Konjunktur: Ukraine-Krieg, Lockdowns in China, Embargo – die Konjunkturrisiken der deutschen Wirtschaft
Im Schlussquartal 2021 war die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent gesunken.
Foto: dpaBerlin. Der Ukrainekrieg hat Deutschland nahezu in eine technische Rezession getrieben. Die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal wuchs um 0,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Freitag bekannt gab.
Die Coronapandemie und anhaltend gestörte Lieferketten hatten das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal 2021 um 0,3 Prozent zurückgehen lassen. Bei zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit schrumpfender Wirtschaftsleistung wird von einer technischen Rezession gesprochen.
Das leichte Wachstum im ersten Vierteljahr kommt überraschend. Viele Ökonomen hatten mit einem leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung gerechnet. Allerdings kann sich die Zahl noch ändern. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir doch schon in einer technischen Rezession sind“, sagt Michael Grömling, Konjunkturchef am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).
Das Plus hätten vor allem höhere Investitionen ermöglicht, erklärten die Wiesbadener Statistiker. Die starken Investitionen könnten daher rühren, dass die Unternehmen angesichts der Krise ihre Lager aufgefüllt haben. „Gut möglich, dass da noch mal kräftig gebunkert wurde“, erläutert Grömling.
Würden sich die 0,2 Prozent plus aber bestätigen, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland, würde die Wirtschaft auf das Jahr gerechnet um 3,7 Prozent gewachsen.
Allerdings spricht vieles dagegen, dass es so kommt. Die Vorzeichen für die Entwicklung in den nächsten Monaten stehen schlecht. Im Vergleich zum Niveau vor der Coronakrise liegt die Wirtschaftsleistung noch immer um 0,9 Prozent niedriger. Die Bundesregierung hat in dieser Woche ihre Konjunkturprognose für 2022 von 3,6 Prozent Wachstum auf 2,2 Prozent gesenkt.
Die vollen Auswirkungen des Krieges seien im ersten Quartal kaum enthalten, erklärt Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK): „Die volle Wucht des Krieges wird die deutsche Wirtschaft erst in den Zahlen ab dem zweiten Quartal zeigen.“ Und der Krieg ist nicht das einzige Konjunkturrisiko.
1. Der Krieg treibt die Inflation und belastet den Außenhandel
Während der Januar für die deutsche Wirtschaft ein vergleichsweise starker Monat war, drückte vor allem die Lage im März die konjunkturelle Entwicklung. Ende Februar waren russische Truppen in die Ukraine einmarschiert. Als wirtschaftliche Folge kam es vor allem an den Energiemärkten zu erheblicher Verunsicherung.
Hinzu kommen die Sanktionen gegen Russland sowie gestörte Lieferketten. Der Automobilindustrie fehlten etwa lange Zeit Kabelbäume von Zulieferbetrieben aus der Ukraine. „Seit Ende Februar beeinflussen die wirtschaftlichen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine die konjunkturelle Entwicklung zunehmend“, erklärte das Statistische Bundesamt.
Die Bundesregierung hat in dieser Woche ihre Konjunkturprognose für 2022 von 3,6 Prozent Wachstum auf 2,2 Prozent gesenkt.
Foto: IMAGO/Emmanuele ContiniDie stark gestiegenen Preise für Gas, Öl, Kohle und Strom sind der Hauptgrund für die missliche Lage der deutschen Wirtschaft. Sie steigern nicht nur die Kosten der Unternehmen erheblich, sondern treiben die Inflation insgesamt an. „Das dürfte die Konjunktur in den kommenden Monaten auch dämpfen, weil der private Konsum unter der hohen Inflation leidet“, sagte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo-Instituts.
Die Teuerung nahm gegenüber dem ersten Quartal noch zu. Die Inflationsrate in Deutschland lag im April laut erster Schätzung bei 7,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das ist der höchste Stand seit Herbst 1981. Im März hatte die Rate 7,3 Prozent betragen. Vor allem höhere Preise für Nahrungsmittel trieben die Inflation im April zusätzlich nach oben.
Neben den höheren Kosten im Inland belastet die Inflation auch den Außenhandel, der ohnehin schon durch die direkten Auswirkungen des Kriegs getroffen ist. Grund dafür ist die Abwertung des Euros gegenüber anderen Währungen.
Im März stiegen die Preise für nach Deutschland importierte Waren zum Vorjahresmonat um 31,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt ebenfalls am Freitag mitteilte. Das ist der stärkste Zuwachs seit dem Jahr 1974.
Die Abwertung des Euros führt dazu, dass deutsche Importeure teurer einkaufen und Exporteure ihre Ware günstiger verkaufen. Dieses Verhältnis, die sogenannten „Terms of Trade“, verschlechtern sich zunehmend.
Die Konjunkturforscher erwarten allerdings, dass sich die Lage in den nächsten Monaten bessert. Grund dafür ist der Wegfall der Corona-Beschränkungen. Dienstleister, die bei ihren Tätigkeiten auf persönliche Begegnungen angewiesen sind, nehmen ihr Geschäft wieder auf; Unternehmen hoffen, ihre vollen Auftragsbücher wieder abzuarbeiten. Die Bundesregierung schätzt, dass die deutsche Wirtschaft auf einem Auftragsstau von 100 Milliarden Euro sitzt.
Zudem haben die privaten Haushalte während der Coronazeit schätzungsweise gut 200 Milliarden Euro an Ersparnissen angesammelt.
Eine erste Erholung ist bereits zu erkennen. „Das dürfte sich in den kommenden Monaten fortsetzen und die Konjunktur in Deutschland maßgeblich stützen“, sagte Wollmershäuser. Das Ifo-Institut rechnet im zweiten Quartal mit einem Wachstum von 0,7 Prozent. Aufgrund der angespannten geopolitischen Lage sind Prognosen wie diese aber mit erheblicher Unsicherheit behaftet, wie Konjunkturforscher betonen.
2. Embargo würde zu deutlicher Rezession führen
All diese Voraussagen wären auf jeden Fall Makulatur, wenn es zu einem abrupten Lieferstopp von russischem Gas käme – egal ob durch Putin selbst oder als Folge einer Sanktion des Westens. In diesem Fall würde das BIP im laufenden Jahr verschiedenen Schätzungen zufolge um bis zu vier Prozent schrumpfen. Ein Rückgang der Wirtschaftsleistung über ein ganzes Jahr gilt als regelrechte Rezession.
3. Chinas Null-Covid-Politik bedroht die globalen Lieferketten
Zudem könnte ein altbekanntes Konjunkturrisiko zurückkehren. Chinas Null-Toleranz-Politik in der Coronapandemie bedroht erneut die Weltwirtschaft. Die Staatsführung setzt darauf, schon bei einzelnen Coronafällen ganze Stadtviertel abzuriegeln. Dadurch waren bereits zahlreiche globale Lieferketten unterbrochen worden, weil Rohstoffe und Vorprodukte aus China nicht geliefert wurden.
Akut betroffen ist bereits der größte Containerhafen der Welt in Schanghai. Die Metropole ist seit Ende März abgeriegelt. Etwa 25 Millionen Menschen wurden angewiesen, zu Hause zu bleiben. Vor dem Hafen stauen sich deshalb bereits wieder die Containerschiffe und Tanker.
Die Auswirkungen der Abriegelung von Schanghai im Vergleich zu den anderen chinesischen Megahäfen zeigt deutlich, welche enorme Folgen der Lockdown hat. Die Exporte aus dem Hafen von Schanghai sind in den vergangenen Tagen eingebrochen und liegen rund 30 Prozent unter der Entwicklung der anderen Häfen.
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„Sollten wieder diverse Lieferketten aufgrund von Chinas Covid-Politik zusammenbrechen, wäre der Schaden für die Weltwirtschaft erheblich“, sagte Vincent Stamer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft.
So hat sich der Materialmangel in der deutschen Industrie im April kaum gebessert. Drei von vier Firmen klagten über Engpässe und Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen, nach 80 Prozent im März, wie aus einer Umfrage des Ifo-Instituts hervorgeht.
4. Mit dem Bausektor fällt eine wichtige Konjunkturstütze weg
Noch wird in Deutschland viel gebaut. Doch Branchenvertreter fürchten Einbrüche im Neubaugeschäft wegen des anhaltenden Preisanstiegs für Bauwerkstoffe. Im Bauhauptgewerbe ist das Ifo-Geschäftsklima auf den niedrigsten Wert seit Mai 2010 abgestürzt.
Die Geschäftserwartungen des Sektors waren seit der Wiedervereinigung noch nie so pessimistisch. In einer Umfrage des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie klagten Mitte April neun von zehn Unternehmen über Preissteigerungen.
„Die Baukonjunktur, in den letzten Jahren eine Konjunkturstütze, bricht ein – Lieferengpässe und massive Preissteigerungen zeigen Wirkung“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Der Bausektor hatte sich bislang häufig weitgehend losgelöst von der konjunkturellen Großwetterlage entwickelt. In der Coronapandemie hatte die Branche die ansonsten in vielen Bereichen einbrechende Wirtschaft gestützt. Doch die aktuellen Verwerfungen scheinen nun auch nicht mehr vor dem Bau haltzumachen.