Psychologie: Vogel-Strauß-Syndrom in Krisenzeiten: „Es hat Sinn, sich nicht mit tausend Möglichkeiten zu beschäftigen“
Herr Strauß, beschäftigen Sie sich gerade damit, wie Sie im Winter heizen werden?
Ja, ich schaue schon, welche Maßnahmen sinnvoll sein könnten, von Sparstrategien beim Heizen bis hin zu warmer Kleidung.
Sind Menschen evolutionär überhaupt dazu gemacht, sich bei 30 Grad mit Wollsocken und Heizlüftern zu beschäftigen?
Das wird sich jetzt herausstellen. Wir stehen ja wirklich vor Herausforderungen, die wir angehen müssen, zum Beispiel die Klimakrise. Wenn wir darauf nicht reagieren und unsere Strategien ändern, dann stehen wir in absehbarer Zeit ohne Lebensgrundlage da.
Es ist eine sehr verunsichernde Situation gerade: Wir können uns auf vieles nicht mehr verlassen, worauf wir uns lange verlassen konnten, müssen Gewohnheiten und Routinen ändern.
Das hört sich sehr groß und angsteinflößend an. Ist es da verständlich, dass Menschen Klimakrise, Krieg und Pandemie ignorieren und weiter mit dem Flugzeug fliegen, die Nachrichten ausschalten und die Maske nicht mehr aufsetzen?
Es gibt ja verschiedene Strategien, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Man könnte rational und besonnen über Schutzmaßnahmen vor Corona nachdenken oder über Strategien, Energie zu sparen. Oder man kann das alles ignorieren, das ist sogar die übliche Strategie, eine typisch menschliche Eigenschaft.
Wir haben lange Warnsignale etwa der Klimaerwärmung ignoriert. Das Ausblenden dient dazu, die kognitive Dissonanz zu bewältigen zwischen dem, was wir wissen – und unseren eigenen Vorlieben. Das sieht man ganz oft bei Gesundheitsverhalten: Man weiß, dass Rauchen schlecht ist, aber dann argumentiert man mit der Oma, die trotz Rauchens 90 geworden ist.
„Wir haben lange Warnsignale etwa der Klimaerwärmung ignoriert“, sagt Bernhard Strauß.
Foto: dpaDie Menschen machen sich ja durchaus Sorgen – über die Hälfte der Deutschen will wieder Corona-Maßnahmen, um eine Herbstwelle einzudämmen, 63 Prozent machen sich laut einer Umfrage große Sorgen über die Energieversorgung. Andererseits sieht man immer weniger Masken, und viele Menschen machen sich erst mal keine Gedanken über das Heizen im Winter. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Wir stellen im Zweifelsfall unsere unmittelbaren Bedürfnisse in den Vordergrund, insbesondere, wenn Unklarheit herrscht. Es hat psychologisch Sinn, sich nicht mit tausend Möglichkeiten zu beschäftigen, deren Sinn zweifelhaft.
Aber bei Themen wie ethischem Fleischkonsum oder Langstreckenflügen ist doch eigentlich klar, dass das Bio-Gulasch, das Veggie-Schnitzel oder die Zugfahrt ins Nachbarland besser wären.
Zwischen Einstellung und Handeln herrschen oft große Klüfte. Wir sehen vielleicht ein Mal im Jahr in einer Fernsehreportage Bilder von Muttersauen im Käfig, das ist dann erst einmal unangenehm, daran denken wir lieber nicht. Vor allem nicht, wenn wir im Supermarkt vor dem Gulasch stehen und einfach Lust darauf haben. In dem Moment überwiegt das Grundbedürfnis Essen das rationale moralische Wissen um die bessere Alternative.
Dazu muss man wissen, dass rationale Entscheidungen Energie erfordern und in einer jüngeren Hirnregion passieren als Entscheidungen aus Angst, Hunger oder Lust. Es wird uns in unserer modernen Gesellschaft aber auch sehr einfach gemacht, gar gefördert, triebhaft zu handeln. Etwa durch billiges Fleisch, personalisierte Werbung oder soziale Medien, die gezielt das persönliche Bedürfnisspektrum eines Menschen ansprechen. Das ist Teil der heutigen Kultur: Wir werden zum triebhaften Reagieren quasi erzogen.
Der Psychologie ist Professor und Direktor am Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie der Universität Jena.
Foto: Anne Günther / Universität JenaSind die Menschen vielleicht auch einfach müde nach zwei Jahren Pandemie und wollen einfach mal wieder das Leben genießen?
Ja, sicher, Menschen brauchen eine positive Erlebnisatmosphäre. Das ist wichtig und gesund. Dazu kommen all die Entbehrungen während der Pandemie, die man jetzt nicht mehr in Kauf nehmen will. Allerdings steckt dahinter auch ein gewisser Vertrauensverlust: Ein aktueller Bericht der Bundesregierung zeigt, dass nicht alle Maßnahmen sinnvoll waren, während der Pandemie änderten sich die Strategien oft, die Kommunikation war nicht gut, die Regeln variierten je nach Bundesland, obwohl das Virus das gleiche war. Das Vertrauen in Institutionen, die eigentlich guten Rat geben sollen, hat dadurch gelitten. Deswegen sagen sich viele Menschen: Ich mach jetzt mein eigenes Ding.
>> Lesen Sie hier auch: Inflation ist laut einer Umfrage die größte Sorge – weit vor Corona
Ich hoffe, dass man daraus auch gelernt hat und etwa in Expertenkommissionen auch Sozialwissenschaftler aufnimmt, die beleuchten, wie Menschen sich verhalten und was Maßnahmen für die Bevölkerung bedeuten. Dann vermeidet man hoffentlich Trotz und Misstrauen.
Schaut man sich in einer Berliner S-Bahn um, könnte man meinen, es gäbe keine Maskenpflicht. Dabei waren wir doch noch nie so gut informiert über Aerosole und haben aktuell eine sehr ansteckende Corona-Variante im Umlauf.
Das hat viel mit Kontrolle zu tun. Bei meinem Flug aus den USA vor einigen Tagen waren die Menschen sehr diszipliniert, weil die Tragepflicht klar kommuniziert wurde und am Eingang Masken verteilt wurden für die, die keine dabeihatten. Da war klar: Jeder trägt Maske. Aber die Sinnhaftigkeit spielt da eine große Rolle, und die sehen viele Menschen bei den Maßnahmen nicht mehr. Daraus entwickelt sich eine Gleichgültigkeit gegenüber Institutionen – die manche Berliner S-Bahn-Passagiere vielleicht schon vor der Pandemie hatten.
Welche Rolle spielt der Herdeneffekt? In Dänemark etwa wird man komisch angeschaut, wenn man Maske trägt, in Ländern wie Südkorea würde man als rücksichtslos betrachtet.
In den USA, wo kaum noch Masken getragen wurden, bin ich auch eher mit dem Strom geschwommen und habe selten Maske getragen. Menschen ziehen meist das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe einer Ab- und Ausgrenzung vor. Das funktioniert auch umgekehrt: Zu Beginn der Pandemie gab es große Solidarität, es herrschte eine recht hohes Maß an Disziplin.
Bei Corona kann man sich mit konkreten Maßnahmen wie Impfen oder Masketragen gut schützen, bei der Energie- und Klimakrise oder dem Ukraine-Krieg gibt es keine einfachen Lösungen. Schaltet unser Gehirn da einfach ab und verdrängt?
Bei diesen Themen können wir keine einfachen ad-hoc-Lösungen ergreifen. Kriege und Energiemärkte sind schwer zu durchschauen – Corona aber auch. Um damit umgehen zu können, braucht es bessere Kommunikation und vielleicht auch einen neuen, transparenteren Politikstil. Robert Habeck wird genau dafür oft gelobt: offen, klar und selbstkritisch zu kommunizieren. Da gibt es gerade vielleicht eine Veränderung.
Trotz hoher Inzidenzen sind viele Reisende unterwegs.
Foto: dpaWie bekommt man Menschen denn dazu, ihr Verhalten zu ändern? Routinen sind im ja fest im Gehirn verankert.
Menschen streben nach sinnlicher Befriedigung, es ist unnatürlich, darauf zu verzichten. Da muss man gut erklären, warum man auf den Langstreckenflug oder die große Feier verzichten soll oder eben schädliches Verhalten weniger attraktiv machen. Wenn etwa Fliegen so günstig bleibt, argumentieren die Menschen: Der Flug nach Neu Delhi fliegt doch ohnehin. Warum sollte ich da nicht einsteigen?
Der Psychiater Manfred Lütz wurde in einem Interview gefragt, ob die ständige Erreichbarkeit die Menschen belaste. Er antwortete, im Dreißigjährigen Krieg seien die Menschen ständig für die Schweden erreichbar gewesen, das sei viel schlimmer gewesen. Aber lassen ständige Push-Nachrichten zu Gaskrise und Affenpocken den Stresspegel nicht steigen und führen zu Verdrängung?
Den Vergleich mit dem Dreißigjährigen Krieg finde ich jetzt etwas gewagt. Ja, es ist schon fast ein Hype, zu behaupten, dass wir alle ausgelaugt sind. Aber wir sind tatsächlich durch ständigen Medienkonsum mit schlechten Nachrichten konfrontiert. Nun könnte man ganz aufhören, Nachrichten zu konsumieren, aber dann wäre man schnell schlecht informiert.
>> Lesen Sie hier auch: Weltgesundheitsorganisation ruft wegen Affenpocken höchste Alarmstufe aus
Sich über Push-Mitteilungen über jede Bombe im Donbass zu informieren, ist aber auch nicht ratsam. Das hat man ja während der Pandemie gesehen: Ungewissheit und die Bedrohung durch die Krankheit haben nachweislich Stress und Angst ausgelöst und die Menschen psychisch belastet.
Wie können wir mit all diesen Nachrichten umgehen, ohne in Angst oder völlige Verdrängung zu verfallen?
Es ist schon sinnvoll, sich mit den aktuellen Themen aktiv auseinanderzusetzen, über mögliche eigene Beiträge nachzudenken, auch wenn sie bescheiden sein mögen. Dazu ist Selbstfürsorge angesagt und vor allem die Pflege guter Beziehungen. Sozialer Rückhalt und soziale Unterstützung wirken sowohl auf den Körper als auch die Seele positiv.
Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel