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Process-Mining-Spezialist Deutsches Start-up Celonis erreicht Bewertung von 2,5 Milliarden Dollar

Die Finanzierungsrunde von 290 Millionen Dollar belegt, dass auch deutsche Start-ups in einem Bereich weltweit führend sein können: Process-Mining.
21.11.2019 - 14:00 Uhr Kommentieren
Celonis half bei der Optimierung des Prozesses. Quelle: dpa
Betankung von Lufthansa-Maschine

Celonis half bei der Optimierung des Prozesses.

(Foto: dpa)

München, Hamburg, Düsseldorf In die kleine Riege der deutschen Einhorn-Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar war die Softwarefirma Celonis schon im vergangenen Sommer aufgestiegen. Nun erreichte die wachstumsstarke Münchener Firma die nächste Stufe: In der jüngsten Finanzierungsrunde, die am Donnerstag verkündet wurde, stieg die Bewertung auf 2,5 Milliarden Dollar. Damit spielt Celonis neben Unternehmen wie Flixbus und Auto1 in der Champions League der europäischen Start-ups.

Manchem Jungunternehmer würde bei solchen Zahlen schwindlig werden. Doch Gründer Bastian Nominacher sagt: „Unwohl ist mir in keinem Fall. Es ist eine tolle Bestätigung unserer Arbeit.“ Manche hoffen bereits darauf, dass Celonis zum nächsten SAP werden könnte, also zu einem weltweit aktiven, deutschen IT-Konzern mit Dax-Format.

Der 34-Jährige will seine Firma zwar nicht mit den Walldorfern vergleichen. „SAP ist ein beeindruckendes Unternehmen.“ Doch auch Celonis habe eine Technologie entwickelt, die relevant sei für praktisch jedes Unternehmen. „Deshalb ist es unsere Vision, langfristig ein großes, unabhängiges Technologieunternehmen aufzubauen“, sagt Nominacher.

Das weitere Kapital dafür sicherte sich Celonis jetzt. In einer sogenannten Serie-C-Finanzierung sammelte die Firma noch einmal 290 Millionen Dollar ein.

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    Celonis ist auf das sogenannte Process-Mining spezialisiert. Mithilfe der Software werden Geschäftsprozesse in Unternehmen digital abgebildet und analysiert. Eine Künstliche Intelligenz macht gleichzeitig Verbesserungsvorschläge. So verbesserte die Lufthansa mithilfe von Celonis die Abläufe, wenn ein Flugzeug landet. Die Software analysiert unzählige Daten und bemerkt zum Beispiel, wenn ein Tanklaster zu spät kommt oder es Probleme beim Andocken der Landungsbrücke gibt. Werden die Abläufe optimiert, fliegen die Flugzeuge pünktlicher. Bei BMW half die Software, in einer Lackierstraße den Ausschuss zu verringern.

    „Process-Mining kann man sich wie eine Röntgenaufnahme jedes einzelnen betrieblichen Prozesses vorstellen“, beschrieb einst Celonis-Mitgründer Alexander Rinke die Technologie. Organisationen sollten so weltweit in die Lage versetzt werden, Ineffizienzen in ganz unterschiedlichen betrieblichen Abläufen zu erkennen, in Echtzeit darauf zu reagieren, Geschäftsprozesse zu verbessern und kontinuierlich zu überprüfen, um eine optimale Unternehmensperformance sicherzustellen.

    Dass das digitale Process-Mining in Deutschland entwickelt wurde, ist nach Einschätzung von Nominacher kein Zufall: „Prozesse zu optimieren, das ist ein deutsches Thema.“ Auch das 2016 in Berlin gegründete Start-up Lana Labs hat sich darauf spezialisiert.

    Die grundlegenden Konzepte des Process-Minings wurden um die Jahrtausendwende vor allem von einer Gruppe um den Informatikprofessor Wil van der Aalst in den Niederlanden entwickelt. Erste kommerzielle Angebote entstanden um das Jahr 2010. Erst in den vergangenen Jahren wurden entsprechende Softwarewerkzeuge stärker eingesetzt. Jan Mendling vom Institute for Information Business der Wirtschaftsuniversität Wien sieht den aktuellen Erfolg von Angeboten aus Deutschland und den Nachbarländern in einer längeren Tradition: Die Prozessorientierung sei bereits früh in den 1980er-Jahren im deutschsprachigen Raum stark vertreten gewesen, „insbesondere durch August-Wilhelm Scheer in der Forschung als auch in der Praxis durch SAP“.

    Dies habe die Entwicklung von Process-Mining begünstigt, sagt Mendling. „Verschiedene deutsche Unternehmen wie Celonis und Lana Labs zählen zu den führenden im Kreis der etwa zwei Dutzend Anbieter weltweit.“

    Und weil sie zunächst die Nähe zum Kundenunternehmen brauchen, dieser Forschungszweig weder in den USA noch in China weiterverfolgt wurde und in China darüber hinaus auch die politischen und datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen nicht stimmen, ist es auch kein Wunder, dass Investoren bei den deutschen Start-ups anklopfen.

    Celonis will nun „evangelisieren“

    Hauptaufgabe von Celonis laut Nominacher ist es nun – und dafür soll ein Teil des Erlöses aus der Finanzierungsrunde verwendet werden – zu „evangelisieren“. Man müsse den Unternehmen erst erklären, welch großes Potenzial die Technologie biete. Wenn dies gelinge, könnte der Markt in einigen Jahren 40 bis 50 Milliarden Euro groß sein. Aktuell hat Celonis nach eigener Einschätzung einen Marktanteil von 90 bis 95 Prozent. Zu SAP-Dimensionen ist es da nicht mehr weit.

    Es ist viel Geld im Markt, die Zinsen sind niedrig. Frühphasenfinanzierungen waren in jüngerer Zeit hierzulande vergleichsweise einfach zu bekommen. In der Wachstumsphase aber – in der sich auch das 2011 gegründete Unternehmen Celonis befindet – standen Start-ups im Silicon Valley und anderswo größere Summen zur Verfügung.

    Die aktuelle Finanzierungsrunde von Celonis ist daher auch ein Zeichen dafür, dass es deutschen Start-ups immer besser gelingt, Geld bei internationalen Risikokapitalgebern einzusammeln. Die größte Runde verzeichnete bislang im laufenden Jahr der Berliner Reise-Event-Vermittler Getyourguide mit 428 Millionen Euro. Die Digitalbank N26 sammelte 266 Millionen Euro ein, das Werbeanalyse-Tool Adjust 201 Millionen Euro.

    Voraussetzung für solche Runden ist, dass die Gründer bereits gezeigt haben, dass ihr Geschäftsmodell funktioniert und wachsen kann. Europaweit ist die Zahl der großen Deals mit dreistelligen Millionenbeträgen deutlich gewachsen – laut einer Analyse des Londoner Geldgebers Atomico von 32 im Vorjahr auf 53 in diesem Jahr. Befeuert werden auch in Deutschland die hohen Bewertungen oft von Investoren aus Asien oder wie im Fall von Celonis aus den USA (Ohio).

    Die Investoren aus Übersee hätten inzwischen Vertrauen gefasst, dass sie auch in Europa nach einigen Jahren einen lukrativen Ausstieg schaffen können, glaubt Atomico-Partner Tom Wehmeier. Das zeigen auch erfolgreiche Börsengänge: Beim größten deutschen Tech-Börsengang seit fast 20 Jahren sammelte etwa der Business-Software-Anbieter Teamviewer im Spätsommer 2,2 Milliarden Euro ein und ist derzeit mit gut fünf Milliarden Euro bewertet. Der Berliner Essenslieferdienst Delivery Hero kann sogar eine Börsenbewertung von mehr als acht Milliarden Euro vorweisen.

    Insgesamt haben Investoren bislang 370 Millionen Dollar in Celonis investiert, dabei haben die drei Gründer ganz zu Beginn überhaupt kein Investorengeld eingesammelt. Angefangen hatte es 2016 mit einer Serie-A-Finanzierung über 27,5 Millionen Dollar. In der nächsten Runde zwei Jahre später sammelte das Start-up schon 50 Millionen Dollar ein. Diese Runde wurde von Accel und 83North angeführt, die sich auch bei der aktuellen Runde engagiert haben. Die aktuelle Runde wird von Arena Holdings angeführt.

    „Celonis ist klarer Marktführer in einer Kategorie mit enormem Potenzial. Und es zeichnet sich durch ein beeindruckendes Wachstum sowie eine immense Wertschöpfung für seine Kunden und Partner aus“, sagte Feroz Dewan, CEO von Arena Holdings. Mit dabei sind diesmal auch etablierte Unternehmer wie Qualtrics-Gründer Ryan Smith, und Procore-Chef Tooey Courtemanche. Smith soll dabei dem Unternehmen als strategischer Berater zur Seite stehen und eng mit Celonis-Verwaltungsratsmitglied und Hybris-Gründer Carsten Thoma zusammenarbeiten.

    Bei den Investoren beobachtet man das Start-up aufmerksam „Die Entwicklung von Celonis beeindruckt mich mit jedem neuen Schritt“, sagt Carsten Rudolph, Geschäftsführer beim Investorennetzwerk Bay-Startup. Es sei sehr wichtig, so ein Unternehmen in München zu wissen. „Celonis bringt sich auch in die Szene ein und ist so wichtiges Vorbild für die ganze Start-up-Szene“.

    Celonis-Konkurrent Lana Labs wurde ebenfalls von drei Gründern gestartet. Zwei von ihnen, Thomas Baier und Rami-Habib Eid-Sabbagh, promovierten am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam zu Process-Mining. Baier hatte rund sieben Jahre an Lösungen im Bereich Process-Mining geforscht und fand „es nahezu erschreckend, wie wenig des Potenzials für eine wirklich automatisierte Analyse von den damals bestehenden kommerziellen Anbietern genutzt wurde“, erinnert er sich. „Damit war klar, dass man hier etwas Neues, Innovatives auf den Markt bringen muss.“

    In einem Workshop 2015 lernten sie die spätere Mitgründerin Karina Buschsieweke kennen. Die Unternehmertochter studierte nicht Informatik, aber Entrepreneurship und hatte bereits ein Start-up in der Möbelbranche gegründet. 2016 starteten die drei dann Lana Labs.

    Auch das Berliner Start-up hat einige namhafte Kapitalgeber gewonnen: Darunter Capnamic Ventures, Main-Incubator, Westtech-Ventures, HPI-Seed-Fund und den CEO der TLGG-Gruppe und Investoren Christoph Bornschein. Lana Labs veröffentlicht allerdings keine Zahlen zu den Engagements der Investoren. Bornschein sieht genügend Platz im Markt für mehrere Anbieter und bestätigt, dass Process-Mining „ein schöner Teil eines Markts ist, in dem die Europäer führend sein können“.

    Blase im Anmarsch?

    Bornschein, der als Gründer der Digitalagentur „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“ (TLGG) viele deutsche Konzerne in Sachen Digitalisierung beraten hat, ist selbst auf Lana Labs zugegangen. Natürlich kennt er auch den größeren Konkurrenten Celonis. Er glaubt: „Lana ist das anspruchsvollere und auch kompliziertere Produkt, wenn man davon ausgeht, dass Unternehmen unterschiedlich sind.“ Deshalb setze er auf Lana Labs.

    Zu den Kunden des Start-ups zählen die Berliner Wasserbetriebe, Heidelberger Druck und Telefónica, aber auch Finanzdienstleister und Prüfungs- und Beratungsunternehmen wie PWC, Bakertilly oder UMS sind Partner. Und Investor Bornschein weist auf einen besonderen Umstand bei Lana Labs hin: Dort arbeiten Kollegen aus zehn Nationen. „Am Ende ist die Technologie ein Ergebnis der extrem hohen kognitiven Diversität bei dem Berliner Start-up.“ Er geht sogar noch weiter: „Lana Labs könnte sogar das nächste SAP werden.“

    Aber bis dahin ist der Weg noch weit. Bislang arbeiten dort etwas mehr als 30 Mitarbeiter. Lana Labs biete nicht nur die Visualisierung der Prozesse an, sondern auch die Ursachenforschung gleich mit, sagt Buschsieweke. Gründerkollege Rami ergänzt, dass Process-Mining nicht nur etwas für Großkonzerne sei. Digitalisierung sei im Grunde Prozessoptimierung. Daher reichten schon wenige Datenpunkte aus, um Optimierungschancen in Unternehmen aufzudecken. „Ich würde sogar sagen, es ist ein klarer Wettbewerbsvorteil, schon in einer frühen Phase der digitalen Transformation Process-Mining in die Unternehmens-DNA aufzunehmen und kontinuierlich Prozesse zu verbessern.“

    Nominacher ist überzeugt, dass das Geschäftsmodell trägt. „Das ist eine transformierende Technologie, die bei den Kunden einen echten Mehrwert schafft“, sagt er. „Ich glaube, dass wir diesen Markt bestimmen werden.“ Die Wachstumsraten liegen noch immer im dreistelligen Bereich, auch wenn das Unternehmen keine absoluten Zahlen nennt. Doch die Finanzierungsrunde zeigt nun, dass die Investoren fest an das Geschäftsmodell glauben. Die hohe Bewertung von Celonis scheint das zu bestätigen.

    Allerdings mehren sich vor allem nach dem Debakel um das amerikanische Coworking-Unternehmen WeWork auch in Europa mahnende Stimmen, die vor zu hohen Bewertungen warnen. Laut einer Berechnung, die die Beratung EY für das Handelsblatt erstellt hat, ist die Gesamtsumme der Investitionen in deutsche Start-ups schon im dritten Quartal 2019 auf über fünf Milliarden Euro angestiegen. Das ist mehr als EY seit Beginn seiner Untersuchungen 2015 jemals für ein Gesamtjahr ermittelt hat. Der Wert liegt sogar 50 Prozent über dem des Vorjahreszeitraums.

    Die großen Runden lassen sich nicht allein mit steigenden Kosten für den Aufbau von großen Unternehmen erklären. Sie könnten auch ein Anzeichen für eine Überhitzung sein. So warnte Christian Miele, Partner beim Berliner Investor eVentures und Vorstandsmitglied im Start-up-Verband, kürzlich im Handelsblatt, es sei „seit vielen Jahren eine Blase im Anmarsch, nicht nur in Deutschland“.

    Ein Indiz aber, dass Celonis SAP etwas näher kommt, zeigt sich auch beim Personal. So hat das Unternehmen die Ex-SAP-Managerin Hala Zeine als Chief Product Officer geholt. Und auch Lana Labs beweist, dass das noch junge Unternehmen interessant für Führungskräfte von SAP ist. Nicole Becker, 42, wechselte Anfang November von SAP zu dem Start-up. Sie soll die drei Gründer künftig als Verkaufschefin unterstützen. Zuvor hatte Becker zwölf Jahre für SAP in verschiedenen Managementpositionen gearbeitet.

    Mehr: Aufstieg und Fall von WeWork sind zwar Ergebnis wilder Spekulationen. Warnungen vor einer Gründer-Blase führen aber in die Irre. Larissa Holzki kommentiert.

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