Amazon-Aggregatoren: Öffentliche Versteigerung von SellerX ist abgesagt
Berlin, Düsseldorf. Eigentlich hätte an diesem Dienstag im Hotel Bristol in Berlin eine außergewöhnliche Auktion stattfinden sollen: Weil der Onlinehändler SellerX seine Zinsen nicht mehr zahlen konnte, wollte der Gläubiger Blackrock, der eine Kreditlinie von mehr als 400 Millionen Euro bereitgestellt hatte, das Unternehmen öffentlich versteigern lassen.
Doch kurz vor Mitternacht wurde die Auktion abgesagt. Das teilte die betreuende Rechtsanwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer dem Handelsblatt mit. Gründe für die Absage wurden nicht genannt. Auch Blackrock wollte sich zunächst nicht äußern.
SellerX teilte mit: „Wir begrüßen die Absage der Auktion, die signalisiert, dass die Gespräche zwischen unseren Aktionären und unseren Kreditgebern über die Vereinfachung und Stärkung unserer Kapitalstruktur gut vorankommen.“
Das Handelsblatt hatte bereits in der vergangenen Woche berichtet, dass die Auktion womöglich gar nicht stattfinden würde. Dies hat sich nun bestätigt. Hinter den Kulissen ist offenbar eine ganz andere Lösung für die Finanzierungskrise gefunden worden.
Seit Monaten verhandeln Anteilseigner und Gläubiger Insidern zufolge über einen Kapitalschnitt. Doch die Gespräche blieben lange ergebnislos, weswegen Blackrock letztlich die Kredite fällig stellte und die Auktion per Anzeige öffentlich machte.
Durchführen sollte sie die Glas Trust Corporation. Das höchste Gebot sollte den Zuschlag erhalten. Potenzielle Bieter mussten vorher nachweisen, dass sie über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, den Kauf zu stemmen.
Auktion war offenbar nur Druckmittel
Den Auktionsunterlagen zufolge, die dem Handelsblatt vorliegen, wäre der Käufer zum einen verpflichtet gewesen, das Stammkapital über etwa 75.000 Euro zu zahlen. Zum anderen hätte er auch alle bestehenden Darlehensverbindlichkeiten tragen müssen.
Wie hoch die tatsächliche Darlehenshöhe ist, dazu schweigen sowohl Blackrock wie SellerX. Insider betonten, dass nicht die komplette Kreditlinie ausgeschöpft worden sei. Die beiden SellerX-Gründer Philipp Triebel und Malte Horeyseck haben das Unternehmen mittlerweile verlassen, halten aber noch Anteile.
Die angesetzte und wieder abgesagte Auktion war in diesem Zusammenhang offenbar nur ein Druckmittel, um die Verhandlungen zu beschleunigen. Denn mit der Versteigerung hätten die Eigentümer ihr eingesetztes Kapital fast vollständig verloren. Und Blackrock hätte SellerX selbst ersteigern können und wäre wahrscheinlich zu günstigen Konditionen zum Eigentümer geworden.
Nun hat Blackrock offenbar in den Verhandlungen mit den Investoren von SellerX eine andere Lösung erzielt. Diskutiert wurde, dass die ausstehenden Kredite in Firmenanteile umgewandelt werden. Man nennt dies einen Debt-Equity-Swap.
Das Problem dabei ist: Die Anteile der Altinvestoren – darunter Cherry Ventures, 83North und Felix Capital – werden durch einen Debt-Equity-Swap verwässert, Blackrock dürfte wohl größter Anteilseigner werden. Deshalb war bis zuletzt die Bewertung von SellerX umstritten – und damit die Frage, wie viele Anteile Blackrock im Tausch für seinen Kredit bekommt.
Konsolidierung unter Amazon-Aggregatoren
SellerX galt eine Zeit lang als Prototyp für den Konsumgüterkonzern von morgen. Die Firma war vor Kurzem noch als sogenanntes Einhorn mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet. Wie einige andere Unternehmen betreibt sie ein Geschäft, das sich Amazon-Aggregator nennt. SellerX kauft Marken auf, die auf dem Amazon-Marketplace erfolgreich sind, und bündelt sie.
In nur drei Jahren hatten Investoren 16 Milliarden Dollar in solche Amazon-Aggregatoren gesteckt, immer neue Start-ups wollten daran mitverdienen. SellerX allein nahm seit der Gründung 2020 ganze 475 Millionen Dollar in Form von Eigen- und Fremdkapital bei Investoren ein.
In der Coronakrise, in der Kredite billig waren und E-Commerce überraschend boomte, funktionierte das. Doch in der nun schwierigen Wirtschaftslage, in der die Zinsen steigen und sich Investoren zurückhalten, werden die großen Probleme im operativen Geschäft immer deutlicher. Außerdem haben die Aggregatoren die Markenhändler oft viel zu teuer gekauft.
Deshalb hat die Konsolidierung im Markt bereits eingesetzt. SellerX-Konkurrent Razor hat zahlreiche Wettbewerber übernommen, scheint laut Unterlagen von Creditreform mittlerweile aber selbst angeschlagen zu sein. Der amerikanische Aggregator Thrasio, der das Geschäft als Erster entdeckte und deshalb für viele Unternehmen Vorbild war, ist in die Insolvenz gerutscht.
Anfang September kündigte der französische Aggregator Branded die Übernahme des US-Konkurrenten Heyday und die Streichung zahlreicher Stellen an. In diesem Zusammenhang hieß es auch, man schaue sich nach weiteren Übernahmekandidaten um.
Wie schwierig die Situation im Markt auch in Deutschland ist, zeigt der Amazon-Aggregator Amazing Brands Group aus Köln, der auch unter dem Namen „Wethebrands“ am Markt auftritt. Das 2021 gegründete Unternehmen hat am 6. September Insolvenz angemeldet. Gründe wurden nicht genannt.
Noch wenige Monate zuvor hatte das Unternehmen mit dem Konkurrenten Mantaro Brands fusioniert und dabei selbstbewusst von einem „strategischen Schritt“ gesprochen, „der einen signifikanten Wandel in der E-Commerce-Landschaft markiert“. Co-CEO Nicolai von Enzberg hatte noch im Februar behauptet, die Fusion biete die Basis für eine „robuste und schuldenfreie Struktur“. Davon ist nun offenbar nicht mehr viel übrig.
Ein Eigentümerwechsel bei SellerX könnte die Konsolidierung nun weiter beschleunigen. Schließlich ist Blackrock nicht nur an SellerX, sondern auch noch an Razor und Thrasio beteiligt.