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Softwarekonzern Was der Börsengang von Qualtrics über die neue Strategie des SAP-Chefs verrät

Zwei Jahre nach der Übernahme will SAP seine Tochter Qualtrics an die Börse bringen. Das zeigt, welchen Plan CEO Klein langfristig verfolgt.
27.07.2020 - 16:39 Uhr Kommentieren
Der Börsengang deutet zumindest auf eine teilweise Abkehr von der McDermott-Strategie hin. Quelle: Bloomberg
Christian Klein

Der Börsengang deutet zumindest auf eine teilweise Abkehr von der McDermott-Strategie hin.

(Foto: Bloomberg)

Düsseldorf Um 23.06 Uhr in der Nacht auf Montag gab Europas größtes Softwareunternehmen SAP seinen Aktionären und der Öffentlichkeit einen Ausblick auf die neue Strategie des Dax-Konzerns. Per Ad-hoc-Mitteilung informierten die Walldorfer, dass sie ihre Tochter Qualtrics an die Börse bringen wollen.

Hinter der überraschenden Ankündigung steht der neue SAP-Chef Christian Klein. Um 6.15 Uhr am Montagmorgen erläuterte er Journalisten seine Motivation, während er die Zahlen für das zweite Quartal vorstellte. Als er vor drei Monaten zum alleinigen CEO aufgestiegen sei, habe er das Gespräch mit Qualtrics-Gründer Ryan Smith gesucht. Die beiden seien sich schnell einig geworden, dass ein Börsengang der richtige Schritt sei. „Dabei gibt es absolut keine Nachteile. Beide Seiten profitieren“, sagte Klein.

Qualtrics ist spezialisiert auf Lösungen für Online-Marktforschung. Unternehmen können damit ermitteln, wie zufrieden ihre Kunden und Mitarbeiter sind oder wie ihre Marken und Produkte wahrgenommen werden, im besten Fall in Echtzeit. Dabei werten sie Umfragen, Äußerungen in den sozialen Medien und Kundenfeedback aus.

Smith sagte, Qualtrics sei im Jahr 2018 – damals war noch Bill McDermott SAP-Chef – nur drei Tage vor einem geplanten Börsengang gewesen, als SAP das Übernahmeangebot machte. „Seitdem habe ich weiter große Freiheiten genossen“, erklärte er. SAP habe ihm als Gründer Entfaltungsmöglichkeiten gelassen. Diese könne er dank eines Börsenganges weiter ausdehnen.

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    „Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wollen Firmen dringend wissen, was ihre Kundschaft denkt. Und das nicht irgendwann, sondern in Echtzeit.“ Deswegen sei es wichtig, die Dienste von Qualtrics einer möglichst großen Gruppe von Firmen und Nutzern zur Verfügung zu stellen.

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    Mit dem Schritt drückt Klein SAP seinen Stempel auf. Er präzisiert die Strategie, die er bei dem Softwarekonzern für richtig hält, und das in einem schnellen Tempo. Vor drei Monaten war SAP öffentlich für den Abgang von Co-CEO Jennifer Morgan kritisiert worden. Sie war die erste Frau, die es auf einen Vorstandsposten bei einem Dax-Konzern geschafft hatte. Und sie stand als US-Amerikanerin für den starken Fokus des Konzerns auf das Geschäft jenseits des Atlantiks.

    Hinter ihrem Abgang stand unter anderem ein Richtungsstreit. Klein wollte den Weltkonzern stärker zentralisieren. Morgan wollte die Freiheiten der Tochtergesellschaften stärken. Der 40-Jährige, der 1999 im Rahmen eines dualen BWL-Studiums bei SAP anheuerte und es in Rekordzeit an die Spitze schaffte, setzte sich durch. Im vergangenen November hatte Klein seinen engen Vertrauten Thomas Saueressig in den Vorstand geholt. Unter ihm werden die Kernprozesse von SAP stärker zusammengeführt.

    SuccessFactors, das System für Personalmanagement, die Lieferkettenlösung Ariba oder der Reise- und Kostenverwaltungsdienst Concur gehörten alle zu den Kernleistungen von SAP, erläuterte Klein. „Hier erwarten unsere Kunden komplett integrierte Lösungen.“ Bis zum Jahresende werde die Integration zu 90 Prozent abgeschlossen sein. Bei Qualtrics sei das Angebot anders gelagert. „Die Firma ist nicht so nah an unserem Kerngeschäft wie unsere anderen Zukäufe“, sagte Klein.

    Es habe die Möglichkeit gegeben, die Firma tiefer in die bestehenden Prozesse von SAP zu integrieren und auf Kostenersparnisse zu setzen. SAP habe sich jedoch dazu entschieden, einen anderen Weg zu gehen und Qualtrics mit einem Börsengang stärkere Wachstumsmöglichkeiten auch außerhalb des Kundenstammes von SAP zu ermöglichen, so Klein.

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    Die Details hinter dem Plan beschrieb SAP-Finanzchef Luka Mucic im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Qualtrics ist heute doppelt so groß wie zum Zeitpunkt der Übernahme vor zwei Jahren“, sagte der CFO. „Der Schritt mag den Markt überraschen. Ökonomisch ist er sinnvoll.“ Mucic gab einen ersten Ausblick auf den anvisierten Zeitplan. „Die Vorbereitungen für den Börsengang werden noch ein paar Monate dauern. Dann hängt der Zeitpunkt davon ab, wann der Markt besonders aufnahmefähig ist.“

    SAP werde der Hauptaktionär von Qualtrics bleiben. „Üblicherweise werden bei Börsengängen von amerikanischen Technologiefirmen zehn bis 15 Prozent an den Markt gebracht. Wir werden nicht meilenweit davon entfernt liegen“, sagte Mucic.

    Auf eine zu erwartende Bewertung wollte sich der CFO nicht festlegen lassen. Er bemerkte jedoch: „Mit Sicherheit werden wir ein sehr attraktives Asset an die Börse bringen.“ Zudem hob er das Interesse von Gründer Smith an einer Beteiligung an Qualtrics hervor. „Das zeigt, dass er als Gründer voll hinter dem Unternehmen und der Strategie steht.“

    Abgrenzung von Vorgänger McDermott

    Der Börsengang von Qualtrics deutet zumindest auf eine teilweise Abkehr von der Strategie des ehemaligen CEO McDermott hin. Er hatte den Zukauf 2018 damit begründet, das Geschäft für Marketing- und Vertriebssoftware stärken zu wollen und mit Qualtrics den SAP-Kunden etwas Besonderes bieten zu können – gerade auch um den Rivalen Salesforce herauszufordern.

    Es sei naheliegend, dass Qualtrics nun auch tief mit den Systemen von SAP-Rivalen wie Salesforce oder Oracle verbunden werde, um möglichst viele Kunden zu erreichen, sagte IT-Berater Sven Ringling von der Adessa Group, der Unternehmen bei der Einführung von Produkten wie Qualtrics oder Success Factors unterstützt. Dann stelle sich jedoch die Frage, welchen besonderen Vorteil SAP seinen eigenen Kunden in Aussicht stellen könne.

    Das Unternehmen zählt mehr als 440.000 Kunden in 180 Ländern. Quelle: Bloomberg/Getty Images
    SAP-Zentrale in Walldorf

    Das Unternehmen zählt mehr als 440.000 Kunden in 180 Ländern.

    (Foto: Bloomberg/Getty Images)

    Qualtrics habe nie perfekt in das Kern-Portfolio von SAP gepasst, argumentierte der gut vernetzte IT-Experte Den Howlett in einem Artikel auf dem Portal Diginomica. SAP sehe Potenzial im Marktforschungsgeschäft. Der teilweise Börsengang sei ein Weg, zu verhindern, dass sich Gründer Smith von seinem Geschäft abwendet. „SAP will das gesamte Geschäft unter die deutsche Führung bringen“, schrieb Howlett. Qualtrics passe in dieses Modell nicht rein. Mit mehr Freiraum könne Smith das Geschäft weiterentwickeln. Der Börsengang würde SAP zudem Geld einbringen, mit dem das Kerngeschäft gestärkt werden könne.

    Corona als Wachstumstreiber

    Europas größtes Softwarehaus steht ohnehin gut da. Trotz Corona-Pandemie konnte SAP am Montag starke Zahlen für das zweite Quartal vorlegen. Der Umsatz stieg gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent auf 6,74 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis aufgrund von Sondereffekten sogar um 55 Prozent auf 1,28 Milliarden Euro – währungsbereinigt lag das Plus bei immerhin sieben Prozent. Auch die operative Marge verbesserte sich deutlich.

    SAP ist ein Seismograf für die europäische und die deutsche Wirtschaft. Es gibt kaum ein Unternehmen, das so eng mit dem Geschäftsprozessen der Unternehmen verwoben ist. Software von SAP wird von jedem Dax-Konzern eingesetzt. Das Unternehmen zählt mehr als 440.000 Kunden in 180 Ländern. Davon viele in der Heimat Deutschland. Software aus Walldorf hilft bei Buchführung, Vertrieb, Einkauf, Produktion, Lagerhaltung oder Personalwesen. Kurz: SAP kann in alle Geschäftsprozesse Einzug halten.

    Der Corona-Ausbruch hat viele Firmen unvorbereitet getroffen. Ganze Branchen, wie der Tourismus oder das Gastgewerbe, kamen zwischenzeitig fast vollständig zum Erliegen. Selbst bei Großkonzernen wie Volkswagen standen die Arbeiten still. Gleichzeitig führt die Pandemie vielen Entscheidern vor Augen, wie wichtig digitale Prozesse sind. „Corona kann zum Turbo für die Digitalisierung werden“, glaubt zum Beispiel Telekom-CEO Timotheus Höttges.

    Die Auswirkungen von Corona hätten zwar auch bei SAP Spuren hinterlassen, aber die meisten Kunden des Konzerns seien bislang in der Krise widerstandsfähig geblieben, sagte Finanzchef Mucic. „Die Corona-Pandemie treibt die Anstrengungen zum digitalen Wandel bei vielen unserer Kunden.“ Weiter führte er aus: „Besonders Produkte zum Steuern von Lieferketten und zum Onlinehandel sind stark gefragt.“

    In der Hochphase der Krise in Deutschland mit strengen Kontaktbeschränkungen führte der Digitalverband Bitkom eine Umfrage durch. Zwischen Mitte Februar und Anfang April gaben 552 Industrieunternehmen Auskunft. „Digitalisierung hilft aus der Coronakrise“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg.

    Noch nie sei in der deutschen Industrie so stark auf digitale und vernetzte Prozesse gesetzt worden, wie in diesem Jahr, resümierte der Digitalverband. Rund sechs von zehn Unternehmen (59 Prozent) gaben an, bereits auf Elemente der vernetzten Produktion – kurz Industrie 4.0 – zurückzugreifen. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 53 Prozent, im Jahr davor 49 Prozent.

    Von diesem Trend könnte gerade ein Haus wie SAP profitieren, das seine Dienstleistungen für digitale Geschäftsprozesse in vielen Bereichen anbietet und alle Dax-Konzerne beliefert. Der Fokus auf das Kerngeschäft ist ohnehin der zentrale Baustein in der Strategie von CEO Klein.

    Mehr: Wie der Mormone Ryan Smith zum Tech-Star wurde.

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