Lieferengpässe: Chipindustrie: Boom ohne Ende – aber die Investoren sind verunsichert
Der Konzern hat am Donnerstag seine Quartalszahlen vorgelegt.
Foto: BloombergMünchen. Ausverkauft: Infineon hat Aufträge im Wert von über 31 Milliarden Euro in den Büchern. Damit sind die Werke des Münchener Chipherstellers für die nächsten zwei Jahre voll ausgelastet. „Unser Ausblick wird von den verfügbaren Kapazitäten bestimmt – den eigenen und denen der Auftragsfertiger“, sagte Vorstandschef Reinhard Ploss an diesem Donnerstag.
Infineon könnte ein Vielfaches verkaufen, wenn der Dax-Konzern nur die nötigen Maschinen und das Personal hätte. Auch so aber läuft das Geschäft glänzend: Der Umsatz im abgelaufenen Quartal sei um 20 Prozent auf rund 3,2 Milliarden Euro gestiegen, teilte der Dax-Konzern mit. Unterm Strich stand ein Gewinn von 457 Millionen Euro, 79 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahrs. Die operative Marge betrug 22,7 Prozent. So profitabel war Infineon schon lange nicht mehr.
So wie bei Deutschlands größtem Chipkonzern boomt es bei fast allen großen Halbleiterherstellern weltweit. Qualcomm-Chef Cristiano Amon: „Wir haben immer noch mehr Nachfrage als Angebot“, sagte der CEO des weltgrößten Handychip-Anbieters am Mittwochabend. „Ich wünschte, wir hätten mehr Nachschub.“ Mit seiner Prognose für das laufende Quartal lag der Manager um fast eine Milliarde Dollar über den Erwartungen der Analysten, zudem wird der Gewinn stärker steigen als von den Bankern errechnet.
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Beispiel AMD: Vorstandschefin Lisa Su versprach in einer Analystenkonferenz Mitte der Woche für das erste Quartal einen Umsatz von fünf Milliarden Dollar, 700 Millionen Dollar mehr, als die Banker erwartet hatten. Im gesamten Jahr sollen die Erlöse des amerikanischen Prozessor-Spezialisten um knapp ein Drittel steigen. Prozessoren sind die Gehirne eines jeden Rechners.
Su geht davon aus, dass der Aufschwung dauerhaft anhält: „Wir erwarten in den nächsten fünf Jahren ein langanhaltendes Wachstum, weil die Menschen mehr Computerleistung brauchen.“
Chipbranche erwartet Daueraufschwung
Auch Kurt Sievers, Chef des Infineon-Rivalen NXP, ist optimistisch: „Wir sehen weiterhin eine wachsende Kundennachfrage, die das Angebot übersteigt, da die Lagerbestände in allen Endmärkten nach wie vor sehr mager sind.“ Daher rechne er mit einem „robusten Wachstum im Jahr 2022“.
Nach dem Rekordjahr 2021 steuert die Branche damit auf den nächsten Spitzenwert zu – und wahrscheinlich auf mehrere gute Jahre. Die Investoren aber sind zurückhaltend. In dieser Woche sind die Kurse der Chipaktien weltweit zwar zwischenzeitlich gestiegen. Schon am Donnerstag ging es indes erneut bergab. Infineon war trotz der glänzenden Zahlen mit einem Minus von gut vier Prozent der größte Verlierer im Dax.
Die Aktienkurse der meisten großen Chipkonzerne sind schon seit Herbst unter Druck. Die Investoren sind nervös, sie fürchten eine Fluchtbewegung aus den Tech-Aktien.
Vorstandschef Reinhard Ploss hat Aufträge für die nächsten zwei Jahre in den Büchern.
Foto: ddp/Sven SimonDenn viele Halbleiteraktien sind vergleichsweise teuer. Der wertvollste Chipkonzern der Welt, Nvidia, wird derzeit mit dem 75-Fachen des zu erwartenden Jahresgewinns bewertet. Infineon kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 40 und NXP auf 37. Zum Vergleich: Das KGV von Apple beträgt lediglich 29.
Infineon-Aktien notieren ein Fünftel unter dem Höchststand
Die Infineon-Papiere notierten am Donnerstag bei 35 Euro und damit rund ein Fünftel unter dem Höchststand von Mitte November. Dabei sind die Analysten sehr positiv gestimmt. Die Kennziffern und der Ausblick des Halbleiterkonzerns auf 2022 hätten die Erwartungen übertroffen, urteilte JPMorgan-Analyst Sandeep Deshpande an diesem Donnerstag. Der Banker sieht den Kurs auf 47 Euro steigen, das entspricht einem Plus von rund einem Drittel gegenüber dem aktuellen Kurs.
Goldman Sachs geht sogar von einem Anstieg um rund die Hälfte aus. Umsatz und operatives Ergebnis seien besser als vom Markt erwartet ausgefallen, meint Analyst Alexander Duval. Die Analysten der Credit Suisse schreiben, der angehobene Ausblick könnte sich sogar als konservativ erweisen.
Tatsächlich erscheint ein plötzlicher Abschwung der Branche so gut wie ausgeschlossen. „Die Auftragseingänge sind deutlich größer als die Stornierungen“, erläuterte Infineon-Chef Ploss. Im jüngsten Quartal sei der Auftragsbestand sogar noch um zwei Milliarden Euro geklettert.
So erhöhte der Konzernlenker die Prognose für das laufende Geschäftsjahr, das am 30. September endet. Der Manager rechnet nun mit einem Umsatz von 13 Milliarden Euro, das sind 300 Millionen mehr als bisher erwartet. Die operative Marge soll auf 22 Prozent steigen, ein Prozentpunkt mehr als zuletzt geplant.