Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Videoplattform Tiktok: Das chinesische Unternehmen, das keines sein will

Keine App wächst weltweit so schnell wie die Videoplattform. Dahinter steht ein Konzern aus China. Das wird für den Aufstieg von Tiktok immer mehr zum Problem.
24.07.2020 - 15:17 Uhr Kommentieren
Hinter der Video-App steht der chinesische Konzern Bytedance. Quelle: REUTERS
Tiktok

Hinter der Video-App steht der chinesische Konzern Bytedance.

(Foto: REUTERS)

Peking, Berlin, Düsseldorf Viele Millionen Deutsche nutzen sie, die Deutsche Telekom auch, und die Bundesregierung setzt sie ein, um die Corona-Warn-App bekannter zu machen: Die chinesische Plattform Tiktok erobert in rasantem Tempo internationale Märkte. Ob Katzenvideos oder kurze Werbeclips – mit inszenierten Kurzfilmen erreicht der Dienst global ein Millionenpublikum.

Allein in Deutschland wurde die Anwendung mehr als sechs Millionen Mal heruntergeladen. Die Coronakrise hat den Aufstieg der App noch beschleunigt. Im ersten Quartal verzeichnete sie weltweit 315 Millionen Downloads.

Während sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter der Zutritt zum chinesischen Markt verwehrt bleibt, ist Tiktok gerade für ein besonders junges Publikum außerhalb von China eine zentrale Anlaufstelle geworden. Was Tiktok so besonders macht, ist jedoch nicht nur der schnelle Aufstieg. Es ist vor allem die Herkunft der Plattform.

Tiktok gehört zum chinesischen Konzern Bytedance. Mit einer Bewertung von geschätzt 110 Milliarden Dollar und mehr als 20 verschiedenen Apps ist dieser das wertvollste Start-up der Welt. Es ist das erste Mal, dass es einem chinesischen Unternehmen gelungen ist, ein so großes Publikum weltweit mit einem sozialen Netzwerk zu erreichen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Skepsis in Deutschland

    Doch die Kritik an dem Dienst wächst. Die Regierungen der USA und Australiens denken über ein Verbot der App nach, in Indien ist sie wegen Sicherheitsbedenken bereits blockiert. Und auch in Deutschland nimmt die Skepsis zu. So erklärte das Bundesgesundheitsministerium dem „Tagesspiegel“ jüngst, dass man das Engagement auf dem Dienst auf den Prüfstand stellen wolle.

    Eine Sprecherin von Tiktok sagte, das Unternehmen stehe für Transparenz. Tiktok sei keine chinesische Firma. „Tiktok wird nicht in China angeboten. Tiktok arbeitet mit lokalen Ländergesellschaften“, bemerkte die Sprecherin.

    In China haben sich seit Ende der 1990er-Jahre eine Reihe von Digitalkonzernen etabliert. Doch trotz massiver Anstrengungen sind die Firmen bis heute weitgehend vom chinesischen Markt abhängig. Bytedance ist anders. Die 2012 von Zhang Yiming gegründete Firma setzte früh auf das Verbreiten von Inhalten – auf dem globalen Markt. „Internationalisierung ist zwingend nötig“, argumentierte er.

    Grafik

    Unter dem Namen Douyin startete die Firma im September 2016 ihren Kurzvideodienst in China und ein Jahr danach die internationale Version, die später in Tiktok umbenannt wurde. Obwohl Douyin und Tiktok ähnlich funktionieren, sind die Inhalte streng getrennt, betont das Unternehmen.

    In China ist die Video-App Douyin sehr beliebt. Wer mit Bus und Bahn unterwegs ist, sieht auf den Handys der Mitreisenden häufig die Videos aufleuchten. Taxifahrer schauen sich über den Dienst die neusten Musikvideos an, während sie im Stau stehen. Die chinesische Regierung nutzt Douyin als Propagandakanal – nicht nur die Staatsmedien sind auf dem Dienst inzwischen vertreten, sondern auch Tausende Organe der Staatsführung.

    Eine Plattform mit zwei Gesichtern

    Kritische Inhalte findet man auf Douyin nicht, dafür sorgt die notgedrungene Selbstzensur der Nutzer, aber auch Tausende Zensoren im Auftrag des Unternehmens. In den Geschäftsbedingungen von Douyin, die nur auf Chinesisch verfügbar sind, listet das Unternehmen eine Reihe von Dingen auf, die nicht publiziert werden dürfen.

    Darunter fallen die „Verbreitung von Gerüchten und falschen Informationen“ oder Inhalte, die die nationale Sicherheit gefährden. Wer live ein Video senden will, muss sich mit seinem Pass registrieren. Wenn die App das Gesicht eines Menschen erkennt, der nicht registriert ist, erscheint ein Warnhinweis. Es ist die totale Kontrolle.

    Auch die internationale Version sah sich bereits der Kritik ausgesetzt, dass sie China-kritische Inhalte zensiert. Im September zeigten geleakte Dokumente, welche Beiträge Moderatoren gezielt auf Tiktok verhindern sollten. Wie der britische „Guardian“ berichtete, beinhalteten die Richtlinien etwa ein generelles Verbot von „Kritik/Angriffen auf die Politik“ und auf „die sozialen Regeln eines jeden Landes“. Bytedance sagte daraufhin in einer Stellungnahme, dass diese Regeln inzwischen veraltet seien und dass die aktuellen Richtlinien sich nicht auf bestimmte Länder oder Themen bezögen.

    Das zweite Problem von Tiktok ist der Datenschutz. Die App ist aus Sicherheitsgründen bereits auf Geräten der US-Armee verboten. Einige Unternehmen haben den Dienst auf Arbeitshandys ebenfalls schon untersagt, etwa der amerikanische Finanzdienstleister Wells Fargo. Zum 29. Juli verlegt Tiktok zudem den für Datenschutz-Anfragen europäischen Sitz nach Irland – ein Schritt der von Datenschützern kritisiert wurde.

    Auch in den deutschen Datenschutzbestimmungen von Tiktok finden sich Passagen, die Fragen aufwerfen. So heißt es darin, dass personenbezogene Daten auf Servern außerhalb der EU gespeichert werden, insbesondere in den USA und in Singapur. Der Schutz persönlicher Daten in den USA ist laut Kritikern aufgrund der Gesetzeslage in dem Land jedoch unzureichend. Zudem behält sich Tiktok explizit vor, Daten „gegebenenfalls auch an andere verbundene Unternehmen unserer Unternehmensgruppe“ weiterzugeben.

    In Europa muss sich Bytedance an die Europäische Datenschutzgrundverordnung halten, eine der strengsten Regularien weltweit, was den Schutz der Privatsphäre angeht. Dänische Behörden haben bereits ein Verfahren gegen Tiktok eröffnet, um zu klären, ob der Dienst den Vorschriften entspricht.

    Brüssel schaut genauer hin

    Auch in Brüssel wird kritisch auf das Unternehmen geschaut. Der Europäische Datenschutzausschuss richtete vor wenigen Wochen eine Taskforce zu Tiktok ein und sammelt Informationen über das Geschäftsgebaren der Firma. Kürzlich warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht erstmals allgemein vor chinesischen Digitalplattformen. Der chinesische Geheimdienst könnte Kundendaten abgreifen, hieß es.

    Tiktok beteuert, dass die Daten der Nutzer bei dem Unternehmen sicher seien. „Wir haben niemals Nutzerdaten an die chinesische Regierung weitergegeben und würden dies auch nicht tun, wenn wir darum gebeten würden“, heißt es in einer Stellungnahme. Um an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, gibt sich das Unternehmen ein internationales Image.

    Im Mai warb Tiktok den amerikanischen Disney-Topmanager Kevin Mayer als CEO an. Mayer nutzte seine ersten öffentlichen Äußerungen, um Tiktok klar von der Muttergesellschaft Bytedance zu trennen. „Wir sind nicht wirklich ein chinesisches Unternehmen“, sagte er. Unter ihm werde die Plattform Tiktok auch für politische Inhalte stehen. „Spaß ist wohl nicht das Wichtigste, sondern Gerechtigkeit. Und unser Produkt spiegelt das wider“, so Mayer.

    Tiktok betont stets, dass sein Hauptsitz in Los Angeles in den USA ist. Doch die Muttergesellschaft des Unternehmens ist Bytedance, das den Großteil seines Umsatzes in China macht. Und es erscheint zweifelhaft, wie sehr sich ein chinesisches Unternehmen gegen Einfluss und Datenabfragen vom chinesischen Staat überhaupt wehren kann. Die chinesische Regierung hat in der Vergangenheit zwar erklärt, dass sie chinesische Unternehmen dazu auffordert, lokales Recht zu achten, wenn sie in anderen Ländern Geschäfte machen.

    Experten weisen aber immer wieder auf die Gesetze in der Volksrepublik zur Nationalen Sicherheit hin, denen sich kein chinesisches Unternehmen entziehen kann. An mehreren Stellen wird darin deren Verpflichtung betont, mit staatlichen Behörden zu kooperieren. Bereits 2018 knickte Bytedance-Gründer Zhang vor Druck aus Peking ein und veröffentlichte eine umfassende Selbstkritik, in der er versprach, sich zu bessern und noch mehr Zensoren einzustellen.

    Deutsche Datenschützer sind skeptisch. Staatlich gelenkte Firmen im chinesischen Einparteiensystem hätten keine marktwirtschaftliche Unabhängigkeit gegenüber staatlichen Instanzen, schreibt der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. Diese „dürften wohl kaum geneigt sein, den Zugriff durch Geheimdienste und nationale Sicherheitsbehörden mit Blick auf die Datensicherheit ihrer Nutzer zu verweigern“, so Caspar.

    Auch die Politiker in Berlin sehen Tiktok kritisch. „Bei Plattformen wie zum Beispiel Tiktok stellt sich neben der Frage nach möglichen Datenzugriffen durch die App auch die Frage, ob etwa Inhalte so modifiziert werden, dass sie die Meinungsvielfalt begrenzen, einschränken oder sogar verfälschen“, sagte CDU-Digitalpolitiker Tankred Schipanski. „Das kann dann auch Grund für regulatorische Maßnahmen sein, allerdings im europäischen Kontext.“

    Der industriepolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Dieter Janecek, hält das Misstrauen gegenüber Tiktok ebenfalls für berechtigt. „Bei Tiktok blinken die Alarmsignale beim Datenschutz derzeit schon deutlich.“

    Mehr: Datenschützer warnen vor Nutzung chinesischer Bezahl-Apps.

    Startseite
    Mehr zu: Videoplattform - Tiktok: Das chinesische Unternehmen, das keines sein will
    0 Kommentare zu "Videoplattform: Tiktok: Das chinesische Unternehmen, das keines sein will"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%