E-Commerce: Türkische Mode-App Trendyol fordert Zalando und About You heraus
Der Trendyol-Manager kündigt an: „Bis Ende des Jahres werden wir 200 Mitarbeiter in Berlin haben, insbesondere in der Entwicklung, in der Datenanalyse und im Marketing.“
Foto: HandelsblattDüsseldorf, Istanbul. Während bei vielen Onlinehändlern der Coronaboom abebbt, kennt die türkische Mode-App Trendyol keine Wachstumssorgen. „Wir haben im vergangenen Jahr 90 Millionen Euro in Deutschland umgesetzt, dieses Jahr werden es schon 400 Millionen Euro sein“, sagt Caglayan Cetin, Präsident der Trendyol-Gruppe. „Und nächstes Jahr werden wir die Zahl hoffentlich noch mal verdoppeln“, kündigt er an.
Doch nun sei der richtige Zeitpunkt, das Wachstum zu forcieren. Der Onlinehändler hat eine Niederlassung in Berlin gegründet. „Bis Ende des Jahres werden wir 200 Mitarbeiter in Berlin haben, insbesondere in der Entwicklung, in der Datenanalyse und im Marketing“, sagt der Trendyol-Präsident. Büros in Amsterdam und Luxemburg sollen im Laufe des Jahres folgen, 2023 ein weiteres in London.
Bei der Expansion wird das Unternehmen hauptsächlich auf die eigene App setzen – und damit den bisherigen Partnern wie About You und Zalando direkte Konkurrenz machen. „In Deutschland haben jetzt schon eine Million Kunden unsere App runtergeladen“, sagt Cetin. Bis 2025 soll der Umsatz dann bei mehr als drei Milliarden Euro liegen.
Investoren bewerten Trendyol mit 16,5 Milliarden US-Dollar
In der Türkei ist Trendyol bereits selbst eine Plattform, auf der andere Händler ihre Waren anbieten. Das plant das Unternehmen mittelfristig auch für den deutschen Markt. Trendyol möchte später auch stationäre Händler anbinden – ein wichtiger Ansatz in der Strategie des großen Konkurrenten Zalando.
Bei der Expansion wird das Unternehmen hauptsächlich auf die eigene App setzen.
Foto: Screenshot iTunesRund 500 Millionen Euro will Trendyol in die Expansion in Deutschland und weiteren europäischen Ländern investieren. Die Finanzmittel dafür hat das Unternehmen bereits eingesammelt: Im August stellten Investoren, darunter General Atlantic und Softbank, 1,5 Milliarden US-Dollar (circa 1,4 Milliarden Euro) Kapital zur Verfügung. Kurz zuvor hatte der strategische Partner und Mehrheitseigner Alibaba, einer der größten Onlinehändler der Welt, weitere 350 Millionen US-Dollar in Trendyol investiert.
Bei der Finanzierungsrunde wurde das Unternehmen dann mit 16,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Damit ist das von der Unternehmerin Demet Mutlu 2010 gegründete Trendyol ein sogenanntes Decacorn, ein Start-up mit einer Bewertung von mehr als zehn Milliarden US-Dollar.
„Wir sehen echtes Potenzial für das Unternehmen, sein bereits beträchtliches Wachstum im regionalen und globalen E-Commerce-Bereich zu beschleunigen“, sagt Melis Kahya Akar, Managing Director bei General Atlantic. Und Anthony Doeh, Partner bei Softbank Investment Advisers, lobt, dass Trendyol „nahtlos E-Commerce, Zahlungsdienst und Lieferung integriert“ und dass diese Services auch in neue Märkte skalierbar seien. So hat das Unternehmen im Heimatmarkt einen eigenen Zustellservice unter dem Namen Trendyol Express, den es mittelfristig auch in Deutschland etablieren will, um nicht auf die Paketdienste angewiesen zu sein.
In der Türkei liegt Trendyol deutlich vor Amazon
Ein wichtiges Argument für die hohe Bewertung: Trendyol ist in der Türkei kein reiner Modehändler, sondern bietet ähnlich wie Amazon auf seiner Plattform eine breite Produktpalette. Im Heimatmarkt verkaufen 230.000 Händler über die Plattform jeden Tag mehr als eine Million Produkte. „Wir haben die Technologie und das Know-how, das auch auf Deutschland und Europa übertragen zu können“, sagt Cetin.
Dass Trendyol es in der Türkei schafft, Amazon weitgehend aus dem Land zu halten, liegt aber nicht nur an der eigenen Plattform, sondern auch an der wirtschaftlichen Situation. So lohnt es sich für Amazon kaum, Produkte in der schwachen türkischen Landeswährung Lira zu verkaufen, weil dadurch die Marge zu gering ist.
Ein weiterer Effekt der schwachen Lira ist, dass sich Tech-Start-ups in der Türkei gut vergrößern können und Firmen aktiver Skaleneffekte suchen – also mit möglichst geringen Investitionen mehr Produkte verkaufen wollen. Außerdem werden Start-ups in der Türkei häufig in Euro und US-Dollar finanziert. Das sorgt auch in Krisenzeiten für eine stabile finanzielle Ausstattung und zieht Topstudenten als neue Mitarbeiter an – einige der besten Köpfe des Landes führen inzwischen die türkischen Tech-Giganten an.
Wegen dieser Besonderheiten ist trotz des Erfolgs auf dem Heimatmarkt offen, ob es Trendyol auch in anderen europäischen Ländern schafft, aus der Textil-Nische auszubrechen und den großen Marktplätzen Konkurrenz zu machen. Dass in Märkten wie Deutschland andere Bedingungen herrschen als in der Türkei, bekommt derzeit zum Beispiel der türkische Lebensmittellieferdienst Getir zu spüren, der viel Personal abbauen will. Doch Trendyol-Manager Cetin sagt selbstbewusst: „Langfristig wollen wir in Europa nicht nur Mode verkaufen, sondern uns als allgemeine Plattform für die verschiedensten Waren etablieren.“
Mode-App Shein ist Vorbild für Trendyol
Vorerst aber soll das Modebusiness das Wachstum in Deutschland bringen. Trendyol sieht seinen größten Vorteil in den direkten Beziehungen zur türkischen Textilindustrie. Das Unternehmen hat rund 300 Lieferanten in der Türkei, die ihre Mode herstellen, und zahlreiche andere türkische Marken, die mit ihnen zusammenarbeiten. „Für die werden wir der Türöffner für den europäischen Markt sein“, so Cetin.
Vorbild für Trendyol ist der erfolgreiche chinesische Anbieter Shein, der mit extrem billiger, aber sehr trendiger Mode auch in Deutschland vor allem eine ganz junge Zielgruppe begeistert. Shein hat das Fast-Fashion-Prinzip auf die Spitze getrieben und bietet praktisch täglich wechselnde Kollektionen an.
Auch Trendyol verfolgt mittels Datenanalyse stets die neuesten Trends und setzt diese dann mithilfe der Lieferanten in kürzester Zeit in eigene Produkte um. „Dabei haben wir den Vorteil, dass wir kurze Wege von der Produktion in die neuen Märkte haben“, erklärt Cetin.
Um die Lieferzeiten nach Europa weiter zu verkürzen, baut das Unternehmen gerade ein Lieferzentrum in Istanbul direkt am Flughafen. Für den deutschen Markt soll zusätzlich in Zentraleuropa ein Lager mit 65.000 Quadratmeter Fläche gebaut werden.
Doch gerade die Orientierung an Shein ist zugleich die größte Gefahr für Trendyol. Der chinesische Anbieter ist nicht nur für seine niedrigen Preise bekannt, sondern auch für die häufig sehr fragwürdige Qualität.
Cetin ist das durchaus bewusst, denn er betont: „Wenn man bei der Qualität nachlässt, hat man den deutschen Kunden verloren.“
Mehr: Deutschlands zweitgrößter Onlinehändler kassiert Prognose – wie die Boombranche E-Commerce bremst