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PraxissoftwareDoctolib bringt KI in die digitale Gesundheitsversorgung

Mit den KI-Funktionen seiner neuen Software würden Arztpraxen zehn Stunden pro Woche sparen, verspricht der CEO der Healthtech-Firma. Für Doctolib ist es der Vorstoß in einen Wachstumsmarkt.Jana Ehrhardt-Joswig 05.11.2025 - 09:02 Uhr Artikel anhören
Doctolib: Bislang hauptsächlich für seine Terminbuchungsplattform bekannt. Foto: PR

Berlin. Das französische Healthtech-Unternehmen Doctolib erweitert sein Portfolio um ein eigenes Praxisverwaltungssystem (PVS). Ziel sei es, das „technologische Rückgrat der Gesundheitsbranche in Europa“ zu werden, sagt Deutschland-Chef Nikolay Kolev. Doctolib ist bekannt für seine Online-Terminbuchungsplattform.

Ein PVS steuert den gesamten administrativen Ablauf einer Arztpraxis: von der Terminvergabe über die elektronische Patientenakte bis zur Abrechnung mit den Krankenkassen.

Neben den Standardfunktionen eines solchen PVS kündigt Doctolib in seiner Software Unterstützung durch Künstliche Intelligenz an: Ein KI-Telefonassistent nimmt demnach Anrufe entgegen und trägt Termine direkt ins System ein. Ein KI-Sprechstundenassistent dokumentiert Behandlungsgespräche. Und ein KI-Abrechnungsassistent schlägt im Anschluss vor, wie die erbrachte Leistung korrekt abgerechnet werden kann. In die Entwicklung dieser Funktionen hat das Unternehmen in den vergangenen anderthalb Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag investiert.

Mehr Zeit für Gespräche

Hausarzt Gilbert Büchner aus Berlin testet seit Beginn des Jahres die Beta-Version der Software. Er zieht gerade in neue Praxisräume um und will in diesem Zuge auch sein PVS austauschen.

An der Software von Doctolib gefalle ihm die übersichtliche Nutzerführung, sagt er dem Handelsblatt. Zudem habe er bereits gute Erfahrungen mit dem Telefonassistenten und dem Terminkalender gemacht.

Start-up Tandem Health

So schreiben sich medizinische Notizen von selbst

Die Beta-Version der neuen Praxissoftware kommt noch ohne integrierten KI-Sprechstundenassistenten. Büchner setzt das Tool dennoch bereits ein – als Zusatzmodul in seinem bisherigen PVS. Die Anwendung transkribiert Patientengespräche in Echtzeit und erstellt daraus strukturierte medizinische Notizen für die Patientenakte.

Bislang musste Büchner während der Konsultation mitschreiben und den Gesprächsverlauf im Anschluss rekonstruieren – ein zeitaufwendiger Prozess. Diese Aufgabe übernimmt nun die KI.

Wichtiger als die Zeitersparnis sei ihm jedoch, dass er sich stärker seinen Patienten zuwenden könne. „Heute kann ich mich voll auf das Gespräch konzentrieren und weiß, dass mir im Nachgang keine Informationen verloren gehen“, sagt Büchner.

5,8
Milliarden Euro
erreichte die Bewertung von Doctolib nach der jüngsten Finanzierungsrunde.

Kolev hält eine Zeitersparnis von bis zu zehn Stunden pro Woche allein durch die KI-Komponenten seiner Software für realistisch. Hochgerechnet auf ein Jahr entspreche das deutschlandweit etwa 8000 Arztstellen. „Zeit, die angesichts des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels dringend gebraucht wird.“

Kritik: Mangelnder Verbraucherschutz

Doctolib wurde 2013 in Paris gegründet und entwickelte sich rasch zu einem führenden Anbieter digitaler Gesundheitslösungen. Seit einer Finanzierungsrunde 2019 gilt das Unternehmen als Einhorn – also als Start-up mit einer Bewertung von über einer Milliarde Euro. 2022 folgte eine weitere Runde über 500 Millionen Euro, die Bewertung stieg auf 5,8 Milliarden Euro.

Jüngst verkündete das Unternehmen, dass es profitabel sei. Es beschäftigt europaweit etwa 3000 Mitarbeitende und arbeitet nach eigenen Angaben mit über 400.000 Gesundheitsfachkräften zusammen.

Deutschland-Chef Nikolay Kolev: In Frankreich ist Doctolib zweitwichtigster Anbieter am PVS-Markt. Foto: Unternehmen

In Deutschland nutzen demnach rund 110.000 Ärztinnen, Ärzte und andere Gesundheitsfachkräfte sowie mehr als 25 Millionen Patientinnen und Patienten die Lösungen von Doctolib. Neben der Terminbuchungs-Plattform gehören dazu eine Software für Videosprechstunden und ein Messengerdienst für medizinische Einrichtungen.

Allerdings stand Doctolib in der Vergangenheit auch in der Kritik. Datenschützer warfen dem Unternehmen wiederholt Verstöße gegen geltende Standards vor. Aktuell läuft eine Klage des Verbraucherzentrale-Bundesverbands (VZBV), der Doctolib verbraucherschutzwidrige Praktiken auf seiner Plattform vorwirft. Konkret bemängelt der VZBV, dass gesetzlich Versicherten dort auch Termine angeboten würden, die nur für privat Versicherte oder Selbstzahler zugänglich sind.

Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. „Wir nehmen Kritik ernst und haben aus der Vergangenheit gelernt“, sagt Kolev. Doctolib setze auf höchste Datenschutz- und Sicherheitsstandards. Nach eigenen Angaben war es das erste Health-IT-Unternehmen, das ein sogenanntes C5-Zertifikat erhielt. Dies bescheinigt, dass ein IT-Dienstleister über sehr strenge Sicherheitsvorkehrungen verfügt, und ist Voraussetzung dafür, im deutschen Gesundheitswesen Cloud-Dienste anbieten zu dürfen.

Unzufriedenheit mit bestehenden Systemen

Der Markt für Praxisverwaltungssysteme in Deutschland gilt als gesättigt – und ist zugleich stark fragmentiert. Rund 130 verschiedene PVS sind derzeit im Einsatz. Zwei Anbieter dominieren: Medatixx und Compugroup Medical (CGM) vereinen gemeinsam rund 40 Prozent Marktanteil auf sich. Viele kleinere Anbieter kommen nur auf eine geringe Zahl an Installationen.

Ärzte lassen sich eher scheiden, als ihr PVS zu wechseln.
Stefan Spieren
Hausarzt

Die Zufriedenheit mit den bestehenden Lösungen ist aber gering. Laut einer Umfrage des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) aus dem vergangenen Jahr würden drei von vier Arzt- und Psychotherapiepraxen ihre derzeitige Praxissoftware nicht weiterempfehlen. Fast die Hälfte der Befragten berichtete von regelmäßigen Störungen im Praxisbetrieb – etwa durch Softwarefehler nach Updates oder Probleme mit der Telematikinfrastruktur, dem „Spezial-Internet“ für sicheren Datenaustausch im Gesundheitswesen.

Ein Wechsel des Systems kommt für viele dennoch nicht infrage. „Ärzte lassen sich eher scheiden, als ihr PVS zu wechseln“, sagt Hausarzt Stefan Spieren. Der Grund: Eine Neuinstallation ist nicht nur kostenintensiv, sondern kann den Praxisbetrieb tagelang lahmlegen. Hinzu kommen Sorgen vor Datenverlust und technischen Komplikationen beim Transfer sensibler Patientendaten.

Volles Wartezimmer: Viele Ärztinnen und Ärzte bräuchten mehr Zeit für Patientinnen und Patienten. Foto: IMAGO/funke foto services

Doch die Bereitschaft zum Wechsel wächst, auch das geht aus der Zi-Studie hervor. Seit der Coronapandemie sind digitale Angebote wie Videosprechstunden und Online-Terminbuchungen vielerorts zum Standard geworden. Gleichzeitig eröffnen Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz neue Möglichkeiten – etwa durch smarte Assistenzsysteme. Viele bestehende Lösungen können da nicht mithalten.

2025 wird zum Jahr der neuen Praxissoftware-Systeme

Nach Jahren der Stagnation kommt deshalb nun Bewegung in den Markt. Mehrere Anbieter haben neue Systeme mit KI-Funktionen herausgebracht. So hat Zollsoft mit Tomedo Air ein plattformunabhängiges PVS vorgestellt, das über eine Cloud läuft und einen digitalen Sprechstundenassistenten integriert. Weitere KI-Tools sollen folgen. Medatixx setzt auf eine offene Plattformstrategie: Praxen können über den sogenannten „Health Hub“ digitale Zusatzmodule wie Terminplanung, Videosprechstunden oder KI-Assistenzsysteme flexibel in ihr bestehendes System einbinden.

Auch CGM hat ein cloudbasiertes PVS speziell für Psychotherapiepraxen entwickelt. Daneben bietet das Unternehmen ähnlich wie Medatixx eine Plattform, über die Praxen unterschiedliche Module flexibel mit ihrer bestehenden oder einer neuen CGM-Software kombinieren können.

Der deutsche Markt hat großen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung.
Nikolay Kolev, Deuschland-Chef Doctolib

Das Doctolib-PVS ist in Frankreich bereits seit drei Jahren im Einsatz und zählt mehr als 200.000 Nutzer. „Wir sind dort mittlerweile die Nummer zwei am PVS-Markt“, erklärt Kolev. Die Nutzerzufriedenheit sei hoch: In Umfragen erreiche das System einen Net Promoter Score (NPS) von über 60 Punkten – diesen Wert peilt Kolev auch für Deutschland an.

Der NPS misst, wie wahrscheinlich es ist, dass Nutzer ein Produkt oder eine Dienstleistung weiterempfehlen – Werte über 50 gelten als sehr gut. Zum Vergleich: Bei den gängigen Systemen reicht die Spanne laut Zi von 77 Punkten für Tomedo bis zu minus 82 für Turbomed von CGM.

In Deutschland startet das Doctolib-PVS zunächst in Haus-, Kinder- und Frauenarztpraxen, 2026 soll das Angebot auf alle Fachrichtungen ausgeweitet werden. Der Markt sei vielversprechend, sagt Kolev: „Der deutsche Markt ist nicht nur der größte Gesundheitsmarkt Europas, er hat auch großen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung.“ 2024 lag der Deutschlandanteil am Gesamtumsatz von Doctolib bei über 20 Prozent. Kolev ist zuversichtlich, dass er nun steigen wird.

Erstpublikation: 04.11.2025, 06:40 Uhr.

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