Gaza: „Deal, der auf dem Tisch liegt, ist falsch“ – Kritik von Nahost-Experte
Jerusalem. Der israelische Autor und Nahostexperte Gershon Baskin fordert ein schnelles Ende der Verhandlungen über einen Waffenstillstand in Gaza und die Freilassung der Geiseln. Der 62-Jährige hat jahrzehntelange Erfahrung als Vermittler zwischen Israel und den Palästinensern.
Er unterhält Kontakte zu beiden Seiten und weiß, wie schwierig die Verhandlungen sind. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt er, welche starken Druckmittel die Vermittlerländer USA, Katar und Ägypten haben.
Die Wünsche der politischen Führung und die Wünsche des israelischen und des palästinensischen Volks gingen auseinander. „Selbst wenn Israel und die Hamas-Führung sich nicht einigen wollen“, so Baskin, das israelische und das palästinensische Volk würden eine Einigung wollen.
Den neuen Hamas-Chef Jahja Sinwar beschreibt er als „harten Verhandlungspartner“. Allerdings: „Sinwar wird nicht lange leben“, prophezeit er. Israel hat laut dem Experten eine spezielle Motivation.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Baskin, die Hamas hat erklärt, es brauche keine weiteren Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Sind die Verhandlungen bereits zum Scheitern verurteilt?
Nein. Die Verhandlungen dauern an. Die Ägypter und die Katarer sprechen mit den Hamas-Leuten. Die Hamas ist an den Verhandlungen beteiligt. Und wenn die Vermittler etwas Neues auf den Tisch legen können, wird die Hamas darauf reagieren. Die Hamas-Führung sitzt in Doha, sie kommuniziert mit der Hamas-Führung in Gaza. Die Ägypter und die Katarer sprechen die ganze Zeit mit der Hamas, und sie werden das auch weiterhin tun.
Das klingt sehr kompliziert.
Vergessen Sie nicht, dies sind keine Verhandlungen wie in Nordirland, wo alle im selben Raum und am selben Tisch sitzen. In 20 Jahren haben Israel und die Hamas noch nie im selben Raum oder am selben Tisch gesessen. Es geht also nicht um einen Verhandlungsgipfel. Es sind Pendelverhandlungen, die von den Vermittlern geführt werden.
Und was sind die noch strittigen Punkte?
Die wichtigsten Knackpunkte sind, dass die Hamas wieder einen dauerhaften Waffenstillstand gleich zu Beginn der Vereinbarung fordert. Und Israel fordert, dass an mindestens zwei Punkten Streitkräfte im Gazastreifen bleiben: am Philadelphi-Korridor zwischen dem Gazastreifen und Ägypten und am Netzarim-Korridor zwischen Süd- und Nordgaza, um dort die Rückkehr der vertriebenen Palästinenser vom Süden in den Norden zu überwachen. Die Hamas lehnt beides ab, und Israel lehnt den vollständigen Rückzug aus dem Gazastreifen ab.
In der Frage der palästinensischen Gefangenen, die freikommen sollen, gibt es ebenfalls Differenzen. Beide Seiten sind sich nicht über die Anzahl einig, und Israel will ein Vetorecht bei den Namen der Gefangenen. Zudem möchte Israel, dass die gefährlichsten Gefangenen, diejenigen, die zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurden, ins Exil geschickt werden.
Die Hamas lehnt all diese Bedingungen ab. Darüber hinaus verlangt Israel eine Liste mit den Namen der Geiseln und in welchem Zustand sie sich befinden, welche der 115 Geiseln noch am Leben sind und wer wann freigelassen wird.
Diplomatische Verbündete haben Israel und die Hamas dazu gedrängt, an diesem Donnerstag erneut Gespräche aufzunehmen, in einer „letzten Verhandlungsrunde“. Lassen sich die Differenzen überbrücken?
Der Deal, der jetzt auf dem Tisch liegt, ist meines Erachtens falsch. Seine Umsetzung dauert zu lange, und nicht alle Geiseln werden gleich zu Beginn freigelassen. Es muss ein Deal auf den Tisch, der den Krieg schneller beendet. Der Deal muss garantieren, dass Israel aus Gaza abzieht, dass der Philadelphi-Korridor auf ägyptischer Seite mit amerikanischer Überwachung dichtgemacht wird und dass alle 115 Geiseln nach Hause zurückkehren oder zumindest die, deren Verbleib man kennt. Das alles kann in vier bis sechs Wochen umgesetzt werden.
Und wie sollen die Vermittler beide Seiten dazu bringen, eine solche Vereinbarung umzusetzen?
Sie können es, wenn sie entschlossen und hartnäckig sind. Die USA müssen Israel sagen: „Wir stehen hinter euch, solltet ihr vom Iran und von der Hisbollah angegriffen werden, aber wir werden den Krieg nicht mehr länger anheizen. Die USA werden keine Waffen mehr liefern, die in Gaza abgeworfen werden.“ Das ist das große Druckmittel, das den Amerikanern zur Verfügung steht.
Die Katarer und die Ägypter haben gegenüber der Hamas ebenfalls starke Druckmittel. Ägypten könnte den Kontakt abbrechen. Katar kann die Hamas-Führung ausweisen. Den Vermittlern stehen alle möglichen Instrumente zur Verfügung.
Aber sie scheinen jetzt entschlossener zu sein als in den vergangenen zehn Monaten. Der von US-Präsident Joe Biden, Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi und Katars Emir Tamim al-Thani unterzeichnete Brief deutet daraufhin, dass sie ein Ultimatum stellen. Und sie haben begonnen, eigene Kompromissvorschläge auf den Tisch zu legen. Das müssen sie auch tun.
Und wenn Israel und die Hamas hart bleiben?
Wissen Sie, wenn die Hamas und Israel keine Einigung erzielen wollen, gibt es fast nichts, das die Vermittler tun können. Man geht aber davon aus, dass – selbst wenn Israel und die Hamas-Führung sich nicht einigen wollen – das israelische und das palästinensische Volk eine Einigung wollen. Und ganz sicher wollen es die Menschen in der Region. Das libanesische Volk will keinen Krieg mit Israel. Das iranische Volk will keinen Krieg mit Israel. Die Vermittler könnten problemlos damit drohen, die Vereinbarung einfach zu veröffentlichen und bekannt zu geben, wer zu was Nein sagt. Das israelische und das palästinensische Volk sowie die internationale Gemeinschaft würden es in diesem Fall direkt von ihnen erfahren.
Wie hoch schätzen Sie die Gefahr einer Eskalation zwischen dem Iran und Israel ein?
Das hängt von den Verhandlungen in Doha ab. Die Gefahr ist groß, auch wenn es scheint, dass die iranische Reaktion maßvoller ausfallen könnte.
Sie waren an den Verhandlungen beteiligt, die zur Freilassung des neuen Hamas-Chefs Jahja Sinwar führten. Was für eine Person ist er?
Nun, ich habe ihn nie persönlich getroffen. Aber ich habe rund sieben Jahre lang indirekt mit ihm über die Freilassung von vier verschleppten Israelis verhandelt. Er ist ein harter Verhandlungspartner. Er weiß, was er will und wie man es erreicht.
Er ist ein tief religiöser Mensch, auch wenn er eine verzerrte Vorstellung vom Islam hat, eine Sichtweise, die den Tod heiligt. Und er konzentriert sich ganz auf seine Ziele als Hamas-Anführer. Er glaubt, das wichtigste Gebot ist, für Palästina zu sterben und zum Märtyrer zu werden. Er ist keiner, der sich ergeben wird. Er wird kämpfen bis zum Schluss und dabei so viele Menschen töten, wie er kann.
Sinwar ist der Drahtzieher der Massaker vom 7. Oktober. Wäre der Preis für Israel nicht zu hoch, ihn davonkommen zu lassen?
Israel wird diesen Mann so lange ins Visier nehmen, bis es ihn kriegt. Und Israel wird ihn kriegen, ob es uns gefällt oder nicht, ob das richtig ist oder nicht. Sinwar wird nicht lange leben, genauso wenig wie andere Hamas-Anführer.
Sie rechnen mit weiteren gezielten Tötungen?
Ja. Schauen Sie, was Israel mit den Leuten gemacht hat, die das Massaker an den Olympischen Spielen in München verübt haben. Was Israel mit jedem, der 2006 an der Entführung des Offiziers Gilad Shalit beteiligt war, gemacht hat. Keiner lebt heute noch.
Aber hat es Israel mehr Sicherheit gebracht?
Nein. Die gezielten Tötungen bringen keine Sicherheit. Es geht um Rache.
Herr Baskin, vielen Dank für das Interview.