Wachstumsprognose: So könnte sich jetzt die Konjunktur entwickeln
Berlin. Deutschland müht sich nur langsam aus der Krise. Immerhin: Vier der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen damit, dass die deutsche Wirtschaft ab dem Jahreswechsel wieder wächst. Das geht aus den neuen Konjunkturprognosen hervor, die die Institute am Donnerstag veröffentlicht haben.
- Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin rechnet für 2024 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozent, 2025 von 1,0 Prozent.
- Das Ifo-Institut München rechnet für 2024 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,9 Prozent, 2025 von 1,3 Prozent.
- Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen rechnet für 2024 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,8 Prozent, 2025 von 1,4 Prozent.
- Das IWH rechnet für 2024 mit einem Wachstums des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent, 2025 von 1,2 Prozent.
Aktuell geht die Wirtschaftsleistung allerdings noch zurück. Und ob nach der langen Zeit der Stagnation bald tatsächlich das Tal durchschritten ist, ist mit immenser Unsicherheit behaftet. Zwar sind sich die Institute einig, dass wieder Wachstum ansteht. Allerdings haben sie ihre Prognosen schon deutlich nach unten revidiert. Einige von ihnen nicht zuletzt wegen der Haushaltskrise und der damit verbundenen Kürzungen der staatlichen Ausgaben.
Auch ist die weitere Voraussage für das internationale Umfeld schwierig, genauso ob die Wirtschaftssektoren im Inland den erhofften Aufschwung stützen.
Letztlich entscheiden sechs Faktoren über die weiteren Konjunkturaussichten: Drei sprechen für einen Aufschwung, drei drohen diesen auszubremsen.
1. Die schwindende Inflation beflügelt die Einkaufslust
Vor allem der Rückgang des Inflationsschocks macht Hoffnung. Nach sechs Prozent in diesem Jahr erwartet das RWI einen deutlichen Rückgang der Inflation auf 2,1 Prozent 2024 und 1,8 Prozent 2025.
Das beflügelt vor allem die privaten Haushalte und deren Konsum. Denn gleichzeitig steigen die Löhne und staatliche Transfers, etwa das Bürgergeld. Die Einkommenssteigerungen fallen deutlich höher aus als die Teuerung. Die Einkommen der privaten Haushalte sollen laut Ifo um 3,5 (2024) und 3,6 Prozent (2025) wachsen.
2. Die Exportwirtschaft kann wieder auf China und die USA bauen
Positive Nachrichten kommen auch aus dem Ausland. Die Weltwirtschaft zeigt sich robust. Die fortgeschrittenen Volkswirtschaften, insbesondere die USA, haben zuletzt ebenso solide zugelegt wie die Schwellenländer.
Das könnte vor allem der wichtigen, zuletzt aber darbenden deutschen Exportwirtschaft helfen. Die Ausfuhren sollen laut DIW im kommenden Jahr 0,2 Prozentpunkte zum Wachstum beitragen.
DIW-Konjunkturchef Timm Bönke macht aber klar, dass das im Vergleich zu früheren Zeiten nicht viel ist: „Auch der Export ist kein großer Lichtblick, die internationale Nachfrage schwächelt weiter.“ Vor allem Chinas Wachstumsmotor springt kaum an. Das DIW erwartet für die Volksrepublik 2024 ein Wachstum von 4,7 Prozent, was weit unter dem historischen Durchschnitt liegt.
3. Die neuerliche Zinswende holt den Bausektor aus der Krise
Das bisherige Sorgenkind der deutschen Konjunktur, die Baubranche, könnte wieder zum Wachstum beitragen. Möglich machen soll das die Europäische Zentralbank (EZB). Die könnte Zinssenkungen einleiten, weil die Inflation sinkt.
Das DIW geht davon aus, dass die Geldpolitiker den Leitzins von aktuell 4,5 sukzessive auf 2,75 Prozent senken. Tatsächlich schloss EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel Zinssenkungen zuletzt nicht aus.
Das würde die Baukonjunktur wieder antreiben, die unter anderem durch teure Kredite infolge der starken Zinserhöhungen eingebrochen war. Zwar dauert es, bis Zinssenkungen in der Realwirtschaft ankommen. So kommt es, dass das DIW 2024 noch mal einen leichten Rückgang der Bauinvestitionen erwartet. 2025 sollen diese dann aber wieder zulegen.
4. Die Haushaltskürzungen drücken das Wachstum erheblich
Die positiven Aussichten drohen aber überdeckt zu werden, allen voran von der Finanzpolitik. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) haben am Mittwoch die Lösung für die Haushaltskrise präsentiert. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts hatte dafür gesorgt, dass der Regierung 60 Milliarden Euro im Klima- und Transformationsfonds (KTF) fehlen.
Die Regierung will zwar die Einnahmen erhöhen. Sie muss die Lücke aber auch durch Kürzungen schließen. Um rund zehn Milliarden Euro fallen die staatlichen Ausgaben in den kommenden beiden Jahren jeweils geringer aus.
Das DIW hatte seine Berechnungen vor der Einigung abgeschlossen. „Es ist ungefähr genau zu dem gekommen, was wir angenommen haben“, sagte Geraldine Dany-Knedlik. Die Auswirkungen auf das BIP sind nicht allzu hoch, dieses fällt nach den DIW-Berechnungen 2024 nur um 0,1 Prozentpunkte geringer aus. Der milde Effekt hängt vor allem damit zusammen, dass weniger Vorleistungen importiert werden müssen.
Die Auswirkungen auf die Investitionen sind aber deutlich. Sie dürften durch die Entscheidungen um 1,5 Prozent niedriger ausfallen. Hinzu kommt, dass die Mittelkürzungen zwar nah dran an den Annahmen des DIW sind, aber noch ein paar Milliarden Euro höher ausfallen.
Und Dany-Knedlik macht klar: „Die direkten Effekte beinhalten nicht die Verunsicherung, die durch die Haushaltskrise entstanden ist.“
5. Unsicherheit für Unternehmen immens
Ohnehin war die Unsicherheit in der deutschen Wirtschaft schon besonders hoch. Bereits vor dem Urteil des Verfassungsgerichts war diese deutlich ausgeprägter als in der übrigen Welt. Das zeigt der „Economic Policy Uncertainty Index“, bei dem internationale Medien ausgewertet werden.
RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt weist daraufhin, dass die Unsicherheit den Abfluss von Fördermitteln zusätzlich verzögern dürfte: „Unternehmen dürften einige Investitionen zurückstellen, bis sich die Politikunsicherheit legt.“
In den meisten Konjunkturprognosen, die am Donnerstag veröffentlicht wurden, wird angenommen, dass die Unsicherheit sich zeitnah wieder legt. Es ist aber nicht ausgemacht, dass das so passiert. Die Entscheidungen der Bundesregierung sind an einigen Stellen noch interpretationswürdig, manche Punkte sind noch zu klären.
6. Verunsicherung sorgt für Sparen anstatt Konsum
Und die Unklarheiten treffen nicht nur die Unternehmen. „Unsicherheit verzögert derzeit die Erholung, da sie die Sparneigung der Konsumentinnen und Konsumenten erhöht“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.
Das Ifo nimmt an, dass sich die Sparquote der privaten Haushalte erst 2025 wieder ihrem langfristigen Mittel annähern wird. 10,6 Prozent ihres verfügbaren Einkommens würden die Haushalte dann zur Seite legen. Aktuell liegt sie einen Prozentpunkt höher. Das ist erstaunlich, weil die deutschen Haushalte schon große Ersparnisse haben. Letztlich könnte so der private Konsum als wichtigster Konjunkturtreiber doch ausfallen.
Erstpublikation: 14.12.2023, 11:53 Uhr.