US-Präsidentschaftswahlkampf: Spekulationen über „Running Mate“: Wer würde Vize unter Donald Trump werden?
Washington. Seit seinem Durchmarsch bei den Vorwahlen in Iowa und New Hampshire zeichnet sich ab, dass Donald Trump die US-Republikaner in die Präsidentschaftswahlen 2024 führen wird. Kommen nicht außerplanmäßige Umstände dazwischen, dürfte er im Sommer zum Spitzenkandidaten und Herausforderer von US-Präsident Joe Biden gekürt werden.
Doch im Wahlkampf braucht er einen Vizepräsidentschaftskandidaten – oder eine Kandidatin, denn es ist wahrscheinlich, dass Trump eine Frau zum „Running Mate“ macht. Wo Trump auftaucht, wird genau beobachtet: Wer steht neben ihm, wer besucht ihn häufig, welche Namen lässt Trump in Gesprächen fallen?
Bis zur Entscheidung können Monate vergehen, doch die Frage des Stellvertreters ist eng mit Trumps Wiederwahlchancen verknüpft. Sein früherer Vize Mike Pence, der mit Trump inzwischen über Kreuz liegt, umgarnte Großspender und Evangelikale, gemeinsam gewannen sie die Wahlen 2016. Jetzt kursiert wieder eine Reihe von Namen, auch von Personen, die erst auf den zweiten Blick geeignet wären – und die gerade deshalb für Trump attraktiv sein könnten.
Wer wird die Nummer zwei in Trumps Wahlkampf? Ein Überblick des Kandidaten-Tableaus.
1. Die strategisch Sinnvollen
Donald Trumps größtes Problem ist es, dass er kaum außerhalb seiner Kernbasis mobilisiert. „Seine Zustimmungsrate hat sich im Grunde nie verändert“, erklärt der amerikanische Historiker Allan Lichtman, „sie liegt konstant bei rund 40 Prozent. Doch um eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen, muss man noch etwas drauflegen“, um Frauen, Wechselwähler, Moderate und höher Gebildete zu überzeugen. Nikki Haley, die Trump derzeit noch im Rennen um die Spitzenkandidatur herausfordert, punktet in Zielgruppen, die mit Trump fremdeln. „Rein strategisch wäre ein Trump-Haley-Ticket die beste Kombination für die Republikaner“, so Lichtman. Allerdings beschimpft Trump Haley als „Vogelhirn“, und Haley weist den Wunsch des „Running Mate“ von sich.
Trumps langjährige Sprecherin und Gouverneurin von Arkansas, Sarah Huckabee Sanders, wäre eine Alternative und eine starke Wortführerin der Konservativen in den gesellschaftlichen Kämpfen um Abtreibung und Transgender-Rechte. Nähe zu Trump sucht auch Tim Scott, Senator aus South Carolina, der gesteht: „Ich liebe Trump einfach.“ Gemeinsam mit Ex-Gesundheitsminister Ben Carson oder dem jungen Abgeordneten Byron Donalds bildet Scott eine Riege schwarzer Spitzenrepublikaner, mit denen Trump neue Wählergruppen erschließen könnte. Seltener fallen die Namen der Senatoren Marco Rubio, der hispanische Wähler binden könnte, oder Joni Ernst aus Iowa, die im Mittleren Westen populär ist. „Allerdings folgt Trump selten einem strategischen Lehrbuch“, gibt Lichtman zu bedenken. „In erster Linie wird er jemanden aussuchen, der absolut loyal und unterwürfig ist.“
2. Die Favoriten der Trump-Fans
Genau diese Loyalität wird Trump brauchen, wenn er im Wahljahr mit mindestens vier Strafverfahren konfrontiert ist. Trumps Kalkül könnte so weit reichen, dass er nur jemanden zum „Running Mate“ macht, der ihn begnadigen würde, sollte Trump als Präsident eines Verbrechens für schuldig gesprochen und des Amtes enthoben werden. In seinen Auftritten droht Trump mit „Vergeltung“ und „Rache“ an seinen politischen Gegnern. Es ist also durchaus möglich, dass er kein ausbalanciertes Tandem möchte, sondern einen gleichgesinnten Verstärker. Die Abgeordnete Elise Stefanik, ranghöchste Republikanerin im Kongress, gilt als plausible Anwärterin auf die Vize-Kandidatur. Die Harvard-Absolventin galt früher als Trump-Kritikerin, inzwischen ist sie eine seiner engsten Vertrauten.
Ebenso loyal ist Kristi Noem, die Gouverneurin von South Dakota. Die Republikanerin wuchs auf einer Ranch auf und wurde nach eigener Erzählung von Eltern erzogen, die „keinen Unterschied zwischen Jungs und Mädchen“ machten. Ihre Kandidatur wäre die Kampfansage einer prominenten konservativen Frau an Bidens Vizepräsidentin Kamala Harris, die wiederum für sich beansprucht, die Interessen von Frauen in den USA zu vertreten.
Die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene ist Teil der republikanischen Rechtsaußen-Flanke im Kongress und verteidigte Trump unter anderem nach dem Sturm seiner Anhänger auf das Kapitol. In Sachen Populismus steht sie Kari Lake in nichts nach, beide Frauen verbreiten die Verschwörungstheorie von der gestohlenen Präsidentschaftswahl 2020. Die frühere TV-Moderatorin Lake ist eine gute Rednerin und unter Trump-Fans beliebt. Allerdings verlor sie 2022 die Gouverneurswahlen in Arizona – und Trump bevorzugt Gewinner. Im Auge behalten sollte man die republikanischen Nachwuchsstars im Kongress, Wesley Hunt und Nancy Mace, die von Trump gelobt werden.
3. Die Überraschungskandidaten
Als unabhängiger Präsidentschaftsbewerber bekommt der frühere Unternehmer Robert F. Kennedy Jr. teilweise zweistellige Umfragewerte. Vor einigen Tagen erklärte er, dass Trump mit ihm über die Vize-Kandidatur gesprochen habe – was das Trump-Wahlkampfteam verneinte. Doch Überraschungen sind möglich, auf Trumps Rallys sieht man einige „Trump/Kennedy 2024“-Schilder. Zugleich ist Trump dafür bekannt, dass er sich ungern die Show stehlen lässt – und dieses Risiko bestünde bei einem Kennedy. Gleiches gilt für Ron DeSantis, Gouverneur von Florida, der bis vor wenigen Wochen noch gegen Trump im Rennen um die Nominierung war.
Ein praktischer Grund spricht zudem gegen DeSantis: Sowohl Trump als auch DeSantis (sowie Marco Rubio und Byron Donalds) haben ihren Wohnsitz in Florida, und laut US-Verfassung dürfen Präsidentschaftskandidat und Stellvertreter nicht aus demselben Bundesstaat stammen. In der Vergangenheit änderte in solchen Fällen der Vize seinen Hauptwohnsitz. Weniger kompliziert wäre es bei Greg Abbott, denn er regiert ein paar hundert Kilometer weiter den Bundesstaat Texas – und ist einer der engsten Unterstützer von Trumps geplanter Flüchtlingsmauer. Die Einwanderungskrise an der Grenze zu Mexiko werde „das Thema Nummer eins“ im Wahlkampf, verspricht Trump.
In die Kategorie „Nicht wirklich, oder?“ fiele Tucker Carlson, Ex-Moderator von Fox News, der unter Republikanern zumindest sehr bekannt wäre. Es gibt noch viele andere Personen, die als Überraschungskandidaten zumindest nicht ausgeschlossen sind: Die Senatoren Lindsey Graham (sehr loyal) und Tom Cotton (lauwarm loyal), der ehemalige Gouverneur von South Carolina, Henry McMaster, der Milliardär und Gouverneur von North Dakota, Doug Burgum, der frühere Geheimdienstdirektor John Ratcliffe oder Ex-Außenminister Mike Pompeo. Zumindest ließ Trump die Namen von Graham und McMaster bereits in einem Interview fallen.
4. Die Drängler
Es gibt eine Entourage der Stammbesucher, die überall dort auftauchen, wo der Privatjet des Ex-Präsidenten landet. Der Abgeordnete Matt Gaetz etwa arbeitete sich bei einer Trump-Rally in New Hampshire eine volle Stunde lang durchs Eishockey-Stadion, um Selfies mit Fans anzubieten. Der Biotech-Unternehmer Vivek Ramaswamy wollte bis vor Kurzem noch selbst die Präsidentschaftskandidatur holen und schied dann mangels Unterstützung aus dem Rennen. Er betont bei jeder Gelegenheit, wie viel er von Trump gelernt habe, schließlich sind beide politische Quereinsteiger aus der Wirtschaft. Der Senator J.D. Vance aus Ohio, der mit seinen Memoiren „Hillbilly Elegy“ auch in Deutschland bekannt wurde, ist äußerst anschmiegsam. Trump sagte einmal über ihn, dass „J.D. mir in den Hintern kriecht, so sehr will er meine Unterstützung.“
Üblicherweise wird ein „Running Mate“ kurz vor den Parteitagen im Sommer verkündet, auf denen die Präsidentschaftskandidaten offiziell nominiert werden.
Sämtliche Namen sind mit einer gewissen Vorsicht zu genießen: Er habe bereits einen Vize im Auge, sagte Trump im Januar, nur um direkt einzuschränken: Es sei „zu 25 Prozent wahrscheinlich“, dass es bei der betreffenden Person bleibe.