Social-Media-Analyse: „KI könnte Behandlung und Vorbeugung massiv verbessern“ – So twittert Lauterbach zur digitalen Gesundheit
Karl Lauterbach twittert seit 2015 über Gesundheitspolitik.
Foto: HandelsblattBei der Untersuchung von Lauterbachs Social-Media-Kanälen zeigt sich, dass er aber auch klare Meinungen zur digitalen Gesundheitswirtschaft vertritt. Besonders aktiv ist Lauterbach auf Twitter. Seit dem Start seines Kanals im Mai 2015 hat er mehr als 9.500 Tweets verfasst.
Luca Hammer ist Social Media Analyst und lehrt an der FH Joanneum in Graz Web Analytics und Social Media Monitoring. Er sagt: „Lauterbach hat eine klare Meinung. Das hat ihm in der Pandemie viele Follower eingebracht.“ Die Zahl seiner Abonnenten sei bei Instagram und Twitter zu Pandemiebeginn im Frühjahr des vergangenen Jahres stark gewachsen, zeige die Auswertung auf der Analyseplattform Social Blade. „Waren es vor der Pandemie ein- bis zweitausend neue Twitter-Fans pro Monat, sind es jetzt manchmal mehr als 50.000 neue Fans pro Monat“, sagt Hammer.
18 Tweets zu Künstlicher Intelligenz
Ein Thema, das Lauterbach bei der Digitalisierung umtreibt, ist die Künstliche Intelligenz (KI). In insgesamt 18 Tweets hebt er mehrheitlich das Potenzial hervor: „KI ist jetzt in der Lage, das zukünftige Sterberisiko von Herzkranken besser zu schätzen als Top-Experten. Könnte Behandlung und Vorbeugung massiv verbessern“, schreibt er am 5. September 2018.
Ab und zu warnt er auch vor den Gefahren einer KI, etwa bei der Sprachveränderung als Vorbote einer Demenz: „Klinisch zwar wertvoll, in der Überwachung durch Facebook, Google aber sehr gefährlich.“
Wiederholt kritisiert er die fehlende Digitalisierung in den Gesundheitsämtern. „In der Tat wäre im Sommer der richtige Zeitpunkt gewesen, um die Digitalisierung der Gesundheitsämter durchzuführen. Jetzt bei Überlastung will dort niemand eine neue Software lernen“, schrieb er vor rund einem Jahr, am 14. Dezember 2020.
Auch die elektronische Patientenakte (ePA) sieht er als notwendig an. Im Juni 2019 schreibt er: „Digitalisierung und elektronische Patientenakte müssen jetzt kommen.“ In den nächsten Sätzen nimmt er sich jedoch das Gehalt des jetzigen Chefs der Gematik, Markus Leyck Dieken, vor. Die Gematik ist als Betreibergesellschaft der digitalen Gesundheitsinfrastruktur für die Anbindung der ePA verantwortlich.
Gehalt von Leyck Dieken sei zu hoch
Lauterbach schreibt: „Einem Pharmamanager das doppelte Gehalt für den Job zu geben, ist das falsche Signal. Es ist absurd, für 15.000 Euro im Monat keinen fähigen Manager für das Projekt bekommen zu können.“ Er bezieht sich dabei auf einen Spiegel-Artikel, in dem steht, dass Jens Spahn den Chef der Gematik austauscht und die Bezüge seines Nachfolgers Leyck Dieken verdoppelt. Laut Tagesspiegel bekommt Leyck Dieken sogar 300.000 Euro im Jahr, also 25.000 Euro im Monat.
Leyck Dieken zeigte sich zuletzt sehr erfreut über den Koalitionsvertrag, laut dem geplant ist, dass die Gematik zu einer „Gesundheitsagentur“ ausgebaut wird. Er erhoffe sich „einen größeren Freiheitsgrad“ bei der Gematik, sagte Leyck Dieken auf einer Handelsblatt-Konferenz nach Veröffentlichung des Koalitionsvertrags.
Ein zweites wichtiges Projekt der Gematik ist die Einführung des elektronischen Rezepts. Auch dieses bewertet Lauterbach positiv: „Durch die Kombination Telemedizin und elektronisches Rezept können zahlreiche Arztbesuche vermieden werden. Dann ist mehr Zeit für schwere Fälle beim Arzt“, schreibt er am 13. November 2018. „Den Versandhandel mit Arzneimitteln brauchen wir für die Versorgung auf dem Land“, ergänzt er ein knappes halbes Jahr später. Medikamenten-Versandhändler dürfte diese Aussage freuen.
Lauterbach twittert selbst
Er sei ein „SPD-Bundestagsabgeordneter, der noch selbst tweetet“, beschreibt Lauterbach seinen Twitter-Account. Ann Cathrin Riedel, Digitalpolitikerin bei der FDP und Beraterin für politische Kommunikation im Internet, hält diese Aussage für glaubwürdig. „Als Nutzer liest man, dass Lauterbach seine Gedanken publiziert – ohne dass sie zuvor von Dritten gefiltert wurden.“
Bei Instagram postet Lauterbach Links in Bildunterschriften. „Professionelle PR-Manager wissen, dass Links unter Beiträgen nicht angeklickt werden können und somit keinen Zweck erfüllen“, sagt Riedel. Ein anderes Indiz dafür, dass der gelernte Arzt seine Profile selbst bespiele: „Er postet Screenshots seiner Twitterbeiträge und dazu als Bildbeschreibung den gleichen Text auf Instagram – wahrscheinlich aufgrund von zeitlich begrenzten Ressourcen.“
Der neue Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bei seiner Vereidigung.
Twitter ist mit mehr als 700.000 Followern der wichtigste Social-Media-Kanal für Lauterbach. Bei Linkedin hat er kein Konto (im Gegensatz zu Spahn). Bei Facebook sind es knapp 76.000 Fans. Bei Instagram hat er immerhin 234.000 Abonnenten. Damit ist Instagram der zweitwichtigste Social-Media-Kanal für Lauterbach. Bei Tiktok gibt es ein Dutzend Fake-Accounts von ihm mit zweistelligen Follower-Zahlen.
Balkendiagramme statt Selfies
Anders als viele andere Instagram-Nutzer verzichtet er hier aber auf die persönliche Note. Er postet keine Fotos, die ihn etwa beim Sonntagsspaziergang zeigen. Er dekoriert seine Beiträge auch nicht mit einem Partei-Logo wie manch anderer Politiker. Stattdessen nimmt er die Rolle eines Aufklärers ein. „Seine Posts sind Grafiken, die er in Studien findet, die er zuvor für Bürgerinnen und Bürger durchforstet hat“, sagt Riedel.
Die rund 600 Einträge zeigen Kurven- oder Balkendiagramme über steigende Inzidenzen, ausgelöst durch Karnevalsfeste und Weihnachtsmärkte, oder die Ausbreitung der neuen Virusvariante Omikron. Die erklärenden Sätze unter den Beiträgen sind knapp formuliert, werden aber mit tausenden Likes versehen und hundertfach kommentiert. Dabei handelt es sich oft um Meinungen, die weniger von Fake-Accounts und mehr von Befürwortern oder Kritikern stammen.
Lauterbachs erfolgreichster Tweet bislang mit über 100.000 Likes und mehr als 6000 Kommentaren enthält aber keine Coronagrafik: „Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich als Gesundheitsminister hier auf Twitter unterstützt haben“, schrieb er am 6. Dezember und versprach, weiterhin im Austausch mit seinen Fans zu bleiben.
Aus Gründen der Lesbarkeit wurden Rechtschreib- und Grammatikfehler in den Tweets korrigiert.