Unternehmensberatung Bain: „Europa muss mit Trump im Dialog bleiben“
Die Bain-Manager freuen sich über das kräftige Wachstum in Deutschland. Auch in diesem Jahr will die Beratungsfirma in Deutschland wieder 200 Mitarbeiter einstellen.
Foto: Christof Mattes/WirtschaftsWocheDüsseldorf. Ein gewisses Berufsrisiko teilen Berater und Wahrsager miteinander: Es kann immer mal sein, dass ihre Vorhersagen nicht ganz oder sogar überhaupt nicht eintreffen. Um nicht der Unfähigkeit bezichtigt zu werden, schwächen sie ihre Voraussagen ab, relativieren dieses oder jenes und bleiben möglichst vage.
Das gilt nicht natürlich besonders dann, wenn ein unberechenbarer Politiker wie Donald Trump amerikanischer Präsident ist. Ein Berater wie Bob Bechek, Chef der Unternehmensberatung Bain & Company, drückt das natürlich viel smarter aus, wenn man ihn zum Beispiel danach fragt, welche Auswirkung die Politik Trumps auf die US-Wirtschaft haben könnte. „Wirtschaftslenker denken vor allem langfristig und weniger über die Auswirkungen einzelner Regierungen nach“, sagt we. Es sei noch zu früh, um den Einfluss einer Trump-Präsidentschaft auf die Wirtschaft abzuschätzen. Seine politische Ausrichtung müsse erst noch Form annehmen.
Jede neue politische Strömung werde jedoch durch die Gewaltenteilung in den USA abgeschwächt. „Allerdings haben die Entscheidungen der neuen Regierung durchaus das Potenzial, die US-Wirtschaft signifikant zu tangieren, speziell in den Sektoren Gesundheit, Energie, Finanzdienstleistungen und Technologie.“
Auch die Auswirkungen der Präsidentschaft Trumps auf die Weltwirtschaft seien noch nicht absehbar. Seine Politik werde aber sicher von den Kabinettsmitgliedern und seinen Beratern beeinflusst, „ebenso wie von den Realitäten im weltweiten Wirtschaftssystem.“ Wird Trump denn – wie von manchen Beobachtern befürchtet – alle Handelsabkommen kündigen? Hier legt sich Bechek fest: „Ich glaube nicht, dass Trump bestehende Handelsabkommen der USA ohne die Zustimmung des Kongresses kündigen kann.“
Und was kann Europa gegen mögliche negative Konsequenzen der US-Politik tun? Bain-Deutschlandchef Walter Sinn mahnt zu Optimismus: „Europa muss im Dialog bleiben und die Handelswege offen halten. Das ist auch im Interesse der US-Wirtschaft. die ja ebenfalls längst globalisiert ist.“ Er sei zuversichtlich, dass die Regierung Trump „im Interesse der eigenen wie der Weltwirtschaft letztlich eine pragmatische Handelspolitik unterstützen wird.“
Insgesamt sieht Bain-Chef Bechek die amerikanische Wirtschaft auf einem guten Weg. Die Arbeitslosigkeit sei auf einem niedrigen Niveau, allerdings seien die Beschäftigungszahlen nicht so hoch wie sie sein könnten. „In der Hinsicht schneidet die deutsche Wirtschaft besser ab.“ Mittelfristig sei er aber zuversichtlich was die Stabilität und die Aussichten der US-Wirtschaft angeht. Seine Begründung: „Wegen der Kombination aus relativ günstiger Energie, einem moderaten Lohnniveau, dem großen Markt und den typischen Stärken der US-Wirtschaft, nämlich Innovationskraft und in Teilen das Bildungssystem.“
Die amerikanische Unternehmensberatung hat derzeit einen guten Lauf und wächst kräftig: „Mit Blick auf die anhaltenden zweistelligen Zuwachsraten plant Bain in Deutschland und in der Schweiz in diesem Jahr rund 200 Neueinstellungen.“ Schon 2016 hatte Bain 200 neue Berater an Bord geholt – und damit mehr als je zuvor, teilte das Unternehmen vor kurzem selbstbewusst mit. Der große Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften sei das Resultat kontinuierlichen Wachstums, das „weit über dem Marktdurchschnitt“ liege.
„Ein fantastisches Momentum“
Die Zeitschrift „Forbes“ führt Bain in seiner Liste der größten Privatunternehmen für 2015 mit einem Umsatz von 2,25 Milliarden Dollar. 2014 waren es 2,1 Milliarden. Die Beratung unterhält derzeit 55 Büros in 36 Ländern und beschäftigt weltweit rund 7.000 Mitarbeiter, 800 davon im deutschsprachigen Raum.
„Ich kann Ihnen sagen, dass wir in den vergangenen zwei, drei Jahren ein fantastisches Momentum erlebt haben: Das sieht man auf der Kundenseite, wo wir sehr interessante Mandate gewonnen haben, und in unserem Wachstum, wo wir kontinuierlich Marktanteile hinzugewonnen haben“, erklärt Walter Sinn, Chef von Bain Deutschland. Unter allen Beratungen habe Bain vielleicht den am meisten unternehmerischen Ansatz. Die Kunden wollten keine Präsentationen, sondern klare Empfehlungen. „Wir setzen uns quasi auf den Stuhl des Unternehmenslenkers und arbeiten zusammen an einer Lösung. Diese absolute Ergebnisorientierung, ja das Eingehen einer Schicksalsgemeinschaft, unterscheidet uns sehr stark vom Wettbewerb.“
Eines der Spezialthemen der Bain-Berater sind aktivistische Investoren, das Unternehmen hat darüber mehrere Studien veröffentlicht. Bain-Chef Bechek beurteilt deren Rolle unterschiedlich: „Es gibt einen Typ Investor, den wir strategischen Reformer nennen. Er hat einen guten Einfluss auf den Shareholder Value.“ Andererseits gebe es Investoren, „die wir Agitatoren nennen, die weder neue Ideen noch einen Plan mitbringen, sondern einfach agitieren.“ Solche Investoren will vermutlich kein Unternehmen am Hals haben.
Aber auch der konstruktive aktivistische Investor kann einem typischen CEO zunächst Sorgen und schlaflose Nächte bereiten. „Fakt ist, dass dieser Investor sehr konstruktiv sein kann und zusammen mit dem Management-Team um die richtige Strategie für das Unternehmen ringt“, sagt Bob Bechek. Der öffentliche Markt in den USA sei allerdings eine Herausforderung, besonders weil er manchmal sehr exzessiv kurzfrist-orientiert sei. Strategische Reformer könnten jedoch die Debatte darüber beflügeln, wie man verborgene Potenziale eines Unternehmens heben könnte.
Die Erfahrungen deutscher Unternehmen seien teilweise andere, etwa beim Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger, erklärt Deutschland-Chef Walter Sinn: „Auf dem deutschen Markt sind bisher vergleichsweise wenige aktivistische Investoren unterwegs. Bilfinger ist sicher ein Beispiel dafür, wie ein Investor bei der Umstrukturierung eines Unternehmens eine aktive Rolle übernimmt.“
Im Jahr 2011 war der schwedische Finanzinvestor bei Bilfinger eingestiegen und hatte sich in kurzer Zeit zum größten Anteilseigner hochgearbeitet. Anschließend hatte der Investor den Aufsichtsrat und die Chefetage des Mannheimer Unternehmens neu besetzt. Die Schweden, deren Investment zeitweise schwer unter Wasser geriet, sorgte schließlich dafür, dass große, lukrative Teile des Konzerns verkauft wurden. Was nicht unbedingt im Sinne des Unternehmens war: Ursprünglich sollten die gesunden Sparten des Konzerns – wie etwa die für Bau und Gebäudedienstleistungen – zur Sanierung der weniger prosperierenden Teile wie der Kraftwerkssparte beitragen.
Bain-Chef Bechek fasst noch einmal diplomatisch zusammen: „Ein positiver aktivistischer Investor ist der strategische Reformer, der in einem börsennotierten Unternehmen eine öffentliche Debatte über alternative Ansätze, Management-Teams oder Unternehmensführung anstößt.“ Die negative Version sei der destruktive Agitator, der sei „eine hässliche Verschwendung von Zeit.“
Was sind denn die Stärken und Schwächen von deutschen Unternehmen im Vergleich mit amerikanischen? Walter Sinn verweist auf Produktion und Innovation, also alles, was den deutschen Mittelstand so erfolgreich mache: „Viele sind sehr spezialisiert und Marktführer in ihrem Bereich etwa im Maschinenbau oder als Zulieferer für die Automobilindustrie. Das macht die deutsche Industrielandschaft so einzigartig.“
Zu den Stärken deutscher Unternehmen gehöre auch das, was mit dem Begriff Industrie 4.0 bezeichnet werde. Bob Bechek unterstreicht: „Ich glaube, die ganze Welt hat einen enormen Respekt vor dem deutschen Mittelstand und insbesondere vor der deutschen Ingenieurkunst.“ Er denke an den Automobilbau, die Chemieindustrie sowie Konstruktion und Bau von Anlagen. Viele Unternehmen würden zwar als Nischengeschäft beschrieben, seien aber globale Marktführer. „Ich komme aus dem Mittleren Westen der USA, wo kleinere und mittlere Firmen eine traditionelle Stärke darstellen, analog zum deutschen Mittelstand. Sie hatten oft eine einzigartige Expertise und eine Menge Innovationskraft. Aber sie waren selten so erfolgreich wie deutsche Firmen, eine Weltmarktführerschaft zu erreichen.“ Der deutsche Mittelstand habe sich besser auf die Globalisierung und die Rolle von China als Werkbank der Welt eingestellt als das amerikanische Kernland.
Die Schwächen der deutschen Wirtschaft liegen sicher in der Start-up-Szene. Zwar hat sich die Hauptstadt Berlin sehr gut zum deutschen Zentrum der Gründerszene entwickelt. „Verglichen mit den USA sind wir immer noch meilenweit hinter dem zurück, was im Silicon Valley passiert“, erklärt Deutschlandchef Sinn. „Die Welle der verbraucherorientierten Innovationen ging von den USA aus. Für deutsche Unternehmen liegt die Hausforderung nun darin, ihre Marktführerschaft im produzierenden Gewerbe ins digitale Zeitalter zu heben.“
Bain-Chef Bob Bechek erklärt, die ganze Welt habe außerdem großen Respekt vor bestimmten Modellen der Unternehmensführung in Deutschland. Sie wirkten sehr viel gesünder als in den USA. Dieser Teil des Unternehmertums stehe nicht für sich allein, sondern se eng verknüpft mit den Stärken des deutschen Mittelstands. „In den USA gehen die meisten Talente heutzutage in die High-Tech-Industrie und nicht mehr in den produzierenden Mittelstand. Das ist einerseits eine enorme Stärke der amerikanischen Wirtschaft. Und andererseits auch eine große Schwäche: Frühere Stärken einfach aufzugeben und die Werkbank nach China umziehen zu lassen.“
Bechek sieht im früheren Abbau des amerikanischen Produktionsgewerbes aber auch Chancen für deutsche Firmen: „In dem Maße, in dem die USA ihre Industrie wieder aufbauen, in dem Maße können deutsche Unternehmen profitieren. Die deutsche Industrie kann die Ausrüstung für diese Reindustrialisierung liefern: Maschinen und Anlagen ebenso wie viel Expertenerfahrung in Konstruktion, Bau und Fertigung.“
Die Beratung Bain & Company und vor allem auch deren globaler Chef, Bob Bechek, sind also auf Erfolgskurs. Da kommt es gerade recht, dass Bechek im jährlichen Ranking des Jobportals „Glassdoor“ auch noch der von den Mitarbeitern am besten bewertete CEO geworden ist und nicht etwa Facebook-Chef Mark Zuckerberg oder Google-Mitgründer Larry Page.
Wie er das wohl geschafft hat? „Ich glaube, diese Auszeichnung sagt mehr über Bain & Company aus als über mich als Individuum.“ Die Firma sei mit einem großen Reichtum an Talenten gesegnet. Es gebe einige Leute, die seinen Job übernehmen könnten. „Mein Job ist es, unsere Berater als die wahren Helden zu würdigen, wenn sie gute Beziehungen zu unseren Kunden aufbauen und Erfolgsgeschichten schreiben. Und ihnen dabei zu helfen, ihren Job zu machen, um dann rechtzeitig aus dem Weg zu gehen.“ Von dieser Einstellung könnte sich Donald Trump bestimmt eine Scheibe abschneiden.