Flugzeughersteller: Airbus und IG Metall einigen sich auf Umbauplan – Streiks abgewendet
Gewerkschaftsangehörige bei einem ersten Warnstreik im Dezember.
Foto: dpaHamburg. Im Konflikt um den Umbau der zivilen Flugzeugfertigung in Deutschland haben sich Airbus und die IG Metall auf ein Ergebnis geeinigt. Die wichtigsten Bestandteile des Kompromisses sind: Airbus gründet zum 1. Juli wie geplant ein deutsches Unternehmen, in dem der bisher verstreute Bau von Komponenten gebündelt werden soll.
Für die Fertigung der vorgelagerten Einzelteile der Zuliefertochter Premium Aerotec mit Standorten in Augsburg, Varel und Rumänien will Airbus gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern ein Übernahmeangebot des deutschen Familienunternehmens Muhr und Bender (Mubea) prüfen. Und bis 2030 soll es bei dem neuen Airbus-Unternehmen sowie bei Airbus Operations keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Zudem sollen die deutschen Standorte weiterentwickelt werden.
„Mit dem jetzt erzielten Ergebnis haben wir die viel beschworene Win-win-Situation erreicht“, sagte Daniel Friedrich, Bezirksleiter IG Metall Küste, am Dienstagvormittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Unternehmensvertretern in Hamburg: „Wir haben für die Beschäftigten Sicherheit und Perspektive erreicht. Es ist ein fairer Kompromiss, der die Grundlage für das gemeinsame Verhandeln ist.“
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„Für die Einzelteilfertigung liegt ein Angebot von Mubea vor, die ein langfristiges Konzept haben“, sagte Lars Immisch, Konzernpersonalleiter Airbus in Deutschland. Man werde dieses Angebot mit Mubea und den Arbeitnehmervertretern prüfen. „Wir treffen eine Entscheidung gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern“, versprach er.
Der in 18-stündigen Verhandlungen erzielte Kompromiss ist wichtig für beide Seiten. Zum einen können rund 13.000 Beschäftigte von Airbus in Deutschland vorerst aufatmen und bekommen etwas mehr Sicherheit, was ihren Job angeht. Zum anderen hat das Management ein Thema aus dem Weg geräumt, das den geplanten Hochlauf der Fertigung empfindlich stören könnte. Schließlich hatte die IG Metall mit langen Streiks gedroht.
Umbau bei den Zulieferern von Airbus
Seit Monaten verhandeln Gewerkschaftsvertreter und das Management von Airbus über die Zukunft der Teilefertigung in Deutschland. Airbus bekommt nicht nur von Zulieferfirmen Komponenten und Teile, zum Konzern gehören auch eigene Zulieferbetriebe. Deren Struktur will Airbus-Chef Guillaume Faury umbauen.
So zählen der Bau von Einzelteilen und kleinen Komponenten in Augsburg, in Varel und in Rumänien für das Führungsteam des europäischen Luftfahrtunternehmens nicht mehr zur Kernkompetenz, wenngleich sie natürlich auch weiterhin für den Bau von Verkehrsflugzeugen benötigt werden.
Dagegen soll die Montage von Flugzeugrümpfen und -strukturen in einem neuen Tochterunternehmen konsolidiert und enger an den Konzern angebunden werden. Faury verspricht sich dadurch eine höhere Effizienz und hofft, künftig schneller und besser komplett neue Flugzeugmuster mit neuen Antrieben entwickeln zu können – etwa mit Wasserstoff gespeiste Triebwerke.
Nicht nur die Betriebe von Premium Aerotec sind betroffen, auch die sogenannte Airbus Operations. Entsprechend alarmiert ist die Gewerkschaft IG Metall. Sie fürchtet bei einer Auslagerung und einem Verkauf an einen Investoren eine Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Deutschland in Richtung Niedriglohnländer. Die Gewerkschaft hatte dem Management bereits im vergangenen Herbst vorgeworfen, in den Verhandlungen von Zusagen wieder zurückgetreten zu sein. Zwischenzeitlich schienen die Gespräche festgefahren zu sein.
Deutsche Standorte sollen auch künftige Modelle von Airbus bauen
Deshalb hatten die Arbeitnehmervertreter die Belegschaft im Dezember zu umfangreichen Warnstreiks aufgerufen. Rund 14.000 Mitarbeiter hatten daran teilgenommen.
Der Arbeitskampf hatte wiederum Airbus-Chef Faury erzürnt. In einem Schreiben an die Mitarbeiter hatte er auf die Leistungen der Belegschaft während der Pandemie verwiesen: „Dass diese enorme Gemeinschaftsleistung nun infrage gestellt wird, indem Aktivitäten blockiert werden, finden wir unangemessen und respektlos gegenüber all jenen, die Tag für Tag so viel für Airbus geben.“
Seitdem hatte es aber wieder Bewegung in den Verhandlungen gegeben. So hatten Gewerkschaften nach der letzten Gesprächsrunde am 14. Januar bereits von „ersten Fortschritten“ gesprochen.
Gewerkschaft und Betriebsrat hatten befürchtet, dass Airbus Einzelteile und größere Komponenten für Flugzeuge der nächsten Generation, also die Nachfolger des Kurz- und Mittelstreckenjets A320, in Asien statt in Deutschland und Europa fertigen lassen wird.
Airbus plant, bis 2035 ein marktreifes Passagierflugzeug mit Wasserstoffantrieb auf den Markt zu bringen. Mit der Einigung sehen die Arbeitnehmervertreter nun die Chance, auch am Bau eines komplett neuen Flugzeugmusters beteiligt zu werden. „Das ist eine gute Grundlage, um gemeinsam an allen Standorten den Produktionshochlauf zu schaffen und am Flugzeug der Zukunft zu arbeiten“, sagte Holger Junge, Konzernbetriebsratsvorsitzender Airbus.