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Bruno FreyStarökonom schreibt bei sich selbst ab

Der Züricher Professor Bruno Frey hat zum Untergang der Titanic vier sehr ähnliche Arbeiten veröffentlicht - und ältere Studien anderer Forscher nicht zitiert. Ein wichtiges Journal hat Frey bereits formal gerügt.Olaf Storbeck 07.07.2011 - 18:33 Uhr aktualisiert Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

London. Im Fokus von Kollegen und Öffentlichkeit zu stehen, das ist für den Züricher Ökonomieprofessor Bruno Frey schon lange Routine. Der 70-Jährige hat sich mit kreativer Forschung weltweit einen guten Namen gemacht, hat viele Preise bekommen und führt das Handelsblatt-Ranking der VWL-Professoren an. Jetzt steckt Frey dennoch in einer für ihn eher ungewohnten Lage: Mehrere ökonomische Zeitschriften werfen ihm vor, wissenschaftlich unsauber gearbeitet zu haben.

Das renommierte "Journal of Economic Perspectives" (JEP) hat Frey formal gerügt und wird diese Schelte in der nächsten Ausgabe veröffentlichen, um andere Forscher abzuschrecken. Das "Journal of Economic Behaviour and Organization" (JEBO) hat Frey offenbar auf eine schwarze Liste gesetzt und will keine Aufsätze mehr von ihm veröffentlichen.

Stein des Anstoßes sind vier sehr ähnliche Aufsätze, die Frey mit seinen Koautoren Benno Torgler und David Savage (beide: Queensland University of Technology, Brisbane) veröffentlicht hat - und in denen sie nicht auf ihre anderen Arbeiten zum gleichen Thema hinweisen.

Identische oder sehr verwandte Arbeiten mehrfach zu veröffentlichen - unter Wissenschaftlern ist solch ein Vorgehen verpönt und wird als "Eigenplagiat" bezeichnet. Zudem handelt es sich um einen klaren Verstoß gegen die Regeln, die Fachzeitschriften ihren Autoren vorgeben. Sie verlangen in der Regel, dass Forscher ähnliche Arbeiten nicht parallel bei anderen Journalen einreichen dürfen und dass sie auf bereits erschienene Studien hinweisen müssen.

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Recherchen des Handelsblatts haben zudem gezeigt: Seit 1986 sind mindestens fünf sehr ähnliche Arbeiten von anderen Forschern erschienen - Frey, Torgler und Savage zitieren keine davon.

Die Uni Zürich hat gestern ein Verfahren gegen Frey eingeleitet - wegen des "Verdachts der Unlauterkeit in der Wissenschaft". "Um die Unabhängigkeit des Verfahrens zu garantieren, werden externe Gutachter eingesetzt", teilte die Hochschule mit.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt betonte Frey, er habe die Sache mit den Herausgebern der betroffenen Zeitschriften inzwischen geklärt. Bei drei der vier betroffenen Fachzeitschriften habe er sich in den vergangenen Wochen förmlich entschuldigt. Benno Torgler und er hätten einen "schwerwiegenden Fehler" begangen - Torglers Doktorand David Savage treffe aber keine Schuld, schrieb er zum Beispiel an Douglas Heckathorn, den Herausgeber von "Rationality and Society".

Bei dem vierten betroffenen Journal, den vor allem in den Naturwissenschaften hoch angesehenen "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS), hat sich Frey bislang allerdings nicht entschuldigt - obwohl auch dessen Richtlinien eine Mehrfachverwertung von Forschungsergebnissen klar ausschließen.

Am Dienstag erklärte Frey im Gespräch mit dem Handelsblatt, PNAS habe sich offenbar nicht an seinem Vorgehen gestoßen. Tatsächlich wurden die PNAS-Herausgeber erst durch die Recherchen des Handelsblatts auf den Vorgang aufmerksam. "Wir werden Kontakt zu den Autoren aufnehmen und angemessene Schritte unternehmen", schrieb PNAS-Herausgeber Randy Schekman.

Berichte in amerikanischen Webblogs haben die Debatte losgetreten. Der US-Professor Andrew Gelman und der anonyme Blogger "Economic Logician" schrieben als erste über die Eigenplagiate. Doch das ist nicht einzige Kritik an den "Titanic"-Arbeiten von Frey und Co. Es fehlen nicht nur Verweise auf die anderen Arbeiten der Autorengruppe, mindestens fünf ältere Studien anderer Forscher zum gleichen Thema werden auch nicht erwähnt.

So hat der Wissenschaftler Wayne Hall bereits 1986 in der Zeitschrift "Social Science and Medicine" die Überlebenswahrscheinlichkeit der "Titanic"-Passagiere mit ähnlichen Daten, Methoden und Ergebnissen untersucht. Ein seltsamer Zufall ist, dass Hall wie Freys Koautoren Torgler und Savage ebenfalls im australischen Brisbane forscht - an der University of Queensland.

David Autor, Herausgeber des JEP - der Zeitschrift, die einen der in die Kritik geratenen Frey-Artikel veröffentlicht hat - reagierte überrascht und verärgert auf die Existenz der Hall-Studie. "Das sind unerfreuliche Neuigkeiten." Er habe den Artikel von Hall vorher nicht gekannt. "Mein Eindruck ist, dass es beträchtliche Überschneidungen zwischen dem Hall-Artikel und der Arbeit von Frey und Co. gibt."

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Autor betonte: "Ich will nicht unterstellen, dass Frey und seine Koautoren den Hall-Artikel gekannt haben." Allerdings unterstrich er: "Sie hätten ihn kennen müssen. Es ist ihre Verantwortung als Forscher, die bereits erschienene Literatur in ihrem Themengebiet komplett zu erforschen und auf erschienene Arbeiten sauber und fair hinzuweisen."

Auch Hall selbst erklärte dem Handelsblatt: "Offenbar haben die Autoren nicht besonders gründlich nach bereits erschienen Publikationen gesucht." Fakt ist: Der Hall-Aufsatz ist bei weitem nicht das einzige Papier, das ihnen durch die Lappen gegangen ist. Die Analyse der Passagierdaten der "Titanic" ist ein beliebtes Fallbeispiel von Statistikprofessoren, um ihren Studenten Regressionen zu erklären. Seit Mitte der 90er-Jahre sind dazu mehrere Aufsätze erschienen - zwei im "Journal of Statistical Education" und einer im "Journal of Economic Education". Und das 2004 erschienene "Handbook of Statistical Analyses using SPSS" widmete der Analyse der "Titanic"-Passagierdaten sogar ein komplettes Kapitel.

Torgler und Frey erklärten dem Handelsblatt, sie hätten erst durch die Handelsblatt-Anfrage von all diesen Aufsätzen erfahren und noch nie etwas von Wayne Hall gehört. Trotz umfangreicher Recherche seien sie nicht auf diese Artikel gestoßen. "Dabei handelt es sich um einen beträchtlichen Fehler auf unserer Seite", schrieb Torgler dem Handelsblatt. "Danke, dass Sie uns auf weitere Arbeiten hinweisen."

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