Pandemiebekämpfung: Spanien will mit neuem Ansatz zurück zur Normalität – und Corona wie Grippe verfolgen
Für Sánchez ist offenbar die Zeit gekommen, die Pandemie anders zu überwachen als bisher.
Foto: dpaMadrid. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass sich in den kommenden sechs bis acht Wochen die Hälfte der EU-Bevölkerung mit dem Coronavirus infizieren wird. Die Ansteckungen explodieren derzeit in zahlreichen Nationen.
Spanien arbeitet deshalb an einem neuen Ansatz, wie Europa künftig mit der Pandemie umgehen sollte. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez sagte in einem Interview mit dem Radiosender Cadena SER, womöglich sei die Zeit für andere Methoden der Überwachung gekommen. „Wir haben die Voraussetzungen, um schrittweise und mit Vorsicht die Debatte auf technischer und europäischer Ebene zu eröffnen und die Entwicklung dieser Krankheit mit anderen Parametern als bisher zu bewerten“, so Sanchez.
Er bestätigte damit einen Bericht der Tageszeitung „El País“, wonach seine Regierung die Entwicklung der Pandemie nicht mehr Fall für Fall erfassen, sondern an landesweit repräsentativ ausgewählten Punkten von Hausärzten, Gesundheitszentren und Krankhäusern überwachen lassen will. Ähnlich wird auch die Entwicklung der Grippe verfolgt. Die spanische Regierung arbeitet laut Sánchez bereits seit Wochen an einem solchen Plan.
Laut „El País“ befinden sich die Planungen jetzt in der letzten Phase. Fünf autonome spanische Regionen hätten bereits Pilotversuche in der neuen Art der Überwachung durchgeführt. In dieser Woche wollten sich Verantwortliche von Notfall- und Epidemiologie-Zentren treffen, um den Plan zu erörtern. Er solle aber nicht vor dem Ende der aktuell laufendenden sechsten Coronawelle in Spanien umgesetzt werden.
Die Debatte nimmt in Spanien an Fahrt auf. Am Wochenende hatte die Spanische Gesellschaft für Familienmedizin, die größte Wissenschaftsvereinigung Spaniens, in einem Leitartikel auf ihrer Internetseite für eine Rückkehr zur Normalität plädiert. Die Virusvariante Omikron führe zwar zu zahlreichen Ansteckungen, aber in Kombination mit den Impfungen zu vergleichsweise wenigen schweren Fällen.
„Die Regierungen sollten ihre Anstrengungen darauf konzentrieren, die gefährdetsten Personen zu schützen statt – vermutlich mit wenig Erfolg – zu versuchen, die Zirkulation des Virus in der Bevölkerung zu bremsen“, heißt es in dem Artikel. „Das Ziel sollte sein, Covid so zu behandeln, wie wir es mit der Grippe tun: klinische Diagnose und allgemeine Empfehlungen zur Selbstbehandlung und Prävention von Infektionen bei gefährdeten Personen, wobei die Gesundheitsversorgung denjenigen vorbehalten bleibt, die sie aufgrund ihrer Symptome oder ihrer Gefährdung benötigen.“
Allerdings teilen längst nicht alle Experten diese Meinung. „Das ist noch zu früh“, sagt etwa Miguel Ángel Royo, Präsident des Madrider Verbands für öffentliche Gesundheit dem Handelsblatt. „Es gibt immer noch viele Einweisungen in Krankenhäuser und Todesfälle, und wir wissen noch nicht abschließend, wie schwerwiegend Omikron ist.“
Inzidenz im Land derzeit bei 1460
Obwohl Spanien eine der höchsten Impfquoten in der EU besitzt, füllen sich derzeit auch hier die Krankenhäuser: 13 Prozent der Krankenhausbetten sind mit Covidpatienten belegt und 24 Prozent der Intensivbetten. Ein Ende der sechsten Welle ist noch nicht in Sicht.
Die Anlaufstellen für Infizierte – vergleichbar mit dem deutschen Hausärztesystem – laufen über, es bilden sich lange Schlangen. An Weihnachten waren Antigentests ausverkauft. Nach Angaben der spanischen Regierung liegt die Sieben-Tages-Inzidenz aktuell bei 1460 Fällen pro 100.000 Einwohner. Damit ist Spanien noch nicht einmal das Land mit den meisten Infizierten pro Einwohner in Europa – laut der Plattform ‚our world in data‘ haben sechs Länder eine noch höhere Quote, unter anderem Frankreich, Italien, Dänemark und Griechenland.
Sie alle stehen vor demselben Problem: Die vielen Fälle lassen sich kaum noch registrieren, geschweige denn die Kontakte der Infizierten nachvollziehen. Spanien hat bereits angefangen, die Vorschriften zu lockern: So müssen direkte Kontakte von positiv Getesteten keinen Coronatest mehr machen, solange sie keine Symptome haben.