Besatzung: „Nicht einmal Plünderer trauen sich hierher“
Die russischen Besatzer haben in der Region um Charkiw zahlreiche Sprengfallen hinterlassen.
Foto: IMAGO/NurPhotoCharkiw. Am Mittag wurden die Passagiere des Zuges Kyjiw-Charkiw an ihrem Ziel von einer Luftschutzsirene begrüßt. Der Warnturm mit der Lautsprecheranlage steht direkt neben dem Bahnhofsgebäude, sodass der Heulton der Sirenen kräftig und beängstigend durch die Luft schallt.
Instinktiv schaue ich mich nach Hinweisschildern zu einem Luftschutzkeller um. Doch es gibt nichts dergleichen in der Nähe. Die Charkiwer, die sich auf dem Bahnhofsvorplatz aufhalten, stört das Gefahrensignal offenbar nicht. Der Krieg hat sie unempfindlich gemacht für die alltäglichen Anzeichen des Krieges.
Dabei ist die Oblast Charkiw nach Donezk und Luhansk eine der am stärksten vom Krieg gezeichneten Regionen der Ukraine. Sie liegt an der Grenze zur Russischen Föderation und war aufgrund dieser Nähe von den ersten Kriegstagen an besetzt. Im September vergangenen Jahres befreiten die ukrainischen Streitkräfte in einer überraschenden Gegenoffensive die Oblast wieder zu 80 Prozent.
Seither läuft der Wiederaufbau auf Hochtouren. Der Bürgermeister von Charkiw, Igor Terechow, bezifferte die Kosten dafür kürzlich auf neun Milliarden Dollar, also etwas mehr als acht Milliarden Euro. Eine solche Summe ist für die Stadtverwaltung jedoch nicht zu stemmen. Sie zählt daher auf internationale Partner.