Ökonomen im Streitgespräch: Energieembargo gegen Russland: Droht Deutschland der wirtschaftliche Niedergang?
Kann Deutschland sich den Boykott von russischem Öl, Gas und Kohle leisten?
Foto: dpaBerlin. Der öffentliche Druck nimmt zu, doch Berlin gibt sich unbeeindruckt: Die Bundesregierung wehrt sich bisher gegen einen Lieferstopp für russische Energie als Sanktion gegen Wladimir Putins Angriffskrieg in der Ukraine. Zu schwerwiegend seien die Folgen für die deutsche Wirtschaft.
Aber stimmt das? Diese Frage entzweit die deutschen Ökonomen. Das Handelsblatt hat zwei der wichtigsten Vertreter des Fachbereichs zum Streitgespräch gebeten.
Moritz Schularick aus Bonn, der zuletzt in New York tätig war, hat kürzlich eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht. Das Ergebnis: Ein Energieembargo dürfte die deutsche Wirtschaftsleistung 2022 um drei Prozent senken – verschmerzbar, findet Schularick. Der Regierung wirft er „Bauchgefühl-Ökonomik“ vor.
Der Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Achim Wambach, kann mit dieser Argumentation nichts anfangen. „Ein solches Energieembargo wäre einmalig in der Geschichte und hätte erhebliche Effekte auf die Konjunktur“, warnt Wambach.
Lesen Sie hier das ganze Streitgespräch:
Herr Schularick, Deutschland diskutiert über ein Embargo für russische Energie. Eine gute Idee?
Moritz Schularick: Wir könnten einen sofortigen Lieferstopp für russisches Gas, Öl und Kohle verhängen. Eine solche Maßnahme würde die deutsche Wirtschaftsleistung um drei Prozent in diesem Jahr geringer ausfallen lassen, es entstünde ein Schaden von rund 120 Milliarden Euro. Das mag nach viel klingen, aber wir könnten das auffangen. Der Weltuntergang bleibt aus. Entscheiden muss letztlich die Politik.
Achim Wambach: Eure Studie ist gut, sie bildet aber nicht die ganze Wahrheit ab. In der detaillierteren Version ist sogar von einem geringeren Wirtschaftseinbruch von 0,3 Prozent die Rede. Ich habe den Eindruck, ihr seid ob des geringen Wertes nervös geworden und habt mal lieber eine zweite Berechnung mit einem einfacheren Modell gemacht. Aber auch diese vernachlässigt doch vieles.
Was denn?
Wambach: Eure Rechnung ist ohne Arbeitslosigkeit und ohne Inflation. Das Hauptproblem aber ist die Analyse der Ersatzmöglichkeiten für Gas. Wenn wir keines mehr aus Russland haben wollen, brauchen wir Ersatz. Den gibt es aber nicht so einfach. Die Studie tut aber so, als könnten wir das Gas leicht ersetzen.
Schularick: Nein, das tut sie nicht. Nur scheint die Politik die Möglichkeiten, uns von russischem Gas unabhängig zu machen, zu unterschätzen. Das ist ein Denkfehler. Das kann vergleichsweise einfach funktionieren: sich einmal ein paar dickere Socken anziehen; die Kellertür, unter der es seit Jahren schon her zieht, einmal vernünftig isolieren; die Gasheizung ersetzen; häufiger das Homeoffice nutzen, um nicht zwei Gebäude gleichzeitig heizen zu müssen. Die ökonomischen Erkenntnisse der Vergangenheit zeigen uns, dass in solchen Krisen die Suche nach Ersatz viel leichter fällt.
Wambach: Aber solche Erkenntnisse haben doch mit der derzeitigen Realität nichts zu tun. Ein solches Energieembargo wäre einmalig in der Geschichte und hätte erhebliche Effekte auf die Konjunktur. Und es würde politökonomische Effekte geben, man denke nur an Gelbwesten in Frankreich. Auch das muss die Politik bei ihrer Entscheidung beachten. Natürlich kann das eine Studie nicht alles abbilden. Aber dann kann man anhand dessen auch nicht fordern, jetzt ein Embargo zu verhängen.
Schularick: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind nicht bloß theoretisch. Ein gutes Beispiel ist doch die Havarie des Kernkraftwerks Fukushima in Japan 2011: In Notsituationen werden Wirtschaft und Bürger immer kreativ und finden Lösungen, um wegfallende Energie zu ersetzen. Das muss in die Köpfe der Politiker.
Wambach: Ein Gasstopp ist ein ganz anderer Fall als Fukushima. Die Kernenergie, die dort zur Stromerzeugung genutzt wird, war viel leichter durch andere Energiequellen zu ersetzen. Bei einem Gasstopp würden auch die Finanzmärkte in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn die Probleme würden sich durch die gesamten Lieferketten ziehen. Wir können nicht sofort alle Haushalte mit Gasheizung umstellen. Das ist eine Mammutaufgabe, für die wir die nächsten 20 Jahre brauchen werden.
„Ökonomen machen seit Jahrzehnten evidenzbasierte Politikberatung. Und wenn es dann drauf ankommt, machen wir Politik nach Bauchgefühl.“
Foto: PrivatSchularick: Natürlich würde ein Energieembargo zu einer mittelschweren Rezession führen. Doch der Coronaschock war ähnlich, und auch die haben wir gut überstanden – ohne jede Bankenkrise. In Deutschland passiert gerade viel Bauchgefühl-Ökonomik. Aber die Beweislast muss doch umgekehrt sein: Wirtschaftsminister Robert Habeck muss zeigen, warum er sich so felsenfest gegen ein Embargo positioniert. Wir haben von ihm noch immer nicht gehört, auf welchen Zahlen und Annahmen er sich bei seinen Horrorszenarien bezieht. Ökonomen machen seit Jahrzehnten evidenzbasierte Politikberatung. Und wenn es dann drauf ankommt, machen wir Politik nach Bauchgefühl.
Teilen Sie den Vorwurf, Herr Wambach? Hört die Politik zu wenig auf die Wissenschaft?
Wambach: Dieser Vorwurf ist nicht angemessen. Wir sind in einer Krisensituation mit einem Ausmaß, das man nicht einfach in Studien nachlesen kann. Dann bleibt der Politik doch nichts anderes übrig, als Experten zu befragen. Und ich bin sicher, Robert Habeck hat mit allen möglichen Unternehmen und Verbänden gesprochen, um Einschätzungen über die Lage zu bekommen. Und diese Einschätzungen stehen nirgendwo in der wissenschaftlichen Literatur.
Schularick: Die Politik fragt jetzt genau die gleichen Verbände und Unternehmen, die uns in den vergangenen zehn Jahren erzählt haben, die Energieabhängigkeit von Russland sei gar kein Problem. Die Gleichen sagen jetzt: Wir können uns so schnell von Russlands Energielieferungen gar nicht lösen.
Ist die Politik zu beeinflusst durch Lobbyinteressen? Oder kommt die ökonomische Politikberatung bei einer Frage wie einem Energieembargo an ihre Grenzen?
Wambach: Ökonomen müssen auf die ökonomischen Effekte einer solch drastischen Maßnahme natürlich hinweisen. Wenn man aber eine sinnvolle Einschätzung der kurzfristigen Ersatzmöglichkeiten bei Energie haben will, ist es gut, auch die Experten und Betroffenen zu hören. Ich rate allen Ökonomen dazu, gerade in solchen Zeiten sich den Grenzen ihrer Analyse bewusst sein.
Schularick: Niemand sagt, hier kommen ein paar Ökonomen mit einem fancy Modell und damit sind alle weltpolitischen Fragen geklärt. Aber nach allem, was wir wissen, sind die ökonomischen Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft nicht im Bereich der Weltuntergangs-Panikmache, die man von manchen interessierten Verbänden hört.
Am Ende ist ein Energieembargo eine Abwägungsfrage, für wen der Schaden größer ist: für uns oder für Putin.
Schularick: Ein Drittel des russischen Haushalts besteht aus Einnahmen durch die Mineralölsteuer. Wenn diese Einnahmen wegfallen, hat Russland ein großes finanzielles Problem.
Wambach: Da gehst du davon aus, Gazprom würde bei einem westlichen Embargo nichts an seinen Verträgen ändern. Wenn ich einem Lieferanten, von dem ich abhängig bin, sage, ich kaufe jetzt ein Drittel weniger Ware bei dir, dann kann es gut passieren, dass er den Preis um ein Drittel erhöht.
Schularick: Deswegen braucht es ja ein komplettes Embargo.
Wambach: Aber dabei vernachlässigst du doch, ob das strategisch überhaupt klug ist: Ich hätte diese Sanktion vor Ausbruch des Kriegs verstanden, um den Krieg zu verhindern, jetzt aber fällt es mir schwerer. Die Bundesregierung betont von morgens bis abends, sich von russischer Energie unabhängiger zu machen. Die EU will russische Gasimporte innerhalb eines Jahres um zwei Drittel reduzieren. Wenn Putin also weiß, dass er in einem halben Jahr keine Energie mehr an uns verkaufen kann – egal, wie er sich verhält –, warum sollte er sein Verhalten ändern, wenn es ihm jetzt schon nicht mehr möglich ist?
Schularick: Die Frage ist doch: Wird es für Putin schwieriger, den Krieg weiterzuführen, wenn der ökonomische Druck zunimmt und der Geldhahn zu ist? Auch der Schaden für die deutsche Wirtschaft wird umso größer, je später wir uns zu einem Embargo durchringen. Jetzt ein halbes Jahr zu warten lässt die Rechnung explodieren. Wenn wir im Herbst dastehen und nichts getan haben, sind wir wirklich auf Putins Gas angewiesen.
Allerdings bleibt die Frage, ob nicht hierzulande die Bürger wegen hoher Energiepreise auf die Barrikaden gehen...
Schularick: Ich sehe keine Gelbwesten-Bewegung heraufziehen. Der europäische Frieden steht auf dem Spiel. Da sollten wir uns gut überlegen, ob Benzinpreise den politischen Diskurs in Deutschland bestimmen sollten. Und wir haben in der Coronakrise gesehen, dass wir über Instrumente wie Kurzarbeitergeld die Effekte abfedern können. Das müssen wir wieder machen.
Was wären denn die besten Instrumente, um die steigenden Energiekosten für die Bürger abzufedern?
Wambach: Das Sinnvollste wäre, russisches Gas, Öl und Kohle zu besteuern, um unabhängiger davon zu werden. Aber das würde die Preise noch weiter nach oben treiben. Die Bundesregierung kann einen Teil der Preisanstiege auffangen, aber nicht mehr.
Schularick: Ganz sicher nicht solche Dinge wie ein Tankrabatt. Schlauer wäre, Einkommensteuertarife zu senken, direkte Transferzahlungen zu leisten oder die Kurzarbeit zu verlängern. Auch wenn die Bürger spürbare Einschnitte hinnehmen müssen, hielte ich ein Embargo für machbar. Diesen Kosten stehen die Kosten des Nichtstuns gegenüber, vor allem die Verlängerung unserer Abhängigkeit und des Krieges.
„Wir sind in einer Krisensituation mit einem Ausmaß, das man nicht einfach in Studien nachlesen kann.“
Foto: dpaBefürchten Sie im Zuge des Ukrainekriegs eine Zweiteilung der Weltwirtschaft, weil auch China sich stärker vom Westen abkoppeln könnte?
Wambach: Die Frage der Abkopplung wird die Diskussion der nächsten Jahre. Zum einen als Konsequenz der Lieferengpässe, die wir in der Pandemie erleben mussten. Und dann natürlich auch aus Gründen der nationalen Sicherheit. Die Debatte über den Umgang mit China ist ja bereits in vollem Gange, etwa über die Investitionsprüfverfahren, die wir gegenüber der Volksrepublik ausüben.
Schularick: Es gab immer schon diese zwei Pole bei der Globalisierung: Die daraus entstehenden Wohlstandsgewinne auf der einen und die Verletzlichkeit durch die Interdependenz auf der anderen Seite. Wenn große Player ganz andere Wertvorstellungen und Ziele haben, müssen wir unser Geschäftsmodell neu kalibrieren.
Was bedeutet das konkret?
Wambach: Die ökonomische Antwort auf Versorgungsengpässe und strategische Abhängigkeiten ist nicht unbedingt Renationalisierung, sondern vielmehr Diversifizierung, also der Aufbau alternativer Lieferanten. Das spricht dafür, dass wir mehr Handelsabkommen insgesamt und insbesondere mit Bündnispartnern wie den USA abschließen, statt wie in der Vergangenheit so lange dabei zuzusehen, wie sie torpediert werden, bis sie zum Scheitern verurteilt sind.
Schularick: Für Deutschland heißt die Antwort ganz klar Europa. Europa ist der Handelsraum, in dem wir am besten die Vorteile der Arbeitsteilung bewahren können. Das bedeutet aber auch, dass der deutsche Michel sich nicht länger kleinteilig an jeder Milliarde im nächsten EU-Finanzrahmen aufhängen darf. Wir müssen in dieser Zeitenwende auch neu über die politischen Renditen des europäischen Projekts nachdenken – und auch darüber, welche finanziellen Risiken wir bereit sind, dafür einzugehen.
Wambach: Europa ist sehr wichtig, aber die Herausforderungen gehen darüber hinaus. Eine Konsequenz ist sicherlich, mehr mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten.
Schularick: Ja, aber warten wir mal die US-Wahl 2024 ab.
Wambach: Vielleicht können wir uns ja darauf einigen: Mehr Diversifizierung heißt mehr Handelsabkommen...
Schularick: ...und raus aus den fossilen Energieträgern. Je schneller wir uns daraus befreien können, umso freier sind wir. Umso erstaunlicher, dass Habeck den Quantensprung nicht wagt.
Wambach: Ich sehe durch den Krieg unabhängig von der Frage eines Embargos große Probleme bei der Energiewende auf uns zukommen. Aber das ist eine Diskussion für sich, die wir besser beim nächsten Mal klären.