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eCapital-ChefTechnologieinvestor Paul-Josef Patt: „Wir sind noch immer Venture-Capital-Entwicklungsland“

Der Chef von eCapital sieht weiterhin einen großen Rückstand auf die USA. Er fürchtet, dass aussichtsreiche Start-ups dem Kapital ins Ausland folgen könnten.Axel Höpner 14.10.2020 - 12:26 Uhr Artikel anhören

Der Erfolgsinvestor hat unter anderem den Verkauf von Novaled und der Sonnen GmbH mit eingefädelt.

Foto: Roman Mensing

München. Paul-Josef Patt ist einer der erfolgreichsten deutschen Technologie-Investoren. Der Mann hinter der Firma eCapital beteiligte sich zum Beispiel früh maßgeblich am Oled-Spezialisten Novaled und dem Batteriespeicher-Produzenten Sonnen und fädelte den Verkauf für dreistellige Millionenbeträge an Samsung und Shell ein.

Allein im vergangenen Jahr nahm der Investor auf der Suche nach dem nächsten „Gamechanger“, der eine Branche mit disruptiver Technologie grundlegend verändert, 1700 deutsche Techfirmen unter die Lupe.
Doch Patt, der seit mehr als 20 Jahren in der Szene unterwegs ist und derzeit mit eCapital ein Fondsvolumen von 220 Millionen Euro verwaltet, ist in Deutschland eher die Ausnahme.

„Wir sind gerade im Deep-Tech-Bereich noch immer Venture-Capital-Entwicklungsland und hinken den USA 20 Jahre hinterher“, warnt Patt im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Dabei seien die Voraussetzungen eigentlich gut. „In der Forschung sind wir in Deutschland ganz, ganz weit vorn.“ Die Hochschulen hätten ein Budget von mehr als 50 Milliarden Euro, Einrichtungen wie die Fraunhofer-Institute betrieben Hochleistungsforschung, und nirgendwo gebe es so gute interdisziplinäre Teams. Auch finde sich für junge Unternehmen in der frühen Phase unter anderem dank des High-Tech Gründerfonds ausreichend Kapital.

Doch danach werde es schwieriger. In den Bereichen Internet und Medien und zum Beispiel auch im Bereich Fintech habe sich inzwischen eine Wagniskapital-Szene entwickelt, in vielen Bereichen des Technologiesektors sei das aber anders. Einer der Gründe: „Technologie ist kompliziert, und man braucht manchmal zehn Jahre Geduld“, sagt Patt.

Vor allem aber seien die Deutschen sehr risikoavers, zudem werde die Altersvorsorge nicht in Aktien und Start-ups angelegt. „Seit vielen Jahren bin ich unterwegs und versuche, Family-Offices von Investitionen in Deep-Tech zu überzeugen.“

Schmerzhafter Verkauf an Samsung

Mit dem Begriff Deep Tech werden Firmen bezeichnet, die oft im Verborgenen an sehr komplexer Soft- und Hardware basteln, um mit neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz, Photonik oder Quantencomputern substanzielle Fortschritte zu erzielen. Diese finden eher Investoren aus dem Ausland. So haben auch die USA den deutschen Markt entdeckt. Laut einer Studie von BCG haben sich die weltweiten Investitionen allein zwischen 2015 und 2018 auf 18 Milliarden Dollar verdoppelt.

Dass sich viele ausländische Investoren an deutschen Start-ups beteiligen, sei grundsätzlich kein Problem, betont Patt. „Das ist bei den Dax-Konzernen nicht anders.“ Doch bestehe bei jungen Firmen die Gefahr, dass die Technologie – oder gleich das ganze Unternehmen – ins Ausland abwandere.

Bei den Investitionen bis eine Million Euro in deutsche Start-ups liege der Anteil ausländischer Investoren bei 14 Prozent. Bei den Investments im Bereich von zehn Millionen Euro, also in den späteren Runden, seien es dann 88 Prozent.

Auch Novaled hätte Patt gern an einen deutschen Interessenten verkauft. „Uns tut das in der Seele weh.“ Doch am Ende legte Samsung 230 Millionen Euro für die Ausgründung der Technischen Universität Dresden auf den Tisch. Die Koreaner nahmen Novaled aber nicht vom Markt, sondern bauten es mit der bestehenden Mannschaft aus.

Das Schwesterunternehmen Heliatek, das organische Solarfolien entwickelt, die zum Beispiel auf Fensterscheiben geklebt werden können, ist einer der hoffnungsvollen aktuellen Werte in Patts Portfolio, das momentan Beteiligungen an 33 Unternehmen umfasst.

Aktiver Investor

Noch erfolgreicher als der Novaled-Verkauf war für Patt das Engagement bei der Sonnen GmbH. Das 17-Mann-Team von eCapital engagierte sich stark bei dem Batteriespeicher-Spezialisten, der anfangs eher einfache Produkte herstellte. Durch die Vernetzung der Speicher zu virtuellen Kraftwerken sei es dann gelungen, Sonnen zu einem „Gamechanger“ zu entwickeln, sagt Patt.

Schon bei der ersten A-Finanzierungsrunde war eCapital als einziger Investor dabei. Am Ende hatte das Team gemeinsam mit weiteren fast ausnahmslos internationalen Investoren 160 Millionen Euro investiert. „Wir sind ein aktiver Investor, wir wollen möglichst immer im Lead sein“, sagt Patt, der kürzlich einen neuen Fonds für Cybersicherheit aufgelegt hat. Ein weiterer Schwerpunkt ist Cleantech, also saubere Technologien, die Ressourcen schonen.

„Für mich ist Patt einer der ersten Investoren, die sehr sichtbar das Thema saubere Energie und Nachhaltigkeit verfolgt haben – und erfolgreich, wie die zahlreichen Exits zeigen“, sagt Carsten Rudolph, Geschäftsführer des Investoren-Netzwerks BayStartup, über den Unternehmersohn aus dem Sauerland, der einst schon für Kaufhof Beteiligungen gemanagt hatte.

Doch derzeit ist das Geschäft auch für Patt besonders herausfordernd. „Start-ups sind wie die gesamte Wirtschaft von der Corona-Pandemie betroffen“, sagt Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutsche Startups. Laut dem aktuellen Startup Monitor spüren drei Viertel der jungen Unternehmen die Auswirkungen von Corona im Geschäft.

Die Folge: Das Geschäftsklima in der Venture-Capital-Branche fiel zum Jahresstart auf ein Allzeittief. Im ersten Quartal 2020 gab der Geschäftsklima-Indikator German Venture Capital Barometer für das sogenannte Frühphasensegment um 72,3 Zähler auf minus 61,3 Punkte nach – ein in dieser Größenordnung noch nie da gewesener Rückgang.

Im zweiten Quartal legte der Indikator dann wieder auf minus 11,1 Punkte zu. „Die Venture-Capital-Investoren haben den ersten Schock nach dem Ausbruch der Coronakrise überwunden“, sagt Friederike Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW.

Doch Patt ist überzeugt: „Wir werden eine Bereinigung im Start-up-Bereich sehen.“ Es gebe sehr nervöse Investoren, die derzeit gar nicht investieren. Im Venture-Capital-Bereich brauche man immer Co-Investoren. Die seien derzeit aber schwerer zu finden. Es könne auch im Start-up-Bereich Pleiten geben, in der Branche sei Scheitern jedoch auch immer Teil des Geschäfts.

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„Und es gilt: Wer das übersteht, den kann nichts mehr schrecken“, sagt der Investor. Natürlich gebe es viele junge Firmen, die vom Digitalisierungs-Schub durch Corona profitieren.

Um die Zukunft der deutschen Wirtschaft ist dem notorischen Optimisten Patt ohnehin nicht bange. Der Vorsprung der Amerikaner in vielen Tech-Bereichen lasse sich aufholen. „Auch Henry Ford war einmal Weltmarktführer mit 85 Prozent Marktanteil.“

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