Delphai: Deutsche Gründer verkaufen ihre KI-Firma in die USA
München. Die Ambitionen von Delphai sind groß. Eine Art „Google für Unternehmenskunden“, so hatte es Gründer Robin Tech ausgegeben, wollte das Berliner Start-up mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) schaffen. Doch auf dem Weg dorthin hat sich Delphai jetzt einen großen Partner gesucht. Der US-Konkurrent Intapp übernimmt den deutschen KI-Hoffnungsträger, wie Ende Februar bekannt wurde.
Die Übernahme zeigt: In Deutschland gibt es bei interessanten KI-Technologien großes Potenzial. Doch finden die Konkurrenten gerade in den USA teilweise bessere Bedingungen vor.
Es sei hierzulande schwierig, Financiers für die Skalierung zu finden, sagt Tech im Gespräch mit dem Handelsblatt. So habe Delphai bei der Series-A-Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr zwar zwei niederländische Wagniskapitalgeber gewonnen, aber keine neuen deutschen neben den Investoren aus der frühen Seed-Runde. „Hier trauen sich viele noch immer nicht an das faszinierende Thema KI heran“, sagt Tech.
Zudem habe Delphai in Deutschland zwar Kunden gewonnen – doch in den USA sei die Bereitschaft, KI schon jetzt zu nutzen, größer. Mit der Software von Delphai können Nutzer Datenbanken durchforsten und zum Beispiel Wettbewerbsanalysen betreiben, Kundenprofile erstellen und sich auf die Suche nach neuen, potenziellen Akquisezielen machen.
Zugang zu Tausenden Unternehmenskunden
Intapp ist an der Nasdaq notiert und bietet KI-gestützte Software für die Beratungs-, Rechts- und Kapitalmarktbranche. Der US-Konzern mit zuletzt 350 Millionen Dollar Umsatz will die KI-Technologie von Delphai nun in seine Lösungen auf einer intelligenten Cloud-Plattform integrieren.
Für Delphai sei die Übernahme eine große Chance, ist Tech überzeugt: „Wir können einfach weitermachen, nur mit einer größeren Skalierung.“ Bislang verfüge man über knapp 100 Kunden – von Dax-Konzernen wie Siemens über große Unternehmensberater bis zu Hidden Champions im Mittelstand. Durch die Integration in die Intapp-Plattformen habe man nun Zugang zu Tausenden Unternehmen.
Zudem werde Delphai zum Kern für die KI-Einheit des gesamten Intapp-Konzerns. „Wir haben ein großes Budget und Team zugeteilt bekommen und können die Entwicklung nun stark vorantreiben“, sagt Tech.
Ein Verkauf sei immer eine wahrscheinliche Variante gewesen. „Sobald ich als Start-up Investoren aufnehme, weiß ich, dass diese irgendwann auch einen Exit wollen“, erklärt der Gründer.
Die Firma über einen Börsengang groß zu machen gelinge nur einer Handvoll Start-ups. Daher sei der Verkauf an ein großes börsennotiertes Unternehmen wie Intapp „schulbuchhaft“ für einen erfolgreichen Exit.
Wettrennen um die aktuellste Technologie
Es deute einiges darauf hin, dass sich durch die Übernahme eine gute Kombination ergebe, sagt Alex Schmitt, Partner von Lightspeed Ventures. Die Firma hat in KI-Unternehmen wie Mistral AI investiert, war bei Delphai aber nicht an Bord. „Der Deal zeigt, dass es bei größeren Unternehmen aktuell eine große Bereitschaft gibt, junge Teams und KI-Technologien zu integrieren.“ Auf diesem Weg könnten sie in der neuen Infrastrukturwelt eine breitere Palette von Algorithmen anbieten.
Auf der anderen Seite erschließe sich Delphai neue Datenquellen und Kundengruppen. Aus eigener Kraft sei dies für Start-ups schwierig. Zudem bestehe immer die Gefahr, dass man technologisch überholt werde, sagt Schmitt.
So seien Firmen wie Delphai noch vor der neuesten technischen Innovationswelle im Bereich der großen Sprachmodelle – die etwa hinter dem Chatbot ChatGPT von OpenAI stecken – gegründet worden. Ihre Daten- und Algorithmeninfrastruktur basiere teilweise noch auf konventionellen KI-Ansätzen, die mit großen Datenmengen nur sehr kostenintensiv umgehen könnten und Begrenzungen hätten. Hier könne ein Partner mit größerem Budget helfen dranzubleiben, erklärt Schmitt.
Bewertung mit zweistelligem Millionenbetrag
Die großen Sprachmodelle nutze Delphai für das Algorithmentraining, sagt Gründer Tech, aber nicht für die Validierung der Daten. „Viele Modelle halluzinieren noch immer, das können wir unseren Kunden nicht zumuten.“
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Delphai kam zuletzt laut Branchenschätzungen auf siebenstellige Umsätze bei hohen Wachstumsraten. Bewertet wurde das Unternehmen bei der Übernahme laut Branchenschätzungen mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Das entsprach etwa dem 15-Fachen des Umsatzes, was zeigt, dass KI-Technologie aus Deutschland gefragt ist.
Kern der Technologie von Delphai ist eine Software zur Marktanalyse. Sie hat in einer Datenbank Zugriff auf mehr als 20 Millionen Firmenprofile. Zudem durchsucht sie täglich automatisiert mehr als Zehntausende Informationsquellen wie zum Beispiel Geschäftsberichte, Websites von Unternehmen, Nachrichten, Messe- und Veranstaltungsankündigungen, Aktieninformationen, Tech-Blogs und Patentanmeldungen.
Delphai hat starke Konkurrenz
Der Ansatz von Delphai galt in der Branche als interessant, doch stieß das Berliner Start-up auf eine starke Konkurrenz. So sammelt etwa der Informationsdienstleister Bloomberg ebenfalls Daten über Unternehmen und bereitet sie leicht nutzbar auf. Seine Stärken hat der Konzern insbesondere in Nordamerika und bei den großen Unternehmen.
Dazu kommen Konkurrenten wie der Datenvisualisierungs- und Reportingspezialist Tableau oder der Softwareentwickler Qliktech. Tableau war vor einigen Jahren für 15 Milliarden Dollar vom Cloud-Anbieter Salesforce übernommen worden. Die Wettbewerber eint, dass sie deutlich mehr Finanzkraft haben und teils auf die Vertriebskraft starker Partner zurückgreifen können.
Das kann helfen, die eigenen Technologien zu etablieren. Noch ist das Rennen auf vielen Feldern der KI offen. So ist es Mistral AI gelungen, mit den großen US-Firmen mitzuhalten. Das französische Start-up hat eine KI herausgebracht, die nach Einschätzung von Experten ähnlich gut sein soll wie die von ChatGPT-Entwickler OpenAI.
Dem deutschen Konkurrenten Aleph Alpha gelang es im November, fast eine halbe Milliarde Euro einzusammeln.
Eine Alternative zu immer neuen Finanzierungsrunden ist das Bündnis mit einem börsennotierten Konzern. Intapp setzt große Hoffnung auf Delphai. Deren Technologie und KI-Modelle könnten die Grundlage für die nächsten Intapp-Plattformen bilden, sagte Thad Jampol, Chief Product Officer. Damit könne man die komplexen Prozesse bei der Datenrecherche und der Verarbeitung von Unternehmensdaten modernisieren. Auch bleibt das Gründerteam um Tech an Bord.
Manche Kunden integrieren die Delphai-Algorithmen in eigene Apps, andere nutzen die Plattform als eine Suchmaschine. Die Startseite erinnert tatsächlich ein wenig an Google: In die Suchleiste können die Nutzer Fragen oder Stichworte eingeben und etwa die Größe des Markts für Elektroladestationen oder die wichtigsten Player in dem Segment ermitteln.
Die Ergebnisse lassen sich dann nach Regionen, Zeitfenstern oder Branchen filtern. So können die Nutzer potenzielle Partner und Kunden finden – oder die Konkurrenz im Auge behalten.