BP-Chef Bernard Looney: Rosneft-Ausstieg ist für BP die größte Zäsur seit Deepwater Horizon
Der BP-Vorstandschef will die Öl- und Gasproduktion bis 2030 um 40 Prozent senken.
Foto: BloombergEr sei „tief schockiert und traurig“ über Russlands Einmarsch in die Ukraine, erklärte BP-Vorstandschef Bernard Looney in einer Rundmail an die Mitarbeiter. Deshalb habe man das Verhältnis zu Rosneft nun „grundsätzlich überdacht“. Für die Aktionäre gab es eine heftige Warnung: Die Abschreibungen könnten im ersten Quartal bis zu 25 Milliarden Dollar betragen.
Die Ankündigung rief ein gewaltiges Echo unter Anlegern und Analysten in London hervor. Die Aktie fiel am Montag um 6,5 Prozent. Doch herrschte schnell Einigkeit, dass der Schritt angesichts des Kriegs unvermeidlich war.
Looney und sein Vorgänger Bob Dudley legten mit sofortiger Wirkung ihre Aufsichtsratsmandate bei dem russischen Staatskonzern nieder. Der BP-Chef saß obendrein mit Russlands Präsident Wladimir Putin im Verwaltungsgremium der Russischen Geographischen Gesellschaft. Auch von diesem Posten trat er zurück. Das erinnerte daran, dass Altkanzler Gerhard Schröder immer noch Rosneft-Aufsichtsratsvorsitzender ist – trotz wachsenden Drucks aus der SPD.
Auch Looney musste jedoch zum Handeln gedrängt werden. Noch vor wenigen Wochen hatte er das Russland-Engagement verteidigt. Schließlich spülte Rosneft vergangenes Jahr 2,4 Milliarden Dollar Gewinn und 640 Millionen Dollar an Dividenden in die BP-Kasse.
Looney wurde ins Wirtschaftsministerium einbestellt
Offenbar half auch die britische Regierung bei der Entscheidung nach. Am vergangenen Freitag war Looney ins Wirtschaftsministerium einbestellt worden. Minister Kwasi Kwarteng gab ihm zu verstehen, dass man große Zweifel an der Rosneft-Beteiligung habe. Am Sonntag dann machte der BP-Chef seinen Sinneswandel öffentlich.
Der 51-Jährige war vor zwei Jahren angetreten, um den Ölkonzern in einen modernen Energiekonzern umzubauen. Er gab das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 aus. Bis 2030 will er die Produktion von Öl und Gas um 40 Prozent senken. Der Rosneft-Ausstieg bringt ihn dabei unfreiwillig einen großen Schritt voran. Das russische Geschäft machte ein Drittel der Gesamtproduktion aus.
Der Ire war vor 31 Jahren direkt nach dem Studium am University College Dublin zu BP gekommen. Angefangen hatte er als Ingenieur in der schottischen Ölhochburg Aberdeen. Später arbeitete er im Golf von Mexiko, in Alaska, Vietnam und wieder in der Nordsee. Zwischendurch machte er einen Masterabschluss in Management an der US-Uni Stanford.
BP-Chefs stehen traditionell unter besonderem öffentlichen Druck, schließlich führen sie einen ehemaligen Staatskonzern, der im britischen FTSE-Leitindex immer noch ein Schwergewicht ist. Looneys Vorvorgänger, der Brite Tony Hayward, musste 2010 zurücktreten, nachdem er die Explosion auf der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko heruntergespielt hatte.
Die größte Zäsur seit Deepwater Horizon
Haywards amerikanischer Nachfolger Bob Dudley brauchte Jahre, um den Imageschaden zu reparieren. BP musste 18,7 Milliarden Dollar Schadensersatz zahlen. Mit dem Abschied aus Russland hat Looney nun die größte Zäsur seit der Ölkatastrophe zu managen.
Das Unternehmen hat noch nicht verraten, ob es die Rosneft-Anteile verkaufen oder komplett abschreiben will. Zunächst wird das gesamte Russlandgeschäft einfach aus der Bilanz entfernt. Laut Analysten dürfte es schwierig werden, einen Käufer zu finden.
Von einigen institutionellen Anlegern gab es dennoch Applaus. „Während der Ausstieg bei Rosneft erhebliche finanzielle Kosten für BP bedeutet, ist es fraglos der richtige Schritt“, erklärte Fondsmanager Andrew Mulligan vom Vermögensverwalter Abrdn gegenüber dem Finanzdienst Bloomberg. Für Looney gilt nun die alte Binsenweisheit: Jede Krise birgt auch eine Chance.