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Erneuerbare EnergienIndustrie fürchtet hohe Mehrkosten bei Wind auf See

Konzerne wie der Stahlhersteller Arcelor-Mittal wollen ihren Ökostrom-Bedarf mit Windenergie auf See decken. Doch ein neues Gesetz gefährdet die Ausbauziele.Kathrin Witsch und Klaus Stratmann 04.07.2022 - 17:29 Uhr Artikel anhören

Immer mehr Industriekonzerne sichern sich ihren eigenen Grünstrom.

Foto: AP

Berlin, Düsseldorf. Die Industrie braucht für die Energiewende immer mehr Strom – besonders grünen. Angesichts steigender Preise und eines knapper werdenden Angebots sichern sich Unternehmen ihren eigenen Zugang zu Wind- und Solarenergie. So wollen etwa der Energiekonzern RWE und der Stahlhersteller Arcelor-Mittal einen gemeinsamen Windpark auf See bauen und haben dazu nun eine Absichtserklärung unterzeichnet. 

Das Projekt soll für Arcelor-Mittal vor allem den für die Produktion von klimaneutralem Stahl benötigten grünen Wasserstoff liefern. „Wir wollen die komplette Stahlproduktion dekarbonisieren“, sagt Arcelor-Mittal-Deutschlandchef Reiner Blaschek im Gespräch mit dem Handelsblatt. In Zukunft soll nicht mehr Kohle der Primärenergieträger sein, sondern im Übergang durch Erdgas und später durch grünen Wasserstoff und erneuerbaren Strom in einer neuen Produktionstechnologie ersetzt werden.

Dafür brauche es aber klimaneutralen Strom in großen Mengen und zu niedrigen Preisen, erklärt der Manager. „Offshore-Windstrom kann uns bei der Erreichung unserer Ziele ein erhebliches Stück voranbringen.“ 

Andere große Industriekonzerne wie BASF, Volkswagen oder Covestro haben sich bereits über spezielle Verträge einen Teil ihres Grünstrombedarfs gesichert. Auch Sven Utermöhlen, der bei RWE das Offshore-Wind-Geschäft verantwortet, sieht ein gestiegenes Interesse: „Wir reden hier über sehr relevante Größenordnungen. Ein Projekt, wie wir es mit Arcelor-Mittal entwickeln wollen, wird sich voraussichtlich im Gigawatt-Bereich bewegen“, sagt der Manager.

Industrie und Energiewirtschaft mahnen jedoch: Das geplante Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) der Bundesregierung erschwere solche Kooperationen massiv. Ein Großteil der Flächen, die von der Novelle adressiert werden, sind nicht voruntersuchte Gebiete in Nord- und Ostsee. Windparkentwickler, die für eine dieser Flächen den Zuschlag bekommen wollen, müssen bei einer Auktion ein Gebot abgeben, dessen Höhe nach oben offen ist. 

Der Bundesverband der Offshore-Windindustrie (BWO) warnt daher in einem Schreiben an Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne): Das Gesetzesvorhaben gefährde das Erreichen der Ausbauziele „und hat zudem das Potenzial, die im internationalen Wettbewerb stehende stromintensive Industrie mit signifikant steigenden Strompreisen zu belasten“, heißt es in dem Brief. Das Schreiben liegt dem Handelsblatt vor. In seiner jetzigen Form sei die sogenannte Gebotskomponente „ungeeignet und schädlich“.

„Die zusätzlichen Kosten für die Gebote machen den Strom teurer. Der Gesetzgeber würde die erwünschte Dekarbonisierung der Industrie damit erschweren. Das kann nicht im Sinne der Politik sein“, kritisiert auch RWE-Manager Utermöhlen.

Offshore-Windenergie soll stark ausgebaut werden

Sollten die neuen Flächen wirklich an die meistbietenden Entwickler abgegeben werden, ohne dass eine Obergrenze festgelegt wird, drohen laut einem Gutachten des Beratungsunternehmens Nera für den BWO enorme Mehrkosten: Annähernd 21 Euro je so erzeugte Megawattstunde seien möglich. Der Verband schlägt deswegen eine Obergrenze von 50 Millionen Euro pro Gigawatt (GW) vor. 

Insgesamt sind aktuell knapp acht GW Offshore-Windkraft in der deutschen Nord- und Ostsee installiert. Laut Koalitionsvertrag sollen daraus bis 2030 mindestens 30 GW werden, bis 2035 mindestens 40 GW und bis 2045 mindestens 70 GW.

Die ertragreiche Stromquelle ist vor allem für Industrieunternehmen attraktiv. Weil der Wind auf hoher See sehr beständig weht, sind im Jahr immerhin bis zu 4500 Volllaststunden möglich. Zum Vergleich: Unter guten Bedingungen können Photovoltaikanlagen in Süddeutschland 1100 Volllaststunden erreichen. Während der restlichen 7660 Stunden, die ein Jahr hat, produzieren sie keinen Strom.

„Wir sehen in Europa und in Deutschland ganz besonders ein Problem mit der Versorgung mit erneuerbaren Energien“, warnt Arcelor-Manager Blaschek. Deswegen sei jetzt die Bereitschaft da, in diesem Bereich zu investieren, „auch als Stahlhersteller.“ Immerhin will das Unternehmen seinen CO2-Fußabdruck innerhalb der kommenden fünf Jahre um bis zu 60 Prozent reduzieren. Mitte der 2030er-Jahre sollen es dann sogar 90 Prozent sein. 

Jedoch ist der Strompreis innerhalb eines Jahres drastisch gestiegen: Im tagesaktuellen Handel legte die Megawattstunde Strom von rund 95 Euro auf 218 Euro am vergangenen Freitag zu. Zum anderen wächst die Nachfrage nach grünem Strom so rasant, dass energieintensive Unternehmen wie BASF, VolkswagenThyssen-Krupp und andere sicherstellen müssen, überhaupt genug davon zu bekommen. 

Der Bundesverband der Deutschen Industrie geht davon aus, dass der Strombedarf der Wirtschaft in den kommenden Jahren stark ansteigen wird. Allein die Chemieindustrie rechne im Jahr 2050 mit einem Strombedarf, der höher ist als der aktuelle Gesamtstromverbrauch Deutschlands.

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Die Bundesregierung rechnet damit, das der Bruttostrombedarf des Jahres 2030 sich in einer Spanne zwischen 680 und 750 Terawattstunden (TWh) bewegen. Diese Prognose übertrifft die noch einmal deutlich die zuletzt Mitte November nach oben korrigierte Prognose, in der von 658 TWh ausgegangen wurde.

2020 betrug der Bruttostromverbrauch in der Bundesrepublik 545 TWh. Bei dem aktuellen Tempo des Ausbaus der erneuerbaren Energien droht mit dem steigenden Energiebedarf eine massive Ökostromlücke.

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