Krankheitserreger: Dem Tourismus drohen durch das Coronavirus weltweit empfindliche Ausfälle
Peking, Tokio, Düsseldorf. Das gefährliche Coronavirus erreicht Deutschland – noch nicht als Erreger, dafür aber als Dämpfer für das heimische Geschäft mit Chinareisen. Man habe alle Trips in das Land bis zum 15. April ausgesetzt, teilte eine Sprecherin des Urlaubsveranstalters Studiosus mit. Aktuell seien zwar keine eigenen Gäste in China, dennoch dürfte dem Münchener Familienunternehmen ein Umsatzrückgang bevorstehen: Allein im vergangenen Jahr buchten dort 2326 Deutsche einen Ausflug ins Reich der Mitte.
Auch der Tui-Studienreiseanbieter Gebeco reagiert auf die inzwischen mehr als 2700 gemeldeten Krankheitsfälle in China. Alle Reisen für Februar sind abgesagt, berichtet eine Sprecherin. Wer eine Reise bis Ende April in das Land gebucht hat, darf sich kostenlos eine andere Fahrt aussuchen. Ähnliches gilt bei DER Touristik.
Anlass sind Warnungen des Auswärtigen Amts, das von Reisen in die Provinz Hubei abrät. „Das Risiko für deutsche Reisende in Wuhan wird als moderat eingeschätzt“, schreibt das Ministerium zwar auf seiner Internetseite. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) erklärte am Montag jedoch vor der Kamera, man prüfe, ob deutsche Touristen aus der Gegend auszufliegen sind.
Ohnehin sind im Land inzwischen zahlreiche Attraktionen geschlossen, darunter Disneyland in Schanghai und beliebte Orte an der Chinesischen Mauer. Dasselbe gilt für die Palastanlage „Verbotene Stadt“.
Die deutschen Reiseveranstalter sind nicht die ersten, die auf das touristische Geschäft mit China verzichten, seitdem am Mittwoch vergangener Woche die Gefahr der Viruserkrankung bekannt wurde. Die italienische Kreuzfahrtreederei Costa Crociere strich neun Abfahrten in China, Wettbewerber MSC stornierte eine Rundreise ab Schanghai.
Auch den Tourismus in Deutschland trifft die erstmals in Wuhan ausgebrochene Erkrankung. So „empfiehlt“ das Tourismusministerium in Peking den Landsleuten, von Pauschalreisen ins Ausland Abstand zu nehmen – was Reiseexperten in Europa als faktisches Verbot werten.
Dauert die „Empfehlung“ an, könnten in Deutschland dieses Jahr manche Hotelbetten leer bleiben. 1,6 Millionen chinesische Besucher zählte die Bundesrepublik allein im vergangenen Jahr – mit insgesamt drei Millionen Übernachtungen. Was beim Ausbleiben der Chinesen schmerzen würde: Im Vergleich zu anderen Auslandsgästen geben sie pro Reise in Deutschland fast 400 Euro mehr aus.
Noch aber gibt es Hoffnung. „Januar und Februar sind aus deutscher Sicht die reiseschwächsten Monate der Chinesen“, berichtet eine Sprecherin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT). „Hauptsaison ist hier erst von Juli bis Oktober.“
Stillstand in China
Anders sieht es im Reich der Mitte selbst aus. Wie wichtig die chinesische Neujahrssaison für den Tourismus ist, die vom 10. bis 19. Januar ging, lässt sich an den Zahlen vom Vorjahr erkennen: Damals machte die Branche während der einwöchigen Feiertage einen Umsatz von 78 Milliarden Dollar, 8,2 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. 6,3 Millionen Chinesen reisten zu der Zeit ins Ausland. Auch dieses Jahr schien der Trend steil nach oben zu gehen.
Doch mit der Quarantäne von rund einem Dutzend Städten und strikten Reiseauflagen für andere Provinzen und Metropolen kam die Reisewelle abrupt zum Stillstand. In Schanghai und Peking etwa durften Fernbusse nicht mehr in andere Städte fahren. Seit Montag ist es chinesischen Tourgruppen untersagt, im Inland umherzureisen.
Grenzen wurden dicht gemacht, Auslandbuchungen storniert. Besonders bitter: Allein 2018 erwirtschaftete Chinas Tourismusindustrie einen Umsatz von 900 Milliarden Dollar, was elf Prozent zum Wachstum der Gesamtwirtschaft beitrug. 149 Millionen Chinesen reisten über die Grenze, 63 Millionen Touristen kamen ins Land.
Insbesondere die Nachbarländer leiden. Das Ausbleiben chinesischer Reisegruppen am chinesischen Neujahrsfest trifft die Hotelindustrie in den Tourismuszentren von Südkorea oder Japan hart, ebenso den Einzelhandel. Die japanische Kaufhauskette Hankyu berichtet, dass während der letzten Neujahrssaison 80 Prozent der Kunden Chinesen waren. Die Analysten der Investmentbank Nomura schätzen, dass ein zehnprozentiger Touristenrückgang 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten dürfte.
Mehr: Chinas Nachbarländer verstärken die Gegenmaßnahmen gegen das Virus. Die südkoreanischen Behörden werben in einer Aufklärungskampagne mit Comic-Held „Ironman“.