Energie: Meyer Burger stellt Modulproduktion in Deutschland ein
Düsseldorf. Der Solarkonzern Meyer Burger stoppt die Modulproduktion in Deutschland und bereitet die Schließung seiner Fabrik im sächsischen Freiberg für Ende April vor. Das gab das Unternehmen am Freitagmorgen bekannt. In einem ersten Schritt wird die Produktion ab der ersten Märzhälfte eingestellt. „Wir sind nicht mehr in der Situation zu warten. Wir haben unsere Entscheidung getroffen“, begründete Meyer- Burger-Chef Gunter Erfurt den Schritt.
Jetzt liege es an der Politik, ob der Stopp der Produktion nur vorübergehend sei oder dauerhaft. „Das gilt aber nur, wenn es in den nächsten zwei Wochen eine Lösung gibt“, stellt Erfurt klar. Die Aktie des Unternehmens sackte nach der Ankündigung am Freitagmorgen um elf Prozent ab.
In der Zwischenzeit will der Modulhersteller seine Anlagenfertigung in den USA ausbauen. Damit für den Umbau genug Geld da ist, soll es Mitte März eine Kapitalerhöhung zwischen 200 und 250 Millionen Schweizer Franken geben.
Parallel dazu hat die Bundesregierung eine Exportkreditgarantie im Umfang von bis zu 95 Millionen US-Dollar genehmigt. Dafür sichert Meyer Burger zu, die Abteilung für Forschung und Entwicklung im sächsischen Hohenstein zu erhalten. Von dem US-Energieministerium erhofft das Unternehmen außerdem noch die Zusage für einen 300-Millionen-US-Dollar-schweren Kredit.
So will das Unternehmen seine Finanzierungslücke schließen. Meyer Burger schreibt seit Jahren rote Zahlen. Durch den ruinösen Preiskampf auf dem Solarmarkt hatte sich die Lage nun zugespitzt.
Keine schnelle Hilfe aus Berlin
Vor einem Monat hatte der Konzern mit Sitz in der Schweiz deswegen bereits angekündigt, die Hallen seiner sächsischen Modulfabrik dichtzumachen, sollte die Bundesregierung nichts gegen die „gravierende Marktverzerrung in Europa“ tun.
Eigentlich sollte das sogenannte „Solarpaket I“ angeschlagenen Unternehmen helfen. Weil die Ampelregierung sich jedoch nicht einigen kann, verzögert sich das Gesetzespaket bis mindestens Mitte März. Mit einer Reihe von Maßnahmen sollte es den Ausbau der Photovoltaik weiter voranbringen. Anlagen mit einem Mindestanteil europäischer Komponenten sollten eine höhere Vergütung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten, einen so genannten „Resilienzbonus“.
Um genau diesen Bonus streiten die Koalitionäre: Grüne und SPD befürworten die zusätzliche Förderung. Die FDP sieht den Bonus kritisch. Falls es doch noch zu einer Einigung kommen sollte, hat Meyer Burger die tatsächliche Schließung seiner Modulproduktion erst einmal auf Ende April vertagt. Die Einführung des Resilienzbonus gilt in der Branche als einzige Rettung für die kriselnden Hersteller.
Obwohl die Nachfrage nach Solarmodulen auf einem Rekordhoch ist, steckt die europäische Photovoltaikindustrie in der Krise. Schon vor Monaten warnte die Branche vor den Folgen einer rasant zunehmenden Anzahl von Billigmodulen aus China, die auf den europäischen Markt drängen. Die produzierende Branche in Deutschland und Europa sei existenziell bedroht, sagte Detlef Neuhaus, Chef des Dresdner Modulherstellers Solarwatt erst kürzlich im Interview mit dem Handelsblatt. „Und da reden wir nicht von Jahren, sondern von Monaten“, so Neuhaus.
Der Modulproduzent hatte Ende vergangenen Jahres rund 85 Mitarbeiter entlassen und müsste seine Produktion im Laufe des Jahres stilllegen, wenn keine Hilfen aus der Politik kommen. Auch der dritte deutsche Modulhersteller, das Familienunternehmen Heckert Solar, hatte weitere Investitionen in seine Chemnitzer Modulproduktion von den politischen Rahmenbedingungen abhängig gemacht.
Weil der Markt für Solarmodule überversorgt ist, befinden sich die Preise im freien Fall. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate sind sie um knapp 50 Prozent gesunken – von durchschnittlich knapp über 30 Cent die Kilowattstunde auf teilweise unter 15 Cent. Laut hochrangingen Branchenvertretern bieten chinesische Anbieter ihre Module damit seit Neuestem sogar unter den eigenen Herstellungskosten an. Die Europäer müssen ihre Anlagen ab 20 Cent aufwärts verkaufen, um zumindest kostendeckend zu arbeiten. Ein ruinöser Preiskampf für beide Seiten.
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Auch außerhalb Deutschlands trifft die Solarkrise viele Unternehmen. Der Waferhersteller Norwegian Crystals hatte schon im vergangenen Jahr Insolvenz angemeldet, ebenso wie der österreichische PV-Produzent Energetica. Norsun, ein aus Norwegen stammender Hersteller sogenannter Ingots und Wafer, hat die Produktion eingestellt und Stellenkürzungen angekündigt.
Die Situation der Solarhersteller ist auch eine politische Frage. Ende Januar hatte sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) deswegen noch klar für den Erhalt einer deutschen Solarindustrie ausgesprochen und dem kriselnden Hersteller Meyer Burger damit Hilfsbereitschaft aus Berlin signalisiert. „Es geht darum, die zehn Prozent Solarpanels, die nicht aus China kommen, zu halten, sodass wir bei der technischen Entwicklung mitreden können“, stellte Habeck auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel in Berlin klar.
Obwohl die deutschen Solargrößen sich nahezu täglich mit Vertretern des Wirtschaftsministeriums und der Regierung ausgetauscht haben, steht die Industrie nun mit dem Rücken zur Wand. Nur zwei Tage nachdem klar war, dass es aus Berlin keine schnellen Hilfen geben wird, hat Meyer Burger seine Entscheidung darum rasch gefällt. Die Schweizer können es sich nicht leisten, weiter Module für die eigenen Lagerhallen zu produzieren. Von den 650 Megawatt an produzierten Anlagen liegt immer noch die Hälfte unverkauft auf Halde.
Noch am Freitag kam ein erstes Übernahmeangebot für den angeschlagenen Konzern. Und zwar von dem Hamburger Start-Up 1Komma5 Grad. „Sollte Meyer Burger die Fertigung in Sachsen komplett aufgeben, stehen wir bereit zumindest die Modulfertigung zu retten und so viele Arbeitsplätze am Standort zu sichern wie möglich“, sagte 1Komma5-Chef Phillip Schröder dem Spiegel. Gespräche gebe es allerdings keine, heißt es aus Unternehmenskreisen bei Meyer Burger. Das Angebot sei ein reines „PR-Manöver“.
Angesichts der angespannten Marktlage rechnet Meyer Burger für das Geschäftsjahr 2023 mit einem operativen Verlust (Ebitda) von mindestens 126 Millionen Franken. Bis das Unternehmen einen positiven Cashflow erzielen könne, brauche man Finanzmittel in Höhe von rund 450 Millionen Franken.
Die Aktie des ehemaligen Maschinenbauers ist schon seit Jahren auf Talfahrt. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate ist der Kurs um fast 87 Prozent nach unten gerauscht.
Denn Meyer Burger schreibt seit Jahren Verluste. Erst 2020 stieg der einstige Maschinenbauer in die Produktion von Solarmodulen und Zellen ein. Nach Jahren der Krise sollte der Strategiewechsel eigentlich die Rettung für das angeschlagene Unternehmen sein. Doch die Flucht nach vorn droht zu scheitern.
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Als letzte Chance könnte sich nun der Aufbau der US-Produktion erweisen. Hier baut Meyer Burger mithilfe von Fördermitteln aus dem Inflation Reduction Act (IRA) aktuell gleich zwei Fabriken: eine für Solarzellen im Bundesstaat Colorado und eine weitere zur Herstellung von Solarmodulen in Arizona. Insgesamt sollen dort mit mehr als 800 Mitarbeitern zwei Gigawatt an Solarmodulen und zwei Gigawatt an Solarzellen hergestellt werden. Noch 2024 sollen erste Module vom Band laufen.
Aber auch hier läuft es nicht nach Plan: Investitionen für die Solarzellenfabrik in Colorado pausieren erst einmal. So lange, bis Meyer Burger seine Finanzierungsprobleme gelöst hat. Der Hochlauf der Modulproduktion in Arizona sei davon jedoch nicht beeinträchtigt, teilt das Unternehmen am Freitag mit. Die nötigen Solarzellen kommen erst einmal aus dem deutschen Thalheim.
Erstpublikation: 23.02.2024, 07:37 Uhr.