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KI-BriefingGoogles Kursrutsch – Ein 60-Milliarden-Missverständnis?

Ein Apple-Manager löst bei Alphabet massive Verluste aus, OpenAI will jetzt doch gemeinnützig bleiben und Frankreichs KI-Hoffnung ändert die Strategie. Die wichtigsten KI-News der Woche.Larissa Holzki 09.05.2025 - 15:22 Uhr Artikel anhören
Video Killed the Radio Star – und der Chatbot die Suchmaschine? Foto: Larissa Holzki | ChatGPT

Wenn Sie nur wenig Zeit haben, liebe Leserinnen und Leser,

dann lassen Sie uns über eine Aussage sprechen, die den Google-Mutterkonzern Alphabet diese Woche 60 Milliarden Dollar an Börsenwert gekostet hat. Die Aktie des Suchmaschinenriesen brach am Mittwoch binnen eines Handelstages vorübergehend um 7,5 Prozent ein.

Ausgelöst hatten den Kursrutsch wenige Sätze eines Apple-Managers, der in einem Kartellverfahren gegen Google befragt wurde. Der Dienstleistungschef Eddy Cue legte dabei offen, dass die Anzahl der Google-Suchanfragen in Apples Safari-Browser im April erstmals rückläufig war. Cue sagte: „Das hat es in 22 Jahren nicht gegeben.“ Außerdem sagte der Manager, dass Apple mit anderen Anbietern darüber spreche, deren KI-Dienste in Safari zu integrieren.

Warum das wichtig ist? Googles hochprofitables Geschäft mit Onlinewerbung hängt massiv von seiner Dominanz im Suchmaschinenmarkt ab. Analysten beobachten kritisch, ob die Entwicklung von Chatbots und neuen KI-Suchtechnologien die Marktmacht vermindern könnte. Die Aussagen von Cue scheinen zu zeigen: Die Gefahr ist real.

Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass der Kursrutsch auch mit einem Missverständnis zu tun hat.

Paradoxerweise ist es nämlich so: Die Wahrscheinlichkeit, dass es kurzfristig zu einem tektonischen Shift im Machtverhältnis zwischen Google und neuen KI-Anbietern kommt, haben die Aussagen von Eddy Cue im Grunde sogar gemindert.

Was Sie wissen müssen: Google zahlt Apple jedes Jahr mehr als 20 Milliarden Dollar, damit der iPhone-Konzern die Google-Suchmaschine als Standard in seinen Browser integriert. Im Prozess um eine Wettbewerbsklage der US-Regierung geht es nun darum, herauszufinden, ob die Marktmacht von Google damit zementiert wird.

Eddy Cue: Apples Vizepräsident für Internetdienste löste mit einer Aussage einen Kursrutsch der Alphabet-Papiere aus. Foto: AFP

Am Ende des Verfahrens könnte der Deal verboten werden – und daran hat Apple gar kein Interesse. Denn so mächtig neue KI-Firmen wie OpenAI auch erscheinen mögen: Bisher ist nicht in Sicht, dass ihr Geschäft mit KI-Lösungen so profitabel wird wie Googles Geschäft mit Anzeigen um die Suchmaschine, und sie Apple genau so viel Geld wie Google dafür anbieten können, um ihre Dienste zu integrieren.

Eddy Cue dürfte also sehr bewusst Zweifel an der Marktmacht von Google gesät haben. Wie meine Kollegen Thomas Jahn und Stephan Scheuer berichten, könnte es tatsächlich sogar ganz andere Gründe dafür geben, dass die Google-Suchanfragen in Safari zurückgegangen sind.

Was bleibt: Die Art und Weise, wie Menschen nach Informationen suchen, ändert sich. Und die Kursreaktionen bei Google sind nur ein erster Hinweis darauf, wie viel davon abhängt. Verliert Google an Marktmacht, wird das noch viel mehr Unternehmen betreffen als Apple und eine gewaltige Kettenreaktion auslösen. Auch beim Handelsblatt befassen wir uns schon mit den potenziellen Auswirkungen auf unser Geschäft.

Worüber die Szene spricht

Einblicke in die Redaktion: Handelsblatt-Führungskräfte erarbeiten eine Strategie für das KI-Zeitalter. Foto: Handelsblatt

Über die Frage, wie sich Unternehmen sicher durch die KI-Revolution steuern lassen. So auch beim Handelsblatt – wie bei allen Unternehmen, die erkannt haben, dass Künstliche Intelligenz ihr Geschäftsmodell tiefgreifend verändern wird.

Mit 14 Führungskräften haben wir deshalb in den vergangenen Monaten an einer Strategie für das KI-Zeitalter gearbeitet. Heute stellen wir das Ergebnis den rund 200 Kolleginnen und Kollegen vor, die von allen Handelsblatt-Standorten weltweit zu unserer Korrespondententagung nach Düsseldorf kommen.

Was dahinter steckt? Die rasante Entwicklung bei Künstlicher Intelligenz führt zu einem dramatischen Anstieg synthetisch generierter Texte, Audiobeiträge und Videos. Sie konkurrieren mit den Berichten, Podcasts und Reportagen von Journalisten um Aufmerksamkeit. Gleichzeitig verlieren Plattformen wie die Google-Suche und Apps an Bedeutung, über die viele Leserinnen und Leser heute Handelsblatt-Inhalte finden. Und dann ist da noch die Frage, ob Menschen Nachrichten künftig überhaupt noch lesen oder viel lieber mit einem Bot besprechen wollen.

Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes bei der Korrespondententagung 2023 Foto: Handelsblatt

Um uns ein Bild davon zu machen, wie unsere Leserinnen, Hörer und Nutzer auf diese Entwicklung blicken, haben wir zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey eine Umfrage unter 1000 erwerbstätigen Menschen durchgeführt, die an Wirtschaftsnachrichten interessiert sind.

Hier sind einige Ergebnisse, die ich besonders interessant finde:

  • Fast drei Viertel der Befragten sagen, es sei ihnen wichtig, dass Nachrichten von Menschen berichtet werden. Aber: Nur die Hälfte der Umfrageteilnehmer gibt an, dass sie „auf jeden Fall“ oder „eher“ darauf achten, ob sie KI-generiert sind.
  • Fast 80 Prozent der Befragten sind der Meinung, die Trennung von Meinungen und Fakten in den Medien habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. 15 Prozent geben an, dass der Einsatz von KI zu einer objektiveren Berichterstattung führen könnte.
  • Für 41 Prozent der befragten Menschen ist offenbar nicht nur relevant, ob ein Mensch hinter der Nachricht steckt, sondern auch welcher: 36 Prozent der Befragten geben an, es erhöhe ihr Vertrauen in eine Nachricht, wenn der Verfasser ein bekannter Journalist ist. 15 Prozent sagten, das würde eher oder sogar eindeutig zur Abnahme ihres Vertrauens führen.

Wie genau das Handelsblatt mit diesen Entwicklungen und Erkenntnissen umgeht, sollen unsere Kolleginnen und Kollegen natürlich zuerst erfahren. Worauf Sie sich verlassen können: Wir leisten uns auch künftig Recherche. Wir gehen an Orte, an die andere nicht gehen; wir stellen Fragen; die noch keiner gestellt hat; und wir haben Kontakte und Zugänge, die KI nicht hat.

Dabei zeigen wir Ihnen die Köpfe hinter unseren Nachrichten, Analysen und Meinungsbeiträgen. Und wenn Sie mal Kritik an unserer Berichterstattung haben oder mehr darüber wissen wollen, wie bei uns Journalismus gemacht wird, dann können Sie jederzeit Kontakt aufnehmen. Das Team hinter dem KI-Briefing erreichen Sie unter newsletter@handelsblatt.com.

Zum Schluss noch ein Hinweis: Der Redaktionsschluss dieses Handelsblatt KI-Briefings war wegen der Korrespondententagung bereits am Donnerstagabend um 18 Uhr.

Was Sie sonst noch wissen sollten

Sam Altman: Der OpenAI-Chef kündigt überraschend an, dass die gemeinnützige Struktur des Unternehmens bestehen bleiben soll. Foto: via REUTERS

1. OpenAI bleibt jetzt doch eine gemeinnützige Firma. Seit Monaten arbeitet Unternehmenschef Sam Altman daran, den ChatGPT-Entwickler von einer gemeinwohl- in eine gewinnorientierte Firma umzuwandeln. Das würde die Firma attraktiver für Investoren machen, hieß es zur Begründung immer wieder. Aufmerksamkeit erhielt das Verfahren vor allem durch Elon Musk: Der Techmilliardär und Chef des Konkurrenzunternehmens xAI hatte OpenAI mitgegründet und ging juristisch gegen die Pläne vor. Nun kündigt Altman überraschend in einem internen Schreiben an, dass die gemeinnützige Struktur doch bleiben soll. Musk will allerdings trotzdem weiter klagen.

2. Deutschland hat zwei neue KI-Einhörner. So nennt die Start-up-Szene Unternehmen, die von Investoren mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden. Erreicht haben diese prestigeträchtige Marke nun das Berliner Start-up Parloa und die Münchener Firma Quantum Systems bei neuen Finanzierungsrunden. Das Start-up Parloa entwickelt KI-Agenten für den Kundendienst. Die Drohnenfirma Quantum Systems ist Spezialist für robotisierte und KI-gestützte Luftaufklärungslösungen, die auch in der Ukraine eingesetzt werden.

3. Die Deutsche Kreditbank DKB will mit OpenAI einen KI-Bankberater anbieten. Schon heute beantwortet eine KI-Assistenz in der App der Bank Kundenfragen. Künftig soll der „Digital Agent“ mithilfe von OpenAI noch besser auf Kundenbedürfnisse reagieren, Dokumente auslesen, Rechnungen analysieren, Anfragen sortieren und Betrugsversuche erkennen. Um das Projekt aufzusetzen, arbeiten Programmiererteams des ChatGPT-Entwicklers und der Bank auf einer gemeinsamen Plattform eng zusammen. Finanzkorrespondentin Hannah Krolle berichtet, was sich die DKB von der Kooperation verspricht.

4. Für strategisch wichtige Zukunftstechnologien droht in Europa eine Finanzierungslücke. Denn Mega-Finanzierungsrunden wie den 450-Millionen-Euro-Deal beim KI-Rüstungsspezialisten Helsing führten in der Vergangenheit oft große US-amerikanische Investmentfirmen an. Und die sind laut einer Erhebung der Förderbank KfW seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump zurückhaltender mit Beteiligungen in Deutschland geworden. Zugleich gibt es bei Firmen wie dem Raketen-Start-up Isar Aerospace, der KI-Firma Aleph Alpha und den Kernenergie-Spezialisten Marvel Fusion und Proxima Fusion ein großes Interesse, die Kontrolle in Europa zu halten. Start-up-Reporterin Nadine Schimroszik hat analysiert, ob das gelingen kann.

Felix Hoffmann: Die Software des 7Learnings-Mitgründers soll Preise in Echtzeit anpassen. Foto: 7Learnings

5. Eine KI aus Berlin soll Händlern helfen, auf das Zollchaos zu reagieren. Zwar gilt ein 90-tägiges Moratorium auf Zölle der US-Regierung. Trotzdem sind Händler derzeit unsicher, wie sie ihre Preise setzen sollen. Denn wenn erhöhte Kosten zu spät eingepreist werden, schrumpft die Marge. Wer sie aber direkt weitergibt, riskiert, Kunden zu verlieren. Für das Problem hat Felix Hoffmann mit seinem Berliner Start-up 7Learnings eine Lösung entwickelt: Eine KI-basierte Software soll Preise in Echtzeit anpassen. Nun hat die Firma Geld bei Investoren eingesammelt, um schnell in den Markt zu expandieren, der vom Zollchaos am stärksten betroffen ist.

6. Das französische KI-Start-up Mistral AI stellt einen eigenen Copilot vor. Der Chatbot für Unternehmen erinnert an den KI-Assistenten von Microsoft – ist laut Mistral-Chef Arthur Mensch aber „viel besser“. So habe „Le Chat Enterprise“ etwa nicht nur Zugriff auf Dateien, die in Microsofts Dokumentenverwaltung Sharepoint liegen, sondern auch auf Dokumente in Googles Onlinespeicherdienst Drive.
Meine Kollegin Luisa Bomke und ich haben mit Arthur Mensch gesprochen und sind sicher: Hier deutet sich ein Strategiewechsel bei dem Unternehmen an.

Was wir lesen

Google veröffentlicht KI-Chatbot für Kinder. Eltern wurden per E-Mail informiert und gebeten, ihre Kinder über Desinformation aufzuklären. (New York Times)

Die Verbraucherzentrale NRW mahnt Meta ab. Der Mutterkonzern von Instagram und Facebook hatte angekündigt, seine KI ab dem 27. Mai auf den Daten europäischer Nutzer zu trainieren. (dpa/HB)

Meta entwickelt eine neue KI-Brille mit Gesichtserkennung. Die „Super-Sensing“-Software ist ständig aktiv und soll Nutzer etwa daran erinnern, den Hausschlüssel mitzunehmen. (The Information)

Das Start-up Fastino trainiert Sprachmodelle auf winzigen Gaming-Chips. Nun hat OpenAI-Investor Khosla Ventures investiert. (TechCrunch)

MotorAi darf seine KI für autonomes Fahren im Straßenverkehr testen. Das Kraftfahrt Bundesamt erlaubt dem Berliner Start-up Testfahrten mit Sicherheitsfahrern abseits der Autobahn. (WirtschaftsWoche)

Kennen Sie schon...?

Nicole Büttner: Die Gründerin von Merantix Labs ist designierte FDP-Generalsekretärin. Foto: Imago

Wer ist Nicole Büttner? Na klar, die Gründerin von Merantix Momentum, über die wir im KI-Briefing schon häufiger berichtet haben. Mit ihrer Firma bringt sie KI in Unternehmen. Nun soll die Unternehmerin aber auch neue FDP-Generalsekretärin werden.

Wo kommt sie her? Laut der Berliner Morgenpost ist Büttner seit 20 Jahren Mitglied der FDP. Bereits 2019 trat sie sogar zur Europawahl an. Damals forderte die Wirtschaftswissenschaftlerin: „Wir brauchen mehr Spitzentechnologie made in Europe!“ Den Einzug ins Parlament verpasste sie trotzdem.

Was hat sie vor? Die FDP ist aus dem neuen Bundestag ausgeschieden und muss sich neu aufstellen. „Ich möchte neue Wege gehen. Denn in der Vergangenheit waren es meistens Berufspolitiker, die in der ersten Reihe standen“, sagt der ehemalige FDP-Fraktionsvorsitzende Christian Dürr. Er freue sich, eine „profilierte und aktive Unternehmerin“ für sein Team gewonnen zu haben. Als Generalsekretärin soll sie helfen die Partei neu auszurichten.

Wo Sie uns nächste Woche treffen

Rising Against the Giants: Podiumsdiskussion bei der Rise of AI in Berlin. Foto: Thomas Tiefseetaucher

Rise of AI Conference
Mittwoch, 14. Mai 2025, Türen öffnen ab 8.30 Uhr
Behrenstraße 42, 10117 Berlin
AI for Humans GmbH

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Nächste Woche richten Fabian und Veronika Westerheide wieder in Berlin die Rise of AI-Konferenz aus. Zu den Speakern zählen der Chef der Bundesagentur für Sprunginnovationen, Rafael Laguna de la Vera, die KI-Beraterin und Aufsichtsrätin Feiyu Xu und Tina Klüwer, die im Bundesforschungsministerium die Forschung für Technologische Souveränität und Innovation leitet. Ab 10.30 Uhr moderiere ich das Eröffnungspanel mit SiloAI-Gründer Peter Sarlin und Aleph-Alpha-Chef Jonas Andrulis. Das Bühnenprogramm wird kostenlos gestreamt.

Für alle, die im Südwesten wohnen, gibt es noch einen anderen Tipp: Dort findet am Dienstag, 13. Mai, der trade/off Summit statt. Meine Kollegin Luisa Bomke spricht dort mit Jonas Andrulis über die Frage, wie Unternehmen mit KI unabhängig Wertschöpfung schaffen können.

Das war das KI-Briefing Nummer 88. Mitarbeit: Lina Knees, Bernhard Ruthmann (Grafik). Wenn Sie auch nächste Woche wieder mitlesen wollen, abonnieren Sie das KI-Briefing am besten als Newsletter.

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