Grönland-Streit: Deutsche Wirtschaft entsetzt über Trumps Zolldrohung – „Neuer Tiefpunkt“
Berlin. Top-Ökonomen warnen vor schwerwiegenden Folgen für die deutsche Wirtschaft durch die von US-Präsident Donald Trump im Grönland-Streit angedrohten neuen Zölle. „Eine erneute Eskalation des Handelskonflikts trifft vor allem die deutsche Wirtschaft und Industrie erneut hart, da sie viel Unsicherheit schafft und die Exporte weiter schwächt“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, am Samstagabend der Nachrichtenagentur Reuters.
Zusätzliche 25 Prozent würden Deutschland rund 0,2 Prozentpunkte Wachstum kosten, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. „Es ist aber die Unsicherheit, die erneut zeigt, dass Exporte die deutsche Wirtschaft dieses Mal nicht aus der Stagnation in den Aufschwung führen werden.“ Der Impuls werde von den öffentlichen und privaten Investitionen kommen müssen.
Fratzscher fordert angesichts der neuen Zolldrohungen von Trump Konsequenzen. „Es ist höchste Zeit, dass die EU – und vor allem die Bundesregierung – globale Kooperationen mit China und anderen stärkt, um Trump Paroli zu bieten“, sagte der Chef des Berliner DIW-Instituts. Dessen Androhung von Strafzöllen, um sich Grönland einzuverleiben, zeige die Schwäche und Handlungsunfähigkeit Europas.
Europa habe Trump im Handelskonflikt stetig nachgegeben und diesen gewähren lassen, anstatt sich für die eigenen Interessen und global für Multilateralismus einzusetzen. „Dieser Fehler rächt sich jetzt, weil Trump die Schwäche und Handlungsunfähigkeit Europas erkannt hat.“ Er werde Europa so lange erpressen, bis der Kontinent mit einer Stimme spreche, Rückgrat zeige und klüger agiere.
„Einfach ignorieren und abwarten“
ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski rät dagegen, erst einmal nichts zu machen. „Einfach ignorieren und abwarten“, sagte der Ökonom. „Europa hat gezeigt, dass es nicht alles akzeptiert, und daher sind die Zölle ja eigentlich schon ein Fortschritt im Vergleich zu der angedrohten militärischen Invasion.“ Zudem handele es sich bei den neu angedrohten Zöllen um genau solche, die gerade vom Obersten Gerichtshof der USA untersucht würden. „Diese Drohung könnte also schnell wieder vom Tisch sein, falls der Supreme Court sie abräumt“, sagte Brzeski.
Die deutsche Wirtschaft ist 2025 nach zwei Rezessionsjahren in Folge erstmals wieder gewachsen. Dass es nur zu einem Plus von 0,2 Prozent reichte, lag auch an den von Trump eingeführten hohen Zöllen. Die USA sind der mit Abstand wichtigste Exportkunde von Waren „Made in Germany“.
Seit August 2025 gilt für die meisten Waren aus der EU ein Aufschlag von 15 Prozent – ein Vielfaches des bisherigen Wertes. Einer Hochrechnung der bundeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) zufolge sind die deutschen US-Exporte 2025 um mehr als sieben Prozent auf knapp 150 Milliarden Euro eingebrochen.
„Wirtschaft first“
Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der Union fordert sofortige Entlastungen für Unternehmen. Durch Trumps Ankündigung hätten sich die Spielregeln geändert, sagt die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann der „Rheinischen Post“ laut Vorabbericht. „Jetzt muss gelten: ‚Wirtschaft first‘.“ Connemann verlangt die Abschaffung des Solidaritätszuschlags, eine rasche Körperschaftsteuerreform sowie eine Senkung der Stromsteuer für alle Betriebe und Verbraucher. Die exportorientierte deutsche Wirtschaft werde durch neue Zölle ins Mark getroffen.
„Die Ankündigung neuer US-Zölle für bestimmte europäische Staaten ist grotesk“, sagte der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Dirk Jandura, am Samstagabend. „Die USA bestrafen hier Teilnehmer eines Nato-Einsatzes, das ist eigentlich unvorstellbar. Dies ist ein neuer Tiefpunkt in den amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen.“ Man stehe weiterhin an der Seite Dänemarks, Demokratie und Freiheit ließen sich mit Strafzöllen nicht wegwischen. „Wenn wir zulassen, dass Zölle zur politischen Waffe werden, verlieren am Ende alle.“ Die EU könne jetzt ihre Stärke zeigen, sagte Jandura der Nachrichtenagentur Reuters: „Wir brauchen eine gemeinsame Antwort darauf und dürfen nicht zulassen, dass einzelne Staaten zum Spielball der US-amerikanischen Interessen werden.“
Der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnte vor enormen Kosten für die ohnehin belastete Branche. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) forderte sofortige Entlastungen für Unternehmen. Im EU-Parlament regte sich zudem Widerstand gegen das geplante Handelsabkommen mit den USA. EVP-Chef Manfred Weber erklärte auf dem Kurznachrichtendienst X, eine Zustimmung sei derzeit nicht möglich.
Im Streit um Grönland hatte Trump höhere Zölle gegen Dänemark, Deutschland, Norwegen, Schweden, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Finnland angekündigt. Die Zölle würden zunächst ab dem 1. Februar zehn Prozent betragen, schrieb Trump auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social. Ab dem 1. Juni sollen sie auf 25 Prozent steigen, wenn kein Abkommen über einen US-Kauf der dänischen Arktisinsel erzielt werde. Trump hat wiederholt erklärt, das an Ressourcen reiche Grönland müsse wegen der nationalen Sicherheit in US-Besitz übergehen.