US-Außenpolitik: „Sieben Staaten in fünf Jahren“
San Francisco. Hillary Clinton hat es gerade noch einmal geschafft. Vielleicht jedenfalls. In ihrem jüngsten Buch räumte sie ein, dass es ein kapitaler Fehler war, der Regierung unter George W. Bush die Ermächtigung zum Krieg gegen den Irak zu geben. Zwar wurde in der Folge des Krieges 2003 das Regime Saddam Husseins gestürzt. Aber genau am Erscheinungstag ihres Buches, am Dienstag dieser Woche, holte Clinton ihre Irak-Sünde wieder ein.
Es ist alles viel schlimmer als vorher und ein Ende ist nicht abzusehen. Islamistische Kämpfer überrollen das Land in einer massiven Angriffswelle, die sunnitische Terrorgruppe Isis besetzt die Provinz Anbar, Hundertausende Menschen fliehen aus der Stadt Mossul, die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht von Massenexekutionen, Bombenanschlägen auf Zivilisten, Folter und mehr. Die irakische Regierung ist machtlos und ruft nach Hilfe aus den USA.
Doch in Washington herrscht Ratlosigkeit. Präsident Barack Obama spricht von einem „Notfall“ und hält sich ausdrücklich „alle Optionen“ offen. Doch sofort nach seinem Statement machte das Weiße Haus klar, dass dies nicht den Einsatz von Bodentruppen einschließt. Auch der türkische MinisterpräsidentRecep Tayyip Erdogan will im Irak nicht militärisch eingreifen. Die Regierung bemühe sich um eine diplomatische Lösung der Krise, sagte der Ministerpräsident.
Obama weiß, dass er den Sündenfall seines Vorgängers George W. Bush nicht mit dem Wiedereinmarsch amerikanischer Truppen heilen kann. Das ist vorbei. Der zuständige Senatsausschuss für die Armee wurde am Donnerstag über die Lage informiert. In der nicht-öffentlichen Sitzung sei aber nur über generelle Themen gesprochen worden, berichten US-Medien, direkte Anträge, etwa auf Bereitstellung von Finanzmitteln oder Truppen, habe es nicht gegeben.
Der Sprecher der republikanischen Mehrheit im Kongress, John Boehner, schiebt Präsident Obama die Schuld für das Desaster zu. Das Versagen seiner Außenpolitik im Mittleren Osten und eine fehlende Strategie für Syrien oder Ägypten, habe „fatale Konsequenzen für den Irak und die amerikanischen Interessen“ in der Region. „Wir haben vitale Interessen im Irak“, betont Boehner, und so werde es auch bleiben.
Irak ist einer der größten Öllieferanten der Welt, und nach dem Fall des Hussein-Regimes sind große US-Firmen einmarschiert. Der republikanische Senator John McCain aus Arizona forderte schlicht den kompletten Rauswurf von Obamas Beraterteam für die nationale Sicherheit. Das Ganze sei ein „kolossales Versagen der amerikanischen Sicherheitspolitik.“
08:20 Uhr. Am Morgen des 11. September 2001sieht Manhattan noch friedlich aus - das World Trade Center steht. Im Nachhinein betrachtet ist der Ausfall des Transpondersignals des American-Airlines-Flug 11 das erste Anzeichen einer Flugzeug-Entführung. Das Signal für die Maschine verschwindet von den Bildschirmen der Luftüberwachung.
Foto: ap08.46 Uhr: Das Flugzeug des American-Airline-Flug-11 rast in den nördlichen der beiden Türme des World Trade Centers in New York. Augenzeugen glauben zunächst an ein Unglück. Weniger als zwei Minuten später beginnt der New Yorker Fernsehsender WNYW als erster TV-Sender mit der Live-Berichterstattung über die Terroranschläge.
Foto: dapdDas Flugzeug reist ein riesiges Loch in die Fassade des Nordturms. Noch bleibt das Gebäude aber stehen.
Foto: dapdWährend das zweite entführte Flugzeug bereits Kurs auf den Südturm nimmt, werden über Lautsprecherdurchsagen die Menschen im Südturm aufgefordert, Ruhe zu bewahren und an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben.
Foto: dapd09:03 Uhr. Unites Airlines Flug 175 nähert sich dem Südturm. Nur 17 Minuten nach dem ersten Crash im Nordturm, fliegt das Flugzeug in den Südturm.
Foto: dapdDen Behörden und vielen Zuschauern der Fernsehmeldungen wird damit klar, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um einen gezielten Angriff handeln muss.
Foto: Reuters09.05 Uhr: US-Präsident George W. Bush wird beim Besuch einer Grundschule in Sarasota (Florida) vom zweiten Einschlag informiert. Stabschef Andrew Card flüstert ihm zu: "Amerika wird angegriffen."
Foto: dapd
09.30 Uhr. Während riesige Rauchwolken aus den Twin Towers in den Himmel wachsen, spricht Bush vor Kameras von einer "nationalen Tragödie". Es handele sich "offensichtlich" um eine Terrorattacke.
Foto: dapdAuf Fernsehkanälen weltweit wird das Programm unterbrochen. So wie CNN berichten die alle Sender live von der Katastrophe.
Foto: dpaIn den Türmen bricht Panik aus. Ein Ausschnitt aus Filmmaterial zeigt, wie Menschen aus dem Gebäude fallen oder sogar springen. Genau weiß das niemand.
Foto: Reuters09.37 Uhr. Das drittes Flugzeug des American Airlines Flug 77 rast in das amerikanische Verteidigungsministerium in Arlington bei Washington. Ein Teil des riesigen Gebäudes am Potomac-Fluss wird verwüstet.
Foto: ReutersDer Jet schlägt eine Bresche durch drei Gebäudeteile auf der westlichen Seite; sein Flugbenzin explodierte und löste einen Großbrand aus. Pentagon, Weißes Haus, weitere Ministerien und das Kapitol werden evakuiert.
Foto: AFP09.55 Uhr. Nur noch wenige Minuten werden die beiden Türme des World Trade Centers stehen. Bush will von Florida nach Washington fliegen, ändert aber den Kurs und landet auf der Air-Force-Basis Barksdale im Bundesstaat Louisiana. Von dort reist er nach Nebraska, später nach Washington.
Foto: dpa09.59 Uhr. Der Kollaps beginnt. Der Südturm des World Trade Centers stürzt zusammen.
Foto: dapdWie eine Lawine stürzen Gebäudeteile, Stahlträger, Betonbrocken und Schutt zu Boden.
Foto: dapdDie Schutt-Lawine rollt durch die Straßen Manhattans. Die Menschen fliehen.
Foto: dapd10.28 Uhr. Der zweite, nördliche Zwillingsturm stürzt ein.
Foto: dpaFeuerwehrmänner suchen in den Trümmern nach Verschütteten.
Foto: ReutersNur wenige Stunden nach der Entführung der Flugzeuge liegt das südliche Manhattan in Schutt und Asche.
Foto: dapd20.30 Uhr. Der US-Präsident kündigt in einer Fernsehansprache an, die Täter gnadenlos zu verfolgen: "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen denen, die diese Attacken ausgeführt haben, und denen, die ihnen Schutz bieten."
Foto: ReutersVon den einst riesigen Türmen...
Foto: dapd... ist fast nichts mehr übrig.
Foto: ReutersAm Morgen danach ist Manhattan immer noch in Rauch gehüllt. In der Skyline New Yorks fehlen die weltberühmten Zwillingstürme.
Foto: dapdDas sieht Wesley Clark, US-General im Ruhestand, auch so. Allerdings hat er die Ursachen ganz woanders ausgemacht. In seiner Biografie und bei einer Veranstaltung des Commenwealth Club in San Francisco erzählte er bereits 2007, was wirklich passiert sei.
Kurz nach dem Terroranschlag auf die USA 2001 war Clark im Pentagon, als ihn ein Pentagon-Mitarbeiter den er kannte in sein Büro bat und ihm eröffnete, dass die USA den Irak angreifen werde. Auf die Frage warum, antwortete der nur „Wir wissen es nicht“. Der Irak werde auch nicht mit dem Anschlag auf das World Trade Center in Zusammenhang gebracht. Wochen später habe er den Offizier wiedergetroffen und gefragt, ob es bei dem Plan bleibe. „Es wird noch viel schlimmer“, habe der geantwortet und ihm von einem geheimen Memo des Verteidigungsministers berichtet: „Wir werden sieben Staaten in fünf Jahren zerstören“.
Gegner des Irak-Kriegs 2005 vor dem Weißen Haus: Gesamtkosten von 2,2 Billionen Dollar.
Foto: dpaIn dem Memo werden Irak, Syrien, Libanon, Lybien, Somalia, Sudan und Iran genannt. In dieser Reihenfolge. „Unser Land war in die Hände einer Gruppe von Männern, Paul Wolfowitz, Dick Cheney, Donald Rumsfeld und anderen, geraten, die den mittleren Osten destabilisieren, ins Chaos stürzen und unter unsere Kontrolle bringen wollten“, resümiert der heute 69-jährige pensionierte General und Vietnam-Veteran.
Das mit dem Chaos hat jedenfalls funktioniert, das mit der Kontrolle weniger. Clark steht nicht alleine da mit seiner Meinung. Die politische Webseite „Motherjones“ berichtet von einem Wahlkampfauftritt des Senators Rand Paul von der Tea-Party-Fraktion der Republikaner. Er legte dabei dar, wie das Attentat auf die Zwillingstürme als Vorwand für den Einmarsch in den Irak genutzt worden sei und wer davon profitierte.
Die Ölfirma Halliburton, bei der der damalige Vize-Präsident Dick Cheney bis ins Jahr 2000 CEO war, habe laut Paul „direkt nach Kriegsausbruch einen milliardenschweren Auftrag ohne jede Ausschreibung“ bekommen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber 2013 hat die Financial Times versucht, einmal zusammenzutragen, was bekannt ist. Demnach sind an private Unternehmen mindestens 138 Milliarden Dollar Steuergelder geflossen, um Dienstleitungen, Beratung, Sicherheitsdiente oder Waren für den Irak-Krieg zu liefern. Empfänger Nummer eins: Halliburton mit 39 Milliarden Dollar.
Insgesamt verloren 4488 US-Soldaten ihr Leben, aber 70 Prozent der 190.000 Getöteten waren Zivilisten, so eine Studie der Brown Universität in Rhode Island. Die Gesamtkosten, einschließlich Wiederaufbau und Behandlungskosten für US-Soldaten, beläuft sich der Studie Zufolge auf 2,2 Billionen Dollar. Weit mehr als die 60 Milliarden, die optimistisch zu Beginn des Feldzugs angegeben worden waren.
Bei der Auftragsvergabe für die lukrativen Irak-Kontrakte nahm die Korruption dabei solche Ausmaße an, dass sich die Regierung genötigt sah, eine eigene Kommission einzurichten. Die Wartime Contracting Commission legte 2011 ihren Abschlussbericht vor. Mindestens 31 Milliarden Dollar seien durch Verschwendung und Betrug in Irak und Afghanistan verlorenen gegangen. Das Fazit: Die Regierung habe eigentlich überhaupt keinen Plan gehabt, wie man so etwas verhindern konnte.
Geradezu neidisch muss man in Washington jetzt auf Russland schauen. Die handstreichartige Übernahme der Krim durch Russland lief, verglichen mit Afghanistan oder Irak, geradezu mustergültig und wohlorganisiert ab. Russlands Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete am Donnerstag die Offensive der Islamisten als „beunruhigend“. Russland sieht sich selbst islamistischer Gewalt in erheblichem Ausmaß gegenüber und musste in Afghanistan bereits einen hohen Blutzoll zahlen. Damals kämpften sie gegen die zu dieser Zeit von den USA auch mit modernen Waffen hochgerüsteten Taliban.
Auch Lawrow verwahrt sich dagegen, die Krise in Syrien für die Probleme verantwortlich zu machen. Das hätten Amerikaner und Briten angezettelt. Aber von Häme oder Triumpf ist da nicht viel zu spüren: „Wir können uns nicht darüber freuen, dass das Irak-Abenteuer der Amerikaner und Engländer nicht gut endet.“
Er hat guten Grund zur Besorgnis. Irak könnte nur das Vorspiel zu dem sein, was die Welt zu erwarten hat, wenn die USA ihr Abenteuer in Afghanistan beenden werden. Dann steht Russland wieder ganz an der vordersten Front.