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Coronakrise Wie Regierungen versuchen, das Virus mit Big Data zu bändigen

Weltweit kämpfen Regierungen mithilfe von Daten ihrer Bürger gegen die Coronakrise. Nicht alle verfolgen dabei das gleiche Ziel.
25.03.2020 - 10:37 Uhr Kommentieren
Eine Frau wagt sich in der italienischen Wirtschaftsmetropole mit Mundschutz und Handy in der hereinbrechenden Dunkelheit vor die Tür. Quelle: AP
Mailand

Eine Frau wagt sich in der italienischen Wirtschaftsmetropole mit Mundschutz und Handy in der hereinbrechenden Dunkelheit vor die Tür.

(Foto: AP)

Düsseldorf, Rom, Tel Aviv, Tokio, Bangkok Je schneller ein Coronafall identifiziert wird und je besser es sich nachvollziehen lässt, mit wem die Person Kontakt hatte, desto eher lässt sich die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen, so die Meinung vieler Wissenschaftler. Um diesen Prozess zu optimieren, setzen viele Ländern nun auf Technologie – genauer: auf die Daten der Bürger.

Die Idee: Die Daten sind akkurater als das Gedächtnis der Menschen, andere können deutlich schneller gewarnt, aber auch überprüft werden. In Deutschland arbeitet das Robert Koch-Institut noch an einer App – wie sie genau aussehen soll, ist noch unklar. Andere Länder sind da weiter.

Gesammelt werden die Daten über Smartphones. Meistens müssen dazu speziell entwickelte Apps installiert werden. Die Daten können dabei sowohl der Nachvollziehung von Verbreitungswegen dienen, sollen aber auch Hilfestellungen für potenziell von Covid-19 betroffenen Personen bieten.

Die rechtlichen Vorschriften darüber, welche Daten von wem in welcher Form überhaupt gesammelt und ausgewertet werden dürfen, unterscheiden sich durchaus von Land zu Land. Eines jedoch zeigt die rasante Ausbreitung und die damit offensichtlich von den Bevölkerungen wahrgenommene Bedrohung schon jetzt: Die meisten Menschen stellen den Datenschutz hinter das Bedürfnis nach Schutz vor einer Ausbreitung des Virus und die damit steigende Gefahr der Ansteckung.

Eine Übersicht der Maßnahmen aus Italien, Südkorea, Taiwan, Indien, Singapur, Israel und den USA:

ITALIEN

In Italien, dem in Europa am meisten von Covid-19 getroffenen Land, hat Premier Giuseppe Conte am 31. Januar für sechs Monate den Notstand verfügt. Neben umfangreichen Ausgangssperren greift Italien zu weiteren Maßnahmen, die in die Privatsphäre der Menschen eingreifen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen: In der besonders betroffenen Region Lombardei im Norden des Landes – hier lebt ein Sechstel aller Einwohner Italiens – werden bereits die Bewegungen der Menschen überprüft.

Carabinieri patrouillieren vor dem Colosseum in Rom. Quelle: dpa
Italien

Carabinieri patrouillieren vor dem Colosseum in Rom.

(Foto: dpa)

Die Mobilfunkanbieter stellen dafür den Behörden der Region die Handydaten ihrer Kunden zur Verfügung. So kann man die Entfernung von zu Hause nachvollziehen und überwachen, ob das Ausgangsverbot eingehalten wird. In Italien dürfen die Menschen sich nicht weiter als 300 Meter von der Wohnung entfernen. Die Daten würden anonymisiert erhoben, heißt es bei der Region.

Grundsätzlich sind in Italien seit den Zeiten des Kampfes gegen die Mafia in den 80er-Jahren die Überwachung von Handydaten und das Abhören von Telefonaten gesetzlich erlaubt. Daran gibt es keine Kritik der Bürger.

Nach Angaben von Regionalminister Francesco Boccia plant die Regierung derzeit, eine App zu entwickeln, um die Kontakte von positiv auf Corona getesteten Menschen zu überprüfen – nach dem Vorbild von Südkorea. Solche Daten könnten auch ohne die Zustimmung der Person erhoben werden, wenn es im öffentlichen Interesse sei, erläutert Giuseppe Busia, Generalsekretär der italienischen Datenschutzbehörde. Regina Krieger

SÜDKOREA

Südkorea ist rechtlich gut gerüstet in den Krieg gegen das neuartige Coronavirus gezogen. Nachdem die Coronavirus-Epidemien Sars und Mers, die beide deutlich tödlicher waren als Covid-19, nicht schnell genug eingedämmt werden konnten, entwarf die Regierung genaue Krisenpläne.

Arbeiter in Schutzanzügen versprühen Desinfektionsmittel in einer U-Bahn-Station in Seoul als Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Quelle: dpa
Südkorea

Arbeiter in Schutzanzügen versprühen Desinfektionsmittel in einer U-Bahn-Station in Seoul als Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus.

(Foto: dpa)

Dazu gehören nicht nur ein massives Testprogramm, Masken und Desinfektionsmittel in Bürogebäuden, Geschäften, Bussen und an Straßenlaternen. Noch wichtiger waren Technologie und vor allem die Nutzung von Smartphone-Daten für die Verfolgung aktueller und möglicher Krankheitsfälle.

Die Regierung setzte dabei darauf, dass in kaum einem Land mehr Bürger Smartphones besitzen als in Südkorea. Das Gesetz zur Kontrolle und Prävention von Infektionskrankheiten erlaubt es dem Gesundheitsministerium, ohne Durchsuchungsbefehl private Daten von potenziellen und nachweisbar Erkrankten zu sammeln.

Telekommunikationsanbieter können verpflichtet werden, Standortdaten von einzelnen Personen zu übermitteln. Außerdem besteht die Möglichkeit, Kamerabilder oder Kreditkartenprofile zu nutzen, um genaue Bewegungsprofile zu erstellen. Die Behörden wollen so schnell wie möglich Kontaktpersonen identifizieren und kontrollieren und notfalls große Menschengruppen rasch durchtesten, um so neue Infektionsherde im Keim zu ersticken.

Der rechtliche Schutz der Privatsphäre steht dabei hintenan. So gibt es keine rechtlich verbindlichen Kriterien, wer als potenzieller Patient eingestuft werden kann. Allerdings müssen die überwachten Personen informiert und die Daten nach Abschluss der Überwachung gelöscht werden.

Der Staat stellt möglichst viele Daten transparent ins Internet. So werden die Bewegungsprofile von identifizierten Infizierten im Internet veröffentlicht und per Textnachrichten auf Smartphones geschickt, damit die Bürger bekannte Virenherde meiden können. Dies hat teilweise zu einer SMS-Flut geführt.

Die Daten dürfen auch von privaten App-Entwicklern genutzt werden, um aktuelle Virenkarten zu erstellen. Einige Apps warnen die Nutzer, wenn sie sich einem Gebäude oder einer Gegend nähern, in denen es Virenherde gibt oder gegeben hat.

Auch die Quarantäne wird mit Smartphone-Apps überwacht, deren Download allerdings freiwillig ist. Über die Anwendung können die Nutzer nicht nur ihren Gesundheitszustand melden, sondern auch sich und dem Amt mitteilen, wenn sie aus Versehen ihren Quarantänebereich verlassen.

Viele Koreaner scheinen diese zeitlich beschränkte Einschränkung ihrer Privatsphäre zu akzeptieren. Dafür verzichtet die Regierung nach Möglichkeit auf Ausgangssperren und harte Verbote.

Unternehmen wurden lediglich gebeten, mehr Heimarbeit zu erlauben. Menschen werden aufgefordert, möglichst wenig auszugehen. Nicht einmal der größte Virenherd Daegu wurde abgeriegelt.

Anfang März unterstützte in Umfragen rund die Hälfte der Befragten die Arbeit der Regierung. Die Maßnahmen scheinen zu funktionieren: Die Zahl der neuen Fälle sinkt tendenziell. Martin Kölling

TAIWAN

Auch in Taiwan mussten die Behörden nur noch ihre bereits entwickelten Krisenpläne aktivieren, die sie nach der Sars-Epidemie erstellt und beständig weiterentwickelt hatten. Im Zentrum steht dabei das „zentrale Epidemie-Kommandozentrum“, das die Welt kontinuierlich nach neuen Virenwellen scannt.

Besucher der Chiang Kai-shek-Gedenkhalle in Taipei, Ende Februar: Die Regierung hat schnell Maßnahmen gegen das Coronavirus ergriffen. Quelle: dpa
Taiwan

Besucher der Chiang Kai-shek-Gedenkhalle in Taipei, Ende Februar: Die Regierung hat schnell Maßnahmen gegen das Coronavirus ergriffen.

(Foto: dpa)

Kaum hatte Chinas Regierung Ende Dezember 2019 eine unbekannte Lungenerkrankung gemeldet, testeten Gesundheitsbeamte Flugzeugpassagiere aus der Region, um sie noch an Bord zu identifizieren. Zudem nutzen die Behörden intensiv Big-Data-Analysen und wie in Korea die Positionsdaten von Smartphones, um potenzielle Krankheitsfälle zu identifizieren, um die Einhaltung von Quarantänen zu kontrollieren.

Bereits Ende Januar legten die Einreisebehörden und die Krankenversicherung ihre Datenbanken zusammen. Darüber hinaus wurde ein Gesundheitscheck am Zoll eingeführt, bei dem die Reisenden ihre Formulare online ausfüllen konnten. Personen, die in den vergangenen 14 Tagen in Zonen mit geringem Risiko gereist waren, erhielten eine SMS und konnten den Zoll schneller passieren. Mitte Februar erhielten zudem alle Krankenhäuser Zugriff auf die Reisehistorie von möglichen Fällen.

Wie in Korea beruht das System auf Transparenz und freiwilliger Beteiligung. Eingriffe in die Privatsphäre werden bisher akzeptiert, weil die Maßnahmen nicht drakonisch, sondern mit Anteilnahme durchgeführt werden, wie es ein Experte ausdrückt. Die Regierung hat eine App entwickelt, die die Bürger über den Lagerbestand von Masken in verschiedenen Verkaufsstellen informiert.

Zudem haben die Maßnahmen die Ausbreitung bisher erfolgreich gebremst. Zuletzt lag die Zahl der Infizierten bei rund 200 Fällen. Aber bis auf eine Person hatten sich alle im Ausland angesteckt. Mitte Februar stimmten daher in Umfragen rund 80 Prozent der Bevölkerung der Krisenpolitik zu. Martin Kölling

INDIEN

Wer in Indien einen Telefonanruf macht, bekommt ein lautes Husten zu hören. Die Mobilfunkkonzerne des Subkontinents spielen das Geräusch neuerdings anstelle des Freizeichens aus, während es beim Angerufenen klingelt.

Nach dem Husten gibt eine Stimme Gesundheitstipps und erklärt, wie sich die Gefahr einer Coronavirus-Infektion minimieren lässt. Die Handys dienen aber nicht nur dazu, die 1,3 Milliarden Inder über die Krankheit aufzuklären – die Behörden wollen sie auch zur Überwachung nutzen.

Die Polizei kontrolliert das ärztliche Rezept eines Mannes. Das Land hat seine Ausgangssperren während der Corona-Pandemie ausgeweitet. Quelle: dpa
Indien

Die Polizei kontrolliert das ärztliche Rezept eines Mannes. Das Land hat seine Ausgangssperren während der Corona-Pandemie ausgeweitet.

(Foto: dpa)

In Mumbai, Indiens größter Stadt, beschloss die lokale Verwaltung vergangene Woche, die Bewegungsdaten von Personen zu überwachen, die unter Heimquarantäne gestellt wurden. Die Polizei soll dafür auf die Informationen der Mobilfunknetze zugreifen können. Zuvor waren mehrere Fälle von Verstößen gegen Quarantäneauflagen bekannt geworden.

Auch der südindische Bundesstaat Kerala, in dem die Virusepidemie in Indien als Erstes ausbrach, setzt auf ein GPS-System zur Kontrolle von Infizierten und Verdachtspersonen. Als sich eine Person mit Covid-19-Symptomen, die in einem Hotel unter Quarantäne stand, vergangene Woche unerlaubt davonmachte, dauerte es nicht lange, bis die Polizei meldete: „Wir überwachen sein Mobiltelefon – und es sieht so aus, als sei er in einem Zug in Richtung Assam.“

Die Behörden in Kerala werteten auch in umfassender Detailarbeit Überwachungskameras aus, um nachzuvollziehen, wen eine aus Italien zurückgekehrte Familie mit Covid-19 infiziert haben könnte. Sie fanden so mehr als 3000 Kontaktpersonen.

Indien hatte zu Beginn der Woche erst rund 400 bestätigte Coronavirus-Fälle. Gesundheitsexperten fürchten aber, dass sich das Virus in dem Land rasant ausbreiten könnte – unter anderem wegen der hohen Bevölkerungsdichte, die dreimal größer ist als in China.

Im Versuch, die Pandemie einzudämmen, soll das öffentliche Leben in den kommenden Wochen weitgehend zum Erliegen kommen. In der Hauptstadtregion Delhi fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, Fabriken und Büros werden geschlossen. Mathias Peer

THAILAND

In Asien gibt es kaum noch ein Land, das für Besucher prinzipiell offen steht – von den Philippinen über Vietnam bis nach Indonesien und Indien sind die Grenzen zu. Thailand ist in der Region eine Ausnahme.

Noch hat Südostasiens beliebtestes Urlaubsland keine generellen Einreiseverbote erlassen. Doch im Gegenzug müssen sich Ankömmlinge an die Spielregeln der Bangkoker Regierung halten – und Einschränkungen ihrer Privatsphäre hinnehmen.

In Bangkok sitzen zahlreiche Menschen im Wartebereich  eines Einkaufszentrums. Sie warten auf ihre Lebensmittelbestellungen. Quelle: dpa
Thailand

In Bangkok sitzen zahlreiche Menschen im Wartebereich eines Einkaufszentrums. Sie warten auf ihre Lebensmittelbestellungen.

(Foto: dpa)

Wer aus einer Coronavirus-Risikoregion nach Thailand kommt, muss für zwei Wochen in Quarantäne – im Hotel oder in der eigenen Wohnung. Doch bevor die Wartezeit beginnt, müssen die Einreisenden erst eine App auf ihrem Smartphone installieren. Sonst werden sie nicht einmal bis zur Passkontrolle vorgelassen.

Das Ziel der App ist kein Geheimnis: Sie soll den Behörden eine umfassende Kontrolle der Besucher ermöglichen. „Wir verfolgen damit 14 Tage lang die Bewegungsdaten, um sicherzustellen, dass die Personen die Quarantäne nicht verlassen“, sagte der Generalsekretär der zuständigen Telekombehörde NBTC, Thakorn Tanthasit, Mitte März bei der Einführung der App.

Damit die Technik auch auf ausländischen Smartphones funktioniert, werden Besucher am Flughafen mit lokalen SIM-Karten ausgestattet. Laut Thakorn schlägt die Software automatisch bei den Behörden Alarm, wenn ein Besucher die auferlegte Quarantäne verlässt.

Er verspricht aber, dass die totale Überwachung ihre Grenzen hat: Nach zwei Wochen werde die Standortverfolgung automatisch gestoppt und alle Daten würden dann gelöscht.

Ein Aufschrei der Datenschützer schlug der Initiative bisher nicht entgegen. Das mag auch daran liegen, dass angesichts globaler Reisewarnungen und Flugstreichungen kaum noch jemand nach Thailand kommt: Am Sonntag landeten am Bangkoker Suvarnabhumi-Flughafen internationale Flüge mit gerade einmal 3800 Menschen – kein Vergleich zum Massentourismus der Vor-Coronazeit. Mathias Peer

SINGAPUR

Singapur setzt die App „TraceTogether“ ein. Die Nutzer geben zur Registrierung ihre Mobilfunknummer an, erlauben den Zugriff auf Bluetooth, die Speicherung der Daten und vom Ministerium kontaktiert zu werden.

Ein Arbeiter in Schutzkleidung überprüft die Körpertemperatur von Flugpassagieren am Flughafen Singapur. Quelle: dpa
Singapur

Ein Arbeiter in Schutzkleidung überprüft die Körpertemperatur von Flugpassagieren am Flughafen Singapur.

(Foto: dpa)

Die App speichert die Daten der Smartphones, die dem Nutzer begegnen, verschlüsselt auf dem Telefon für 21 Tage. Diese können dem Gesundheitsministerium auf Nachfrage zur Verfügung gestellt werden, betont die Regierung in einer Pressemitteilung. Die Nutzer könnten ihre Einwilligung jederzeit widerrufen.

Wer positiv auf das Coronavirus getestet ist, muss die gesammelten Daten an das Gesundheitsministerium von Singapur weitergeben. Im Frage- und Antwortbereich der Seite, auf dem die Behörde die App anpreist, wird erklärt, alle Infizierten müssten ohnehin alle möglichen Dokumente und Daten zur Verfügung stellen, auch von anderen Apps.

„TraceTogether ist nur eine andere Form von Dokument“, heißt es auf der Seite. Damit sind Nutzer zur Herausgabe der Daten verpflichtet. Ina Karabasz

ISRAEL

Israel setzt ebenfalls auf die Auswertung von Handydaten. Der Inlandsgeheimdienst soll vom Gesundheitsministerium die Namen der Infizierten erhalten. Mithilfe der Auswertung von Big Data können dann diejenigen identifiziert werden, die sich im Laufe der vergangenen zwei Wochen in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben.

Ein kostenloses Fitnessstudio an der Strandpromenade von Tel Aviv ist gesperrt. Das Land hat eine weitgehende Ausgangssperre verhängt. Quelle: dpa
Israel

Ein kostenloses Fitnessstudio an der Strandpromenade von Tel Aviv ist gesperrt. Das Land hat eine weitgehende Ausgangssperre verhängt.

(Foto: dpa)

Das umstrittene digitale Tracking ist von Benjamin Netanjahus Übergangsregierung ohne parlamentarische Aufsicht bewilligt worden. Der Oberste Gerichtshof verlangt nun, dass ein Knessetkomitee die Handyüberwachung kontrollieren soll. Kommt dieser Entscheid nicht zustande, müsse das Tracking eingefroren werden, so das oberste Gericht.

Bisher wurde die Überwachung der Mobiltelefone nur im Kampf gegen Terroristen eingesetzt. Jetzt trifft es alle Bürger.

Menschen, deren Handykoordinaten sich mit denen des Erkrankten überlappen, erhalten per Handy eine Aufforderung, sich unverzüglich in Quarantäne zu begeben. Außerdem wird mithilfe der Handykoordinaten überwacht, ob sie sich an die Anordnung halten.

Die Mobilfunkdaten, die das Gesundheitsministerium erhält, sollen nach einer gewissen Frist wieder gelöscht werden. Wer der Regierung vertraut, dürfte mit dieser Zusicherung kein Problem haben.

Anderen erscheint der Glaube daran naiv, schließlich könnte der Rückgriff auf solche Daten später auch bei anderen Krisen angewendet werden. In einem Land, das seit mehr als einem Jahr ohne effektive parlamentarische Kontrolle und lediglich von einer Übergangsregierung regiert wird, beobachten viele mit Unbehagen diese Entwicklung. Pierre Heumann

USA

Nach Informationen der Washington Post“ ist die US-Regierung bereits in Gesprächen mit Google, Facebook und vielen anderen Tech-Unternehmen sowie Gesundheitsexperten. Dabei werde diskutiert, wie mit den Bewegungsdaten von Smartphones die Ausbreitung des Coronavirus bekämpft werden könnte.

In New York steigen die Zahlen die Corona-Fälle stark an. Quelle: dpa
USA

In New York steigen die Zahlen die Corona-Fälle stark an.

(Foto: dpa)

Laut der Washington Post“ soll es auch um die Frage gehen, ob beobachtet werden könnte, ob Menschen die neuen Regeln befolgen, voneinander Abstand zu halten.

Google bestätigte den Bericht vom 18. März in Bezug auf die USA. Die Arbeiten seien noch am Anfang, sagt der Konzern. „Wir untersuchen, inwiefern aggregierte anonymisierte Standortinformationen helfen könnten, Covid-19 zu bekämpfen“, heißt es in einer Stellungnahme.

Google könnte Gesundheitsbehörden beispielsweise helfen, die Auswirkungen von Ausgangsbeschränkungen einzuschätzen. Das Unternehmen hat über seine Apps oftmals Zugriff auf die Standortdaten der Nutzer, die dem zugestimmt haben. Damit kann der Kartendienst Maps normalerweise etwa anzeigen, wann Restaurants stark besucht werden und wie das Verkehrsaufkommen zu bestimmten Zeiten ist.

Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

Dieser Beitrag „würde unseren strengen Datenschutzbedingungen folgen und keine Weitergabe individueller Daten über Aufenthaltsorte, Bewegungen oder Kontakte beinhalten“, teilt Google mit. Bisher sind laut dem Unternehmen keine anonymisierten Daten geteilt worden. Es gebe auch keine Pläne, Daten mit der Industrie auszutauschen.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg äußerte sich kurz nach Erscheinen des Berichts der „Washington Post“ persönlich zu einem möglichen Datenaustausch. Er bezeichnete die Sorge als „übertrieben“.

„Uns ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt, dass die USA oder andere Regierungen um den direkten Zugang zu Daten bitten“, sagte er in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Er glaube nicht, dass es „sinnvoll wäre, die Daten von Leuten freizugeben, die sich dafür nicht entschieden haben“, betonte er auf Nachfrage. Aber das sei nur eine hypothetische Überlegung. „Niemand fragt danach.“

Aggregierte anonymisierte Daten gibt Facebook im Rahmen seines „Data for Good“-Programms bereits an Forschungsinstitute und Nichtregierungsorganisationen heraus. Die Daten sollen dabei helfen vorherzusagen, in welche Richtung und wie schnell sich eine Krankheit verbreiten wird.

In Bezug auf Corona hat etwa die Weltbank bereits Facebook-Schätzungen der Bevölkerungsdichte genutzt, um Einschätzungen zu treffen, wo zusätzliche Gesundheitseinrichtungen benötigt werden. Das Institute for Disease Modeling hat vorausberechnet, wie stark Corona die US-Counties King und Snohomish treffen wird.

Der US-Softwareanbieter Palantir erstellt für Unternehmen und Regierungen weltweit sogenannte Situation Rooms: Lagebilder, die in Echtzeit etwa den Bestand an Notfallbetten oder Geräten zeigen. Dazu nutzt es verschiedene Datenquellen, etwa von Laboren oder Behörden.

Larissa Holzki, Sebastian Matthes

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