Tryggvi Thorgeirsson: „Die Pharmaindustrie denkt über die Pille hinaus“
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Foto: HandelsblattStraffe Medikationspläne, eine strenge Ernährung: Chronisch Kranke müssen sich gut selbst organisieren. Das in den Berufsalltag und das Familienleben zu integrieren, sei nicht immer einfach, findet Tryggvi Thorgeirsson, Gründer von Sidekick.
Seit seinem Medizinstudium beschäftigt sich der heute 41-Jährige mit diesem Thema. Dort lernte er seinen Mitgründer Sam Oddson kennen. „Wir sind seitdem befreundet und haben oft darüber diskutiert, wie man Patienten außerhalb von der Klinik unterstützen kann“, erzählt der Isländer. 2014 gründeten die beiden schließlich Sidekick.
Dabei handelt es sich um eine digitale Plattform mit rund 30.000 Nutzern, die Patienten mit einer chronischen Krankheit in ihrem Alltag unterstützt. Nun hat das Start-up in einer neuen Finanzierungsrunde 20 Millionen Euro eingesammelt, wie Handelsblatt Inside vorab erfuhr. Angeführt wurde die Finanzierungsrunde von den Risikokapitalunternehmen Wellington Partners und Asabys Partners. Bestehende Investoren wie Novator and Frumtak Ventures waren ebenfalls beteiligt.
In den vergangenen vier Monaten ist Sidekick in Finnland, der Schweiz und Österreich an den Markt gegangen. „Und wir werden in Kürze in Schweden, Irland und Deutschland starten“, sagt Thorgeirsson. Neben dem Markteinstieg in zehn europäischen Ländern steht auch eine Kooperation mit einer der größten Gesundheitsorganisationen in den USA an. In Europa ist Sidekick bereits als Medizinprodukt der Klasse I zugelassen.
Dass Sidekick mit heute 40 Mitarbeitern so schnell wachsen würde, hätte Thorgeirsson vor sechs Jahren nicht erwartet. „Wir wollen das Team in den nächsten zwölf Monaten auf über 100 Mitarbeiter erweitern.“
Für den Einstieg in das Unternehmertum entschied sich Thorgeirsson in seinen ersten Jahren als Kinderarzt an einer isländischen Uniklinik. „Als Arzt arbeitete ich zunehmend frustriert über den Mangel an effektiven und skalierbaren Tools, um meine Patienten außerhalb des Krankenhauses oder der Klinik umfassend zu unterstützen“, sagt er.
Dabei dachte er konkret immer an eine Schnittstelle zwischen Medizin und Technik. Sein Medizinstudium absolvierte er an der University of Iceland, Gesundheitsökonomie studierte er in Harvard. Bis heute lehrt er Studierende als Gastdozent in Harvard, welchen Einfluss der Lebensstil auf Krankheiten nehmen kann.
14 therapeutische Angebote bis zum Jahresende
Seine Plattform ist für eine Vielzahl von chronischen Krankheiten vorgesehen: von Darmerkrankungen über Rheuma bis hin zu Hautkrankheiten. Bis zum Jahresende sollen 14 therapeutische Bereiche verfügbar sein. In der webbasierten App erhalten Patienten neben Informationen und Zugängen zu Patientenforen personalisierte Aktionspläne, die Bewegungs- und Ernährungsempfehlungen geben.
Ob Patienten ihre Aufgaben erfüllen, wird von einer Künstlichen Intelligenz (KI) ausgewertet. Vergessen sie etwa, ihre Medikamente einzunehmen, werden sie mit Meldungen auf dem Smartphone zum Handeln aufgefordert. Die App nutzt die Daten auch, um Nutzer über neue Ratgeber-Videos mit Ernährungstipps zu informieren.
In den Bereichen „Ernährung“, „Bewegung“ und „Geist“ können sie ihren Gesundheitszustand dokumentieren und Ziele festlegen, etwa, täglich einen Apfel zu essen oder Rad zu fahren. Ärzte können über die App den Gesundheitszustand ihrer Patienten jederzeit überwachen und sich mit ihnen per Videochat austauschen.
Thorgeirsson glaubt fest daran, dass eine medizinische Behandlung in der Zukunft nicht mehr ohne digitale Versorgungsangebote stattfinden wird. „Jedes Medikament, das neu am Markt startet, wird einen digitalen Begleiter haben“, sagt er.
Nur so sei es möglich, Betroffene davon abzuhalten, ihre Therapie vorzeitig abzubrechen. Ein Problem, wegen dem die Weltgesundheitsorganisation bereits vor 15 Jahren zum Handeln aufforderte. Diese Misslage sei in der Branche angekommen. „Die Pharmaindustrie denkt längst über die Pille hinaus“, sagt Thorgeirsson.