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Wachstum Polens Wirtschaft übertrumpft den Rest der EU – trotz rasanter Corona-Ausbreitung

Polen kommt besser als andere EU-Mitglieder durch die Krise – und hofft auf Mega-Investitionen nach der Pandemie. Doch bisher gelten die Kohlegruben als „Wuhan Europas“.
15.06.2020 - 09:02 Uhr Kommentieren
Obwohl die Grenzen nach Osteuropa geschlossen waren, machte die deutsche Wirtschaft weiter gute Geschäfte. Quelle: dpa
Deutsch-polnische Grenze

Obwohl die Grenzen nach Osteuropa geschlossen waren, machte die deutsche Wirtschaft weiter gute Geschäfte.

(Foto: dpa)

Berlin Widersprüchliche Signale sendet der größte osteuropäische EU-Staat in diesen Tagen: Seit Mitternacht an diesem Sonnabend sind die seit 15. März geschlossenen Grenzen wieder geöffnet. Zugleich ist es in dieser Woche zu einem neuerlichen Corona-Ausbruch gekommen, so dass polnische Medien bereits von ihrem Land als „europäisches Wuhan“ sprechen und die Behörden die zwölf Kohlegruben für drei Wochen geschlossen haben.

Die Bergmänner und ihre Familien in Schlesien wurden in Zwangsquarantäne geschickt. Zuvor war versucht worden, mit verkleinerten Schichten Abstandsregeln zu ermöglichen und großflächig zu desinfizieren. Doch das Coronavirus breitete sich unter Tage weiter rasant aus. Nun ist Schicht im Schacht.

Doch andernorts in der größten EU-Volkswirtschaft im Osten sei es „beeindruckend, mit welcher Geschwindigkeit die Menschen hier nach dem Lockdown wieder loslegen“. Dass Polens Wirtschaft auf vielen Standbeinen stehe, helfe, die Krise besser durchzustehen, ist Markus Baltzer, der neue Präsident der deutsch-polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Warschau, überzeugt.

Tatsächlich rechnen sowohl die EU-Kommission und die Osteuropaförderbank EBRD damit, dass Polen mit dem geringsten Einbruch aller EU-Mitglieder durch die Pandemie komme. Aber: „Polen wird jetzt erstmals wegen der Pandemie seinen zwölf Jahre währenden Wachstumskurs durchbrechen“, sagt Andrzej Kaluza vom Deutschen Polen-Institut.

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    Und Beata Javorcik geht von „einem 3,5-prozentigen Rückgang des BIP dieses Jahr aus. Das sieht im Vergleich zu westeuropäischen Staaten optimistisch aus, ist aber eine Korrektur gegenüber der vorigen Wachstumsprognose von Ende 2019 um sieben Prozentpunkte“, sagte die aus Krakau stammende EBRD-Chefökonomin dem Handelsblatt. 

    Jadwiga Emilewicz, Polens für Wirtschaft zuständige Vize-Premierministerin, ist indes deutlich optimistischer: Sie rechne sogar mit der „Chance auf Nullwachstum“ oder nur einer „Mini-Rezession“, sagte sie im Handelsblatt-Interview.

    Die 45-Jährige, die eine kleine liberale Partei in der Koalition mit der nationalistischen und populistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) vertritt, ist während der Coronakrise neben PiS-Regierungschef Mateusz Morawiecki zum Motor geworden. Sie gibt Inhalte von Rettungspaketen vor, macht Unternehmern finanzielle Hoffnungen und unterstreicht Polens Ansprüche bei EU-Konjunkturprogrammen. Der Finanzminister ist inzwischen so entmachtet und genervt, dass er sich um einen Job bei der EBRD wegbeworben hat.

    Das erste Wunder an der Weichsel

    Polen war als einziges EU-Land ohne Rezession durch die internationale Finanzkrise 2008/09 gekommen und die Wirtschaft wuchs seither konsequent um drei bis fünf Prozent jährlich. Und nicht nur Emilewicz und Baltzer sind zuversichtlich, dass sich das „Wunder an der Weichsel“ wiederholen könnte, erneut besser als andere durch die Krise zu kommen.

    Grafik

    Zwar ist auch die polnische Autobranche während der Coronakrise um 80 Prozent eingebrochen. Industrieproduktion und Einzelhandel gaben durchschnittlich ein Viertel ihrer bisherigen Umsätze ab. Doch auf dem Bau wurde weitergearbeitet, beobachtete AHK-Präsident Baltzer nicht nur aus seinem Warschauer Fenster. Der Polen-Chef von Bayer hat auch registriert, dass die Pharma- und Chemiebrache in seinem Gastland sogar weiter wuchs.

    Und Bayer hat seit Jahresbeginn die Zahl seiner Mitarbeiter im Service Center in Danzig „signifikant“ ausgebaut. Sie erledigen in der früheren Hansestadt an der pommerschen Ostseeküste die Verwaltung, Buchhaltung, Finanzdienstleistungen und Lieferkettensteuerung für 27 Länder. Der Leverkusener Chemiekonzern steht mit seiner Polen-Expansion nicht allein: Fast alle bekannten europäischen und US-Firmen und Banken haben große Outsourcing-Zentren in Polen.

    Milliarden-Investment von Microsoft und Marktführer aus dem Osten

    Microsoft hat inmitten der Pandemie gerade eine Milliarden-Investition in ein neues Cloud Computing- und Rechenzentrum mit Polens Chmura Krajowa (National Cloud) verkündet. Das Land mit seinen 38 Millionen Einwohnern könne zum „digitalen Herz Europas“ werden, sagte dazu ein Microsoft-Manager.

    Bisher schon ist in Polen der größte Fensterbauer Europas ansässig, ist das Land der größte Apfelproduzent des Kontinents, einer der Hauptstandorte für die Montage von Elektrogeräten und tief in die Lieferketten von Autokonzernen wie VW, Daimler, Fiat und Opel-Mutter PSA (Peugeot) integriert.

    Mittlerweile hat mit CD Projekt der wertvollste europäische Computerspieleentwickler seinen Sitz in Polen. Mit „The Witcher“, den virtuellen Abenteuern des von Narben gezeichneten Hexers Geralt von Riva, hat die Firma in Sachen Marktkapitalisierung inzwischen den bisherigen europäischen Marktführer, Frankreichs Ubisoft, überrundet. Ein Kurssprung von über 21.000 Prozent binnen gut zehn Jahren gelang auch keinem anderen, im Stoxx Europe 600 Index gelisteten Unternehmen.

    Deutschlands inzwischen fünftgrößter Handelspartner weltweit scheint nicht nur auch die Coronakrise besser abzuschütteln als andere. Das Land, das die EU-Kommission für seine demokratiefeindliche Justizreform ebenso hart kritisiert wie für den sinnvollen Einsatz der größten EU-Fördermittel lobt, sieht sich auch als möglichen Gewinner nach der Pandemie: Und dann „rückt Polen in den Fokus“, ist Baltzer überzeugt.

    Denn große europäische Konzerne wollten ihre Lieferketten verkürzen und stabiler machen sowie auch die Risiken von Handelskriegen reduzieren, meint auch Ökonomin Javorcik. Dabei zähle, dass deutsche Auslandsinvestoren in Polen gut vertreten sind, die Bedingungen dort als verlässlich erlebt haben und das Land wegen der Nähe als sinnvoll und bequem ansehen. Zudem ist Polen ein großes Land, mit vielen Arbeitskräften und großem Binnenmarkt.

    Präsidentschaftswahlen am 28. Juni

    Politisch indes drohen unruhige Wochen. Die auf dem Höhepunkt der Coronakrise verschobene Präsidentenwahl soll nun am 28. Juni stattfinden. Der Amtsinhaber von der PiS, Andrzej Duda, tut mit Sozialversprechen momentan alles, um wiedergewählt zu werden. Aber mit dem erfolgreichen Warschauer Bürgermeister Rafal Trzaskowski von der liberal-konservativen Bürgerplattform hat er inmitten der Pandemie einen echten Herausforderer bekommen.

    Der Amtsinhaber von der PiS, Andrzej Duda, tut mit Sozialversprechen momentan alles, um wiedergewählt zu werden. Quelle: AP
    Andrzej Duda

    Der Amtsinhaber von der PiS, Andrzej Duda, tut mit Sozialversprechen momentan alles, um wiedergewählt zu werden.

    (Foto: AP)

    Noch größer aber könnte jederzeit die Herausforderung durch das Virus werden: Denn in den schlesischen Kohlerevieren wurden bereits 10.000 Corona-Infektionen registriert – die Hälfte davon Bergleute. Dies dürfte jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein, denn in Polen wird verhältnismäßig wenig auf Corona getestet.

    Wenn die Bergmänner in den Körben in die Tiefe einfahren, stehen sie dicht und dann, so berichtete ein Kumpel dem polnischen Sender TVN24, müssten sie oft noch eine halbe Stunde lang mit der Grubenbahn zum Abbauraum weiterfahren - Knie an Knie, je zwölf Mann in einem engen Wagen. Um dann Schulter an Schulter als Hauer in den Flözen zu malochen. Von den Abstandsregeln über Tage keine Spur.

    Mehr: Deutschlands Wirtschaft hat im ersten Quartal einen deutlichen Einbruch erlebt. Doch der Handel mit osteuropäischen Nachbarn geht weiter nach oben.

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