E-Commerce: Michael Otto übergibt strategische Führung der Otto Group an Sohn
Düsseldorf. Die Otto Group leitet den Generationswechsel an der Spitze ein. Unternehmer Michael Otto zieht sich in zwei Schritten aus der Verantwortung zurück. Zunächst gibt er den Vorsitz im Aufsichtsrat ab.
Sein Nachfolger als Chefaufseher des Handelskonzerns wird der heutige CEO Alexander Birken, wenn dieser im März 2025 mit Erreichen der Altersgrenze von 60 Jahren sein Amt im Vorstand aufgibt. Neue Vorstandsvorsitzende wird dann die bisherige Finanzchefin Petra Scharner-Wolff.
Ein Jahr später gibt Michael Otto dann seine letzten beiden Ämter ab. Sein Sohn Benjamin wird dann Vorsitzender des Stiftungsrats der Michael-Otto-Stiftung, die die Mehrheit am Unternehmen hält. Zugleich wird er Vorsitzender des Gesellschafterrats und übernimmt damit die strategische Führung des Unternehmens.
Benjamin Otto hat sich auf die neue Aufgabe seit Jahren vorbereitet. Er ist bereits Mitglied des Aufsichtsrats, des Stiftungsrats und des Gesellschafterrats der Otto Group. Er hat aus der Otto Group heraus den Modehändler About You gegründet – zusammen mit dem heutigen About-You-Chef Tarek Müller – und diesen vor knapp drei Jahren an die Börse gebracht.
„Eine der größten Herausforderungen für Familienunternehmen ist der gelingende Generationenwechsel“, sagt Michael Otto, der im vergangenen Jahr seinen 80. Geburtstag feierte. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass Benjamin die Otto Group nicht nur wirtschaftlich in eine gute Zukunft führen wird, sondern auch die besonderen Werte unseres Familienunternehmens lebendig halten wird.“
Dass er die Aufgaben auf seinen Sohn und Alexander Birken aufteilt, hat einen Grund. „Benjamin hat seine große Stärke im strategischen Denken, das operative Geschäft liegt ihm nach eigener Aussage nicht“, sagt Michael Otto. Deshalb überlasse er den Vorsitz im Aufsichtsrat, der mehr als Sparringspartner für den operativen Vorstand agiert, lieber Birken.
Michael Otto baute den Versandhändler zum E-Commerce-Konzern um
Michael Otto hat die Otto Group in ihrer heutigen Form entscheidend geprägt. Den Grundstein legte nach dem Zweiten Weltkrieg sein Vater Werner. Für die Gebühr von einer Mark meldete er 1949 den „Werner Otto Versandhandel“ an und verkaufte anfangs ausschließlich Schuhe.
Einige der ersten Kataloge band der Gründer selbst von Hand und klebte persönlich Fotos hinein. Ein Exemplar davon wird heute im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt.
Werner Otto plante die Nachfolge langfristig. 1971 holte er seinen Sohn Michael ins Unternehmen, der sich zuvor mit einer Banklehre und einem Volkswirtschaftsstudium auf seine Aufgaben im Unternehmen vorbereitet hatte. 1981 übernahm Michael Otto den Vorstandsvorsitz.
Michael Otto baute den Versandhändler zu einem E-Commerce-Unternehmen um, während Konkurrenten wie Neckermann und Quelle verschwanden. Amazon wurde trotzdem größter Versandhändler in Deutschland, doch hält die Otto Group sich auf dem zweiten Platz.
„Es ist enorm wichtig, die Weichen frühzeitig zu stellen, wenn es einem gut geht“, erklärte er seine Strategie dahinter im vergangenen Jahr im Interview mit dem Handelsblatt. „Wir waren schon 1995 mit unserem gesamten Sortiment online, obwohl damals erst weniger als ein Prozent unserer Kunden überhaupt Zugang zum Internet hatten.“
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Aber er räumte auch ein, dass das Unternehmen viele Jahre gebraucht habe, um erst aus dem Katalogversand ein Onlinegeschäft zu entwickeln und später mit Otto.de einen Marktplatz aufzubauen.
„Es waren spannende Jahre, auch wenn es zwischendurch mal schwierige Phasen gab, habe ich immer Freude an der unternehmerischen Aufgabe gehabt“, sagte Michael Otto dem Handelsblatt. „Als meine größten Erfolge sehe ich, dass es mir zum einen gelungen ist, aus einem Einzelunternehmen eine international aufgestellte Unternehmensgruppe aufzubauen und zum anderen einen traditionellen Konzern in das digitale Zeitalter zu führen.“
Künftige Otto-Chefin Scharner-Wolff setzt auf Künstliche Intelligenz
Verantwortlich vorangetrieben hat die Digitalisierung der scheidende CEO Alexander Birken, der seit über 30 Jahren im Unternehmen arbeitet. 2017 übernahm er den Vorstandsvorsitz. Er habe das Unternehmen zusammen mit den Gesellschaftern „durch stürmische Zeiten navigiert“, sagt Birken.
Auch in den vergangenen Jahren ging die Otto Group durch Höhen und Tiefen. Sie erlebte während der Coronapandemie einen Boom mit Gewinnen in Milliardenhöhe. Im Geschäftsjahr 2022/23 ging der Umsatz dann deutlich zurück. Unter dem Strich stand ein Verlust von 413 Millionen Euro.
Aus Sicht von Experten geschieht der Führungswechsel bei Otto in einer harten Zeit für den deutschen Onlinehandel. „Das Jahr 2024 wird für den E-Commerce wohl noch schwieriger als das vergangene Jahr“, prognostiziert Max Albrecht, Handelsexperte bei der Beratung Alix Partners. Keiner wisse, wann sich die Konsumstimmung wieder bessert, sie werde wohl erst mal eher noch sinken. „Das Jahr wird wohl ein Jahr der Restrukturierung, erst 2025 dürfte es wieder bergauf gehen“, schätzt er.
Birkens Nachfolgerin Petra Scharner-Wolff soll dann die Otto Group zu neuen Höhen führen. Scharner-Wolff startete ihre Karriere nach dem BWL-Studium in Göttingen bei der Gruppe Nymphenburg. 1999 wechselte sie ins Controlling der Otto Group. Als Geschäftsführerin der Versandtochter Schwab sammelte sie Handelserfahrung, bevor sie 2015 in den Konzernvorstand berufen wurde. Hier war sie für Finanzen, Controlling und Personal zuständig. „Deshalb sehe ich sie als prädestiniert für die neue Aufgabe“, sagt Michael Otto. Er nennt sie eine „herausragende Führungskraft“, die in vielfacher Hinsicht Zeichen für das Unternehmen gesetzt habe.
Neue Vorständin für Finanzen, Controlling und Personal wird Katy Roewer. Die 48-jährige Diplomkauffrau ist ebenfalls seit vielen Jahren im Unternehmen. Sie wird die neue Aufgabe wie ihren bisherigen Job als Bereichsvorständin in Teilzeit auf 80 Prozent machen.
Scharner-Wolff formuliert ihr Credo für die kommende Aufgabe so: „Es hat keinen Sinn, ständig nur daran zu denken, was alles schwierig ist, sondern wir müssen schauen, was wir selbst bewegen können.“ Die 52-Jährige setzt ihre Hoffnungen auch auf neue Technologien. Künstliche Intelligenz könne auch für die Otto Group eine Chance und ein Treiber für den Onlinehandel sein. „Und dann werden wir irgendwann auch wieder den Rückenwind vom Markt zu spüren bekommen“, hofft sie.
Erstpublikation: 11.03.2024, 12:00 Uhr.