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Interview OECD-Chefvolkswirtin warnt: „Leute nicht zwei Jahre in Kurzarbeit festhalten“

Staaten sollen bei ihren Hilfsprogrammen nur Firmen helfen, die eine Chance zum Überleben haben, rät OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boone. Das würde für viele Arbeitnehmer eine Umstellung bedeuten.
16.09.2020 - 10:23 Uhr Kommentieren

Berlin Die milliardenschweren Rettungspakete der Regierungen für die Wirtschaft waren richtig, müssen jetzt aber zielgenauer werden, sagt Laurence Boone. Die OECD-Chefvolkswirtin hält nichts davon, Arbeitnehmer zwei Jahre lang in Kurzarbeit festzuhalten, wie sie im Handelsblatt-Interview betont. 

Der Bundesregierung empfiehlt sie die Niederlande als Vorbild: „Sie erlauben es Kurzarbeitern, sich zu qualifizieren und nebenbei zu arbeiten“, sagt sie. „Es ist wichtig, Beschäftigte darin zu unterstützen, von ihren alten Jobs zu zukunftsfähigen Jobs zu wechseln.“

Dieses Prinzip müsse auch bei der Förderung von einzelnen Branchen gelten. Hilfe soll es in dieser zweiten Phase der Krise nur für Firmen geben, die eine Zukunft haben – etwa beim Strukturwandel hin zu mehr Digitalisierung und Klimaschutz.

„Notwendig ist ein Plan, der die schuldenfinanzierten Ausgaben nicht zu früh schon in den Jahren 2021 und 2022 kürzt, aber für die Zeit ab 2023 einen realistischen mehrjährigen Weg beschreibt“, sagt sie. Denn: „Das würde das Vertrauen der Menschen erhöhen.“

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Frau Boone, die aktualisierte OECD-Prognose sieht nicht mehr so katastrophal aus wie die von vor drei Monaten. Was ist heute besser?
    Also, auch wenn die Prognose besser ausgefallen ist: Es ist überhaupt kein gutes Bild. Wir bleiben sehr vorsichtig bei der Revision für 2020, weil es eine Menge Unsicherheiten über den Erholungspfad gibt. Aber wir sehen jetzt, dass der Absturz im zweiten Quartal weniger furchtbar war, als wir erwartet hatten. Und in einigen Ländern beobachten wir eine gewisse Erholung, parallel zu China.

    Wie würden Sie den Status quo der Wirtschaft beschreiben?
    Wir haben die erste Phase der Krise mit schweren Lockdowns in den meisten Ländern hinter uns, aber nicht in allen Ländern. Jetzt beginnt die Phase, in der wir mit dem Virus leben müssen, weil wir keinen Impfstoff haben. Diese Periode könnte die nächsten zwölf bis 18 Monate andauern.

    Was bedeutet das für die Wirtschaft?
    Diese zweite Phase ist herausfordernd, weil man das Virus nur mit physischem Abstand, Tests und Isolation der Infizierten bekämpfen kann. Das hat Nebeneffekte: Der größte Teil der Wirtschaft kann zur Normalität zurückkehren, aber alle Sektoren, die auf Kontakte zwischen Menschen angewiesen sind – Restaurants, Hotels, Reisen, Transport –, können das nicht. Sie stehen je nach Land für 13 bis 20 Prozent der OECD-Beschäftigten.

    Was können Regierungen in dieser Phase tun?
    Sie müssen flexibel genug sein, die Wirtschaft weiter zu unterstützen, aber nicht mehr so flächendeckend wie bisher. Sie müssen darauf achten, was womöglich nicht mehr existenzfähig sein wird. Es nicht sinnvoll, Leute für zwei Jahre in Kurzarbeit festzuhalten. Die Niederlande haben ein gutes Modell, indem sie es Kurzarbeitern erlauben, sich zu qualifizieren und nebenbei zu arbeiten. Es ist wichtig, Beschäftigte darin zu unterstützen, von ihren alten Jobs zu zukunftsfähigen Jobs zu wechseln.

    Wenn Sie diese Krise mit der Finanzkrise vergleichen: Was können Regierungen von 2009 lernen?
    Diese Krise ist völlig anders, denn es ist vor allem eine Gesundheitskrise. In der Finanzkrise gab es bekannte Instrumente, die man einsetzen konnte. Jetzt geht es vor allem darum, wie viel soziale Distanzierung nötig ist. Was Europas Regierungen allerdings lernen sollten, ist, wie man einen Schuldenabbau über einen längeren Zeitraum organsiert. Notwendig ist ein Plan, der die schuldenfinanzierten Ausgaben nicht zu früh schon in den Jahren 2021 und 2022 kürzt, aber für die Zeit ab 2023 einen realistischen mehrjährigen Weg beschreibt. Das würde das Vertrauen der Menschen erhöhen.

    China ist bereits zum Wachstum zurückgekehrt. Könnte es erneut zur Wachstumslokomotive der Welt werden, wie vor zehn Jahren nach der Finanzkrise?
    China wurde als erstes Land von der Pandemie getroffen, deshalb begann die Erholung schon im zweiten Quartal. Aber China versucht heute, sein Wirtschaftsmodell zu ändern – weg vom Import von Kapitalgütern hin zu einer mehr konsumgetriebenen Wirtschaft, die im eigenen Land produziert. Deshalb ist die Lage völlig anders als 2010. Aber je stabiler Chinas Wirtschaft ist, desto besser für die Welt.

    Für Exportländer wie Deutschland könnte das schwierig sein …
    Die deutschen Rettungsprogramme sind beeindruckend, und der Investitionsplan für Infrastruktur und Klimawandel ist absolut richtig. Aber es ist entscheidend, dass die Investitionen auch wirklich umgesetzt werden. Geld ist hier nicht das Problem. Wenn diese Umsetzung gelänge, dann wäre Deutschland auch nicht mehr so abhängig von Importen anderer Länder wie bisher.

    Zu Beginn der Pandemie haben die meisten Regierungen nur national agiert, manchmal zulasten von Nachbarländern und Handelspartnern. Hat sich das gebessert?
    Es gibt da Licht und Schatten. Ich war froh über die Politik der Zentralbanken. Und es ist gut, dass es Schuldendiensterleichterungen für die ärmsten Entwicklungsländer gegeben hat, doch da muss noch mehr kommen. Aber für den Handel gibt es leider noch immer Beschränkungen, etwa neue Visaregeln oder Lizenzen, die man beibringen muss. Das erhöht die Kosten des Handels.

    Arme Länder leiden am meisten. Was können reiche Staaten tun, um zu helfen?
    Sie könnten die Erleichterungen beim Schuldendienst für die ärmsten Staaten ausweiten und mehr Geld für die Finanzierung von Gesundheitsdiensten geben. Und es ist wichtig, dass es einen Impfstoff nicht nur für Europa, sondern für jeden Menschen auf der Welt geben wird. Auch wenn das teuer sein dürfte: Es wäre noch teurer, wenn das Virus in armen Ländern bleiben und sie destabilisieren würde. Denn das hätte Auswirkungen auch auf uns.

    Mehr: Die Bundesregierung bessert bei ihrem Überbrückungsprogramm für kleine und mittlere Firmen nach

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