Jeannette zu Fürstenberg: „Wir dürfen nicht nur auf der Speisekarte stehen“
Jeannette zu Fürstenberg bleibt nach dem Zusammenschluss als Managing Director Teil des globalen Führungsteams von General Catalyst.
Foto: Nik Hunger für HandelsblattDüsseldorf. Berlin. Die Investorin Jeannette zu Fürstenberg will die von ihr geführte Venture-Capital-Gesellschaft La Famiglia schlagkräftiger machen und schließt sich deswegen mit dem deutlich größeren US-Investor General Catalyst zusammen. „Der Zusammenschluss ist ein Schritt aus Überzeugung“, sagte die 41-Jährige im Interview mit dem Handelsblatt. Sie gebe keine Unabhängigkeit auf, sondern gewinne „Handlungs- und Gestaltungsspielraum“ hinzu.
Zu Fürstenberg will sich auch in der neuen Funktion dafür einsetzen, dass Europa im Wettbewerb um Wagniskapital (VC) nicht den Anschluss verliert: „Wir dürfen nicht nur auf der Speisekarte stehen“, sagt sie.
General Catalyst zählt zu den größten Wagniskapitalgebern der USA und hat unter anderem in Airbnb und das Fintech Stripe investiert. La Famiglia gehört, obwohl die Gesellschaft noch relativ jung ist, zu den erfolgreichsten deutschen Frühphaseninvestoren und ist in Seed-Runden – der ersten formellen Finanzierungsrunde für ein Start-up – bei vielversprechenden Firmen wie der Personalsoftwarefirma Personio und dem Cybersicherheitsanbieter Sosafe eingestiegen.
Durch den Zusammenschluss verliert Deutschland einen der wenigen Investoren, die nur von Frauen geleitet werden. Zu Fürstenberg sieht darin keinen Nachteil: „Mir geht es nicht um irgendeine Quote, sondern um Wandel.“
Lesen Sie hier das komplette Interview
Frau zu Fürstenberg, Sie werden künftig als Managing Director Teil des globalen Führungsteams von General Catalyst und sollen dort das Investitionsprogramm sowie das Inkubationsprogramm leiten. Was genau verbirgt sich hinter dieser Aufgabe? Was ändert sich für Sie in der neuen Rolle?
Meine Ambition mit La Famiglia war es immer, dass wir in Europa den Anschluss nicht verlieren. Europa muss international mit am Tisch sitzen. Wir dürfen nicht nur auf der Speisekarte stehen. Das hat viel mit technologischer Souveränität und Resilienz zu tun. Meine Intention ist es, dass wir alle Themen, die wir uns vorgenommen haben, mit General Catalyst noch umfassender und mit mehr Schlagkraft bewerkstelligen können. Wir müssen uns in Deutschland von dem Gedanken verabschieden, dass Wertschöpfung von der Herkunft des Kapitals getrieben wird.
Sie schlüpfen mit Ihrer im internationalen Vergleich relativ kleinen, aber feinen Wagniskapitalgesellschaft La Famiglia unter das Dach einer viel größeren amerikanischen VC-Gesellschaft. Das hat sicher nicht nur Vorteile, oder?
Es gibt ein sehr schönes Gedicht von Ilse Aichinger, in dem sie sagt: Wir sind gar nicht gemeint, gemeint ist, was an uns Licht gibt. Ich finde, das ist ein schönes Leitbild. Die Idee ist, dass man größtmöglichen Einfluss nimmt und Gestaltungskraft mit Blick auf wichtige übergeordnete Ziele gewinnt.
>> Lesen Sie hier dazu mehr: Deutscher Frühphaseninvestor La Famiglia schließt sich mit US-Gesellschaft General Catalyst zusammen
Und das gelingt besser, indem Sie Ihre unternehmerische Freiheit aufgeben?
Ich gebe keine Unabhängigkeit auf, ich gewinne Handlungs- und Gestaltungsspielraum hinzu. Meine Partnerin Judith Dada und ich sind der Meinung, dass wir an der Seite von General Catalyst mithilfe der dort vorhandenen Expertise noch stärker unternehmerisch agieren können. Außerdem bleibt La Famiglia als Marke ja erhalten und wird sogar zum globalen Seed-Programm von General Catalyst. Mit einem anderen Partner hätten wir es nicht gemacht. Es geht uns nicht nur darum, mehr Kapital zu allokieren. Das ist nicht die Idee. Der Zusammenschluss ist ein Schritt aus Überzeugung und basiert auf einem starken gemeinsamen Wertefundament.
„Mir geht es nicht um irgendeine Quote, sondern um Wandel“
Der VC-Markt in Europa wandelt sich gerade radikal. US-Investoren sind hier deutlich präsenter, viele Gesellschaften haben inzwischen Büros in Europa und steigen auch in frühe Seed-Runden von deutschen beziehungsweise europäischen Start-ups ein. Hat das La Famiglia zuletzt auch gespürt?
Wir machen heute schon viele Co-Investments mit internationalen Investoren. Das ist sehr kollaborativ. Eine lokale Verzahnung mit dem Ökosystem in Kombination mit einer internationalen Marke kommt bei Gründern meist gut an. Mit General Catalyst haben wir ganz neue Möglichkeiten, weil uns viel mehr Module, beispielsweise auch ein Inkubationsfonds, zur Verfügung stehen.
Weibliche Doppelspitzen wie bei La Famiglia sind im VC-Geschäft sehr selten. Bei General Catalyst werden Sie künftig Teil eines recht großen, eher männlich besetzten Führungsteams sein. Wie bewerten Sie das?
Judith und ich sind nicht angetreten, um den Männern zu zeigen, dass auch Frauen investieren können. Ich weiß, dass sie es können. Mir geht es nicht um irgendeine Quote, sondern um Wandel. Wir sind mit General Catalyst auf Augenhöhe, und ich bin der tiefen Überzeugung, dass wir gemeinsam noch viel mehr Wertschöpfung für Europa werden schaffen können.
>> Lesen Sie auch: Was für deutsche Start-ups trotz Krise gut läuft
In Europa gab es zuletzt nur wenige Börsengänge. Das macht dem gesamten Ökosystem zu schaffen. Was kann man da tun?
Wir benötigen unbedingt eine europäische Nasdaq, um europäische Technologieunternehmen hier zu halten. Wir benötigen ein Umfeld, das es für Gründer attraktiv macht, eine Doppelnotierung anzustreben. Dafür braucht es strukturelle Änderungen, etwa die Möglichkeit, dass Gründer nach einem IPO ihre Stimmrechtsmehrheit behalten.
Uns alle bewegt gerade der Krieg in Israel. Sowohl General Catalyst als auch La Famiglia sind in Israel schon länger stark investiert. Was wissen Sie über die Lage vor Ort?
Das ist alles extrem bedrückend und stimmt mich tieftraurig. Ich war erst Ende Juli dort. Israel hat eine wahnsinnige Innovationskraft und Energie. Schon damals war die Unruhe dort sehr groß, allerdings vor allem mit Blick auf die neue Regierung und die umstrittene Justizreform. Ich habe zuletzt mit Deel-Gründer Alex Bouaziz gesprochen, bei dem wir seit Anbeginn investiert sind. Deel entwickelt Compliance- und HR-Software und wächst schnell und stark. Doch das alles tritt angesichts der grausamen Bilder in den Hintergrund.
Frau zu Fürstenberg, vielen Dank für das Interview.