Ukraine: „Wann hört dieser Irrsinn endlich auf?“ – Die Geiseln des Krieges im Donbass
Kein Geld zur Flucht von der Frontlinie.
Foto: Handelsblatt/BrüggmannMariupol, Kiew. Die mit unzähligen Schlaglöchern gespickte Piste heißt immer noch Sowjetskaja Uliza – Straße der Sowjetunion. Als sei die einstige Weltmacht nie zerfallen. Dabei liegt die Straße nur fünf Kilometer entfernt von der Front im Donbass, dem Teil der Ukraine, in dem fast täglich der eigentlich ausgehandelte Waffenstillstand mit Russland gebrochen wird.
An der Sowjetskaja Uliza steht Viktor und schraubt am Motor seiner „Gazelle“, seinem 19 Jahre alten russischen Lieferwagen. Er ist Krankenwagenfahrer im nahe gelegenen Stahlwerk „Iljitsch“ in Mariupol am Asowschen Meer. Nebenbei bessere er seinen Lohn von umgerechnet 504 Euro netto mit Lieferfahrten mit seiner „Gazelle“ auf. Dabei werde er oft in Frontnähe beschossen.
Sein Haus im Dorf Wynohradne erbebe immer mal wieder, wenn die Separatisten der selbst ernannten „Volksrepublik“ Donezk (DNR) Granaten in Richtung Mariupol abfeuern. Viktor lebt seit acht Jahren mit der täglichen Kriegsgefahr. Und an diesem Tag zuckt er die Schultern. „Wo sollen wir hin? Und womit? Nur mit einer Hose bekleidet fliehen?“
Lethargie, Resignation und Fatalismus haben sich an der Frontlinie in diesem Krieg, der schon 14.000 Menschenleben gefordert hat, breitgemacht. Acht Jahre Schüsse und Detonationen haben die Menschen zermürbt. Und so haben viele selbst hier, so dicht an den Separatistengebieten im ostukrainischen Donbass, inzwischen nicht einmal mehr die Kraft zur Angst vor einem neuen Überfall.
Trotz der inzwischen 150.000 Soldaten, Panzer, Kampfjets und inzwischen sogar Atomwaffeneinheiten, die Russland an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen hat.
„Wann hört dieser Irrsinn endlich auf?“
Niemand weiß, was der russische Präsident Wladimir Putin wirklich will und ob er losschlägt. Die internationale Krisendiplomatie zwischen Washington, Brüssel und Berlin, Paris, Moskau und Kiew läuft heiß.
Für Krankenwagenfahrer Viktor an der Front zum Donbass hat sich in den vergangenen Monaten hingegen nichts geändert. „Wir leben einfach irgendwie weiter“, meint er. Und schiebt dann nach: „Wann hört dieser Irrsinn endlich auf?“
Mit Holzgewehren proben Zivilisten den Kriegsfall.
Foto: action pressWer konnte und Geld hatte, sei weggezogen. Schilder mit „zu verkaufen“ an der Sowjetstraße zeugen davon. Die jungen Menschen seien in EU-Länder gezogen, erzählt Viktor. 60 Euro täglich bekämen sie dort als Lastwagenfahrer.
Andere Nachbarn seien zurückgekommen, als ihnen nach ihrer Flucht in westlichere Teile der Ukraine das Geld ausging. „Da hat ja niemand auf sie gewartet, Jobs gab es nicht, und staatliche Hilfen reichen nicht zum Überleben“, sagt der Mann mit den ölverschmierten Händen.
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Auch Wolodimir hat seinen Job als Chef-Veterinär verloren. „Wir haben hier ja keine Kühe mehr, und so kann ich keine Tiere mehr behandeln“, sagt er. Jetzt arbeite er als Tankwart, aber umgerechnet 200 Euro reichten nicht zum Überleben. Seinen Nachnamen will er ebenso wie Viktor nicht nennen.
Anderen gehe es noch viel schlechter als ihm, erzählt Wolodimir. Vor ein paar Wochen habe eine russische Drohne in seinem Dorf Talakiwka den Grenzübergang zerbombt: „Jetzt kommen die alten Mütterchen, die sich hier auf unserer Seite immer ihre Rente abgeholt haben, nicht einmal mehr rüber.“
Eine davon ist seine Mutter. Sie habe noch ihr Haus auf der anderen Seite des Dorfes, die von den Separatisten kontrolliert wird. Wenn Wolodimir sie besuchen will, muss er Hunderte Kilometer um die besetzten Gebiete herumfahren statt drei über die diplomatisch Kontaktlinie genannte De-facto-Grenze.
Immer einen gepackten Koffer unter dem Bett
Wegen seiner Mutter könne er nicht weg – und wisse auch gar nicht wohin. Aber er habe, berichtet der Tankwart, „immer einen gepackten Koffer unter dem Bett“, für den Fall, dass russische Truppen doch angreifen.
Denn kürzlich freigelassene Ukrainer haben berichtet, wie sie teilweise jahrelang in Kellern der Separatisten gefoltert wurden. Wem unterstellt wurde, gegen die neue Führung in den beiden selbst ernannten „Volksrepubliken“ zu sein, der sei gefangen genommen, gefoltert und dann zu Zwangsarbeit genötigt worden.
Osteuropäische Nachbarstaaten rechnen mit einer Million ukrainischer Flüchtlinge, wenn Russland einmarschiert. „Wir sind alle Geiseln des Krieges“, meint der bekannte ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan, der in Charkiw lebt – der zweitgrößten ukrainischen Stadt, nur 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt.
Am Wochenende haben dort Tausende demonstriert mit den gelb-blauen Flaggen der Ukraine. „Wir sind die Ukraine“, schrien sie. Denn Präsident Wolodimir Selenski hatte in einem Interview gewarnt, gerade Charkiw könne von Russland angegriffen werden.
Schon 2014 hatten von Moskau aufgestachelte Separatisten versucht, nach Donezk und Luhansk auch Charkiw zu übernehmen. Auf dem Gebäude der Stadtverwaltung war schon die russische Flagge gehisst worden. „Hysterisch muss man im achten Jahr des Krieges nicht werden“, sagt Zhadan. „Während Menschen im Westen jetzt wieder vom Krieg hören, haben wir den Krieg im Donbass nie vergessen.“
In vielen Städten der Ukraine herrscht eine gespannte Normalität.
Foto: Anadolu Agency/Getty ImagesIn der Hauptstadt Kiew versucht Präsident Selenski, Panik zu vermeiden. Diese helfe nur Russland bei seinem Plan, die Ukraine wirtschaftlich kaputt zu machen und von innen heraus politisch auszuhöhlen.
Doch seit nun auch an der Grenze zu Belarus in nur 300 Kilometer Entfernung immer mehr russische Soldaten, Panzer und Raketenwerfer zusammengezogen werden, lassen sich in Wochenendkursen Hauptstädter an Waffen, teilweise Kalaschnikow-Holzattrappen, ausbilden, um ihr Land zu verteidigen. Am Donnerstag beginnt ein gemeinsames Militärmanöver von Russland und Belarus. Der Westen befürchtet darin die Tarnung eines Angriffs.
Die Schüsse an der Grenze sind Alltagsgeräusch
Mariupol gilt als eines der wahrscheinlichsten Angriffsziele Russlands, da damit die Landanbindung der 2014 annektierten Halbinsel Krim sichergestellt würde. Die 430.000 Einwohner zählende Stadt war einst ein beliebter Schwarzmeer-Badeort und ist bis heute wichtiger Standort der Stahl- und Kohleindustrie. „Das fast tägliche Schießen an der Grenze höre ich kaum noch“, sagt Krankenwagenfahrer Viktor.
Dabei sei es dort allein in den vergangenen Tagen zu „mehr als 200 Verletzungen des im Juli 2020 vereinbarten Waffenstillstands gekommen“, berichtet Mark Etherington, Vizechef der Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im Donbass, der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock am Dienstag. Gerade ist sie mit Schutzhelm und schusssicherer Weste aus Schyrokyne gekommen, einem verlassenen Dorf im ukrainisch kontrollierten Teil des Donbass.
Außenministerin Annalena Baerbock mit Schutzweste und Helm im Osten der Ukraine unterwegs.
Foto: dpaDie Menschen hätten damals auf der Flucht die meisten Habseligkeiten liegen lassen, erzählt die Ministerin. Noch jetzt läge Spielzeug im tauenden Schneematsch, die Häuser seien übersät mit Einschusslöchern und Zeugen des „Krieges mitten in Europa“. Sie habe „sehr bedrückende Bilder“ gesehen und habe „sehr bedrückende Gefühle“.
Deshalb sei ihr so wichtig, dass bei den am Donnerstag in Berlin stattfindenden Gesprächen im sogenannten Normandie-Format (Deutschland, Frankreich, Russland, Ukraine) Fortschritte für die leidenden Menschen auf beiden Seiten der Kontaktlinie erreicht würden. Die Lage dort sei „hochdramatisch“, sagt die Grünen-Politikerin.
„Der Waffenstillstand muss wieder eingehalten werden.“ Denn die Menschen litten dort jeden Tag und könnten nicht wie sie „in gepanzerten Fahrzeugen durch die Straßen fahren“. Tagtäglich seien sie dem Risiko ausgesetzt, „von einem Scharfschützen erwischt zu werden“.