Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Analyse Das Coronavirus verschärft die Probleme der Krankenhäuser

Die Lage der Kliniken in Deutschland ist bereits angespannt. Nun kommt auch die Coronakrise hinzu und stellt die Häuser vor große Herausforderungen.
10.03.2020 - 13:17 Uhr Kommentieren
Die Kliniken müssen sich wegen der Ausbreitung des Coronavirus auf neue wirtschaftliche Risiken einstellen. Quelle: dpa
Ärztliche Leiterin mit Abstrichbesteck

Die Kliniken müssen sich wegen der Ausbreitung des Coronavirus auf neue wirtschaftliche Risiken einstellen.

(Foto: dpa)

Frankfurt Mehr Patienten, mehr Umsatz und vielleicht auch mehr Ertrag: Die Annahme, dass die Kliniken in Deutschland durch die Ausbreitung des Coronavirus wirtschaftlich profitieren, ist nach Ansicht von Professor Jochen Werner, des Vorstandsvorsitzenden und Ärztlichen Direktors der Universitätsmedizin Essen, „absolut naiv“.

Das Gegenteil sei der Fall, so Werner. Er rechnet damit, dass das Coronavirus die ohnehin schwierige Lage der Krankenhäuser in Deutschland noch verschärfen könnte. „Es steht zu befürchten, dass Kliniken durch den ersatzlosen Wegfall anderer medizinischer Leistungen und Angebote massive wirtschaftliche Einbußen bis hin zur Insolvenz erleiden“, sagt der Klinikchef.

Denn infektiöse Patienten benötigten immer einen weit überproportionalen Aufwand bei der Betreuung, beginnend bei einer separaten Einlieferung, entsprechend geschultem Personal, speziell ausgestatteten Krankenzimmern mit Schleusen und Unterdruck sowie einem hohen Verbrauch an Schutzkleidung für die Behandlung und Versorgung, erläutert Werner.

„Wenn man sich den Fall einer Klinik vorstellt, bei der sehr plötzlich finanziell auskömmlich honorierte Leistungen in großer Zahl wegfallen, weil Infektionspatienten betreut werden müssen, wird schnell deutlich, dass das Coronavirus für Kliniken kein Geldsegen, sondern vielmehr eine große wirtschaftliche Gefahr bedeutet.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Auch Thomas Lemke, Vorstandsvorsitzender des privaten Klinikanbieters Sana Kliniken AG, warnt vor möglichen negativen Folgen der Coronakrise für die Kliniken. Probleme können schon entstehen, wenn infizierte Menschen in die Notaufnahme kommen: „Wenn jetzt hier eine Infektion nachgewiesen wird, müssen die Kliniken auch das Personal in Quarantäne schicken.

    Möglicherweise gibt es dann irgendwann zu wenig Personal – auch für die Behandlung anderer Patienten. Operationen müssen abgesagt werden. Dann kann es passieren, dass Kliniken, die ohnehin finanziell unter Druck stehen, in eine echte Schieflage geraten“, sagt Lemke.

    Die Kliniken in Deutschland seien auf die Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet, versichert die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Mehr als 1400 internistische Abteilungen und über 1200 Intensivstationen stehen mit circa. 28.000 Intensivbetten bereit, um Patienten zu versorgen.

    Menschen, die Sorge haben, sich mit dem Virus angesteckt zu haben, sollten aber keinesfalls direkt in die Notaufnahmen oder zu ihrem Hausarzt gehen. Die lokalen Gesundheitsämter haben zu diesem Zweck spezielle Telefonnummern eingerichtet, unter denen möglicherweise Infizierte weitere Anweisungen und Beratung erhalten.

    Dennoch wird das Coronavirus die Kliniken vor große Herausforderungen stellen, ist man sich in der Branche einig. „Eine weitere Ausbreitung des Coronavirus wird hohe Ressourcen in Form von (isolierten) Betten, Personal oder auch Intensivstationskapazitäten binden, womit eine künftige, zeitlich aktuell nicht abschätzbare Einschränkung der regulären medizinischen Versorgung erwartet werden darf“, sagt Werner von Uniklinikum Essen.

    Die Kliniken seien ja auch dem Wohlergeben und der Gesundung der anderen Patienten verpflichtet: „Nahezu alle, also quasi 100 Prozent der aktuell in Krankenhäusern versorgten Patientinnen und Patienten, leiden nicht an der Lungenerkrankung Covid-19, sondern an anderen, teils sehr schweren Erkrankungen. Selbst bei einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus bliebe diese Patientengruppe immer noch mit weitem Abstand die größte“, sagt der Mediziner.

    Die Situation in der deutschen Klinikbranche ist auch ohne die drohende Ausbreitung des Coronavirus nicht einfach. Seit Jahren ächzen die mehr als 1900 Kliniken unter immer stärkerer Regulierung und Bürokratie. Dadurch geht die Schere zwischen Kosten und Erlösen immer weiter auseinander.

    Experte Lauterbach sorgt für Empörung

    Laut den in der vergangenen Woche veröffentlichten Zahlen der gesetzlichen Krankenversicherung stiegen die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen im vergangenen Jahr zwar um 3,9 Prozent auf 80,9 Milliarden Euro. Bei den Kliniken schlägt sich dieses Wachstum allerdings nicht automatisch in wachsenden Gewinnen nieder, denn die Personalkosten und Sachkosten steigen teilweise stärker. Zudem müssen die Kliniken immer mehr notwendige Investitionen aus dem laufenden Geschäft finanzieren.

    Denn die Länder kommen ihrer Verpflichtung, Investitionen für Gebäude und Medizintechnik bereitzustellen, schon seit Jahren nicht mehr in einem ausreichenden Maße nach, wie die Branche immer wieder beklagt. Vor diesen Hintergrund machen zusätzlich wirtschaftliche Belastungen, wie sie durch die Coronakrise entstehen könnten, den Klinikchefs Sorgen.

    Für Empörung sorgte in der Branche die Aussage vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach in einem TV-Interview am Sonntagabend, wonach private Krankenhäuser möglichweise Corona-Patienten abweisen würden, um lukrativere Patienten zu halten. „Angesichts der aktuellen Lage auf vermeintlich wirtschaftliche Beweggründe zu verweisen, so wie es Herr Lauterbach getan hat, ist perfide und inakzeptabel. Denn er wirft privaten Betreibern ja vor, Gewinne vor Menschenleben zu stellen“, sagte Sana-Chef Lemke. „Es ist empörend, dass ein Politiker, der es besser wissen müsste, sich angesichts einer sowieso schon verstärkenden Vertrauenskrise in dieser manipulativen Weise öffentlich äußert.“

    Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft kritisierte die Aussage als völlig unverantwortlich. „Alle Krankenhäuser, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Kliniken haben die Versorgung der Menschen insbesondere in Notzeiten im Fokus ihres Handelns. Und selbstverständlich werden Krankenhäuser, egal welcher Trägerschaft, planbare Leistungen zurückfahren, wenn es zur Versorgung von Corona-Patienten notwendig ist“, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß.

    „Wir stehen am Anfang einer Corona-Epidemie“

    Allerdings setzt die Krankenhausgesellschaft auf die Unterstützung durch die Politik: „Wir vertrauen dabei darauf, dass der Bundesgesundheitsminister alle erforderlichen Entscheidungen treffen wird, dass es durch die derzeitige Lage nicht zu finanziellen Problemen und Insolvenzen von Krankenhäusern kommen wird“, sagt Präsident Gaß.

    In einer Hinsicht hat Gesundheitsminister Jens Spahn bereits reagiert und angesichts der Coronakrise die sogenannten Pflegepersonaluntergrenzen in Krankenhäusern zeitweise ausgesetzt – eine von den Kliniken vielfach als bürokratisch kritisierte Regelung. Die seit 2019 geltende Verordnung macht klare Vorgaben für verschiedene Abteilungen im Krankenhaus und zeigt auf, wie viele Patienten pro Pflegekraft tagsüber und in der Nacht maximal betreut werden dürfen.

    De facto aber hat sich laut einer Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft unter den Kliniken die Personalbesetzung in 80 Prozent der Fälle gar nicht oder nur wenig verbessert. Dafür seien die Kosten für die Personalplanung in vielen Häusern gestiegen, ebenso die Anforderungen an die kurzfristige Flexibilität der Mitarbeiter.

    Lemke, Vorstandsvorsitzender der Sana Kliniken, bewertet den Vorstoß des Gesundheitsministers positiv: „Das ist ein ganz wichtiges Signal für die Branche“, sagt er und ergänzt: „Das hilft uns extrem, denn die starren bürokratischen Vorgaben behindern einen sinnvollen Behandlungsprozess am Bett.“

    Der Sana-Chef wünscht sich allerdings, dass die Pflegeuntergrenzen nicht nur temporär, sondern grundsätzlich abgeschafft werden. „Die Regelung geht klar an den Bedürfnissen in der Krankenversorgung vorbei. Die Menschen, die in den Krankenhäusern arbeiten, haben keine Lust mehr auf die ausufernde Regelwut und Bürokratie.“

    Auch Uniklinikchef-Werner hält es für unausweichlich, dass der Anteil der Verwaltungsarbeit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reduziert werde: „Ein einfaches Mehr an Arbeit ist den im Gesundheitswesen Tätigen nicht mehr zuzumuten“, sagt er.

    Mehr: Abonnieren Sie hier das Handelsblatt Corona Briefing.

    Startseite
    Mehr zu: Analyse - Das Coronavirus verschärft die Probleme der Krankenhäuser
    0 Kommentare zu "Analyse: Das Coronavirus verschärft die Probleme der Krankenhäuser"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Serviceangebote
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%