Luftfahrt: Boeing schreibt wegen Dreamliner-Problemen erneut einen Milliardenverlust
Der Produktionsstopp des „Dreamliners“ ist einer der Faktoren, der bei Boeing erneut zu Verlusten führt.
Foto: dpaNew York. Die Pandemie und Produktionsprobleme beim Langstreckenjet 787 „Dreamliner“ haben dem US-Flugzeugbauer Boeing 2021 einen Verlust von 4,3 Milliarden Dollar eingebracht. Damit verzeichnet der Airbus-Konkurrent zum dritten Mal in Folge im Gesamtjahr ein Milliardenminus. Obwohl der Umsatz im zweiten Coronajahr um sieben Prozent auf 62,3 Milliarden Dollar gestiegen ist, schnitt das Unternehmen deutlich schlechter ab als von Analysten erwartet. Einziger Lichtblick: Der US-Konzern hat wieder einen positiven Cashflow ausgewiesen.
Bei Boeing verschiebt sich die erhoffte Trendwende damit vorerst. Der Konzern hat in den vergangenen Jahren mit den Abstürzen der 737 Max, den Auswirkungen der Coronakrise, den Problemen beim Dreamliner und einem Chefwechsel für Skandale und damit Zweifel gesorgt. Analysten hatten erwartet, dass mit den Zahlen nun bessere Nachrichten kommen.
Vor allem der Auslieferungsstopp beim „Dreamliner“ hat sich negativ ausgewirkt. Boeing teilte mit, dass es wegen Verzögerungen bei den Auslieferungen eine Zusatzbelastung von 3,5 Milliarden Dollar im vierten Quartal verbucht hat. Das hat zu einem Quartalsverlust von 4,54 Milliarden Dollar geführt. Boeing liefert den Dreamliner seit Mai nicht mehr aus. Für das laufende Jahr gibt Boeing keine finanzielle Prognose ab, anders als Zulieferer wie General Electric oder Raytheon Technologies.
Der Konzern schätzt die Kosten für die Überprüfungen und Überarbeitungen rund um die Produktion des Dreamliners auf insgesamt zwei Milliarden Dollar. Boeing rechnet damit, dass sich diese Arbeit noch bis Ende des kommenden Jahres hinziehen wird. Der Hersteller teilte mit, man sei in detaillierten Gesprächen mit der Flugaufsicht FAA über die notwendigen Maßnahmen, um die Maschinen ausliefern zu können. Es gab keine Angabe, wann das passieren könnte.
„Da sind wir wieder. So, wie wir es mit der 737 Max gesehen haben, häuft Boeing jetzt bei der 787 massive Kosten an, mit keinem klaren Ende in Sicht und dem Schicksal in den Händen der FAA“, schrieb Analyst Rob Stallard von Vertical Research Partners an seine Kunden. Die Unsicherheit rund um den Dreamliner mache aus der Boeing-Aktie eine „weitaus risikoreichere“ Investition als andere Qualitätsnamen aus der Luftfahrt.
Trotz Absatzkrise investiert Boeing in Flugtaxi-Start-up
Das überarbeitete Unglücksmodell 737 Max darf seit November 2020 wieder ausgeliefert werden. „Wir haben Produktion und Auslieferungen hochgefahren und den 737 Max in fast allen Märkten weltweit sicher wieder in Betrieb gebracht“, sagte Boeing-CEO und Präsident David Calhoun. Im vierten Quartal haben Fluggesellschaften von dem einst extrem beliebten Mittelstreckenflieger insgesamt 164 bestellt.
Trotz der Probleme und der schlechten finanziellen Lage hat Boeing diese Woche mit der Ankündigung überrascht, umgerechnet knapp 400 Millionen Euro in das Flugtaxi-Start-up Wisk zu investieren. Der US-Konzern will sich damit vor allem einen Einblick in die Technik der autonomen Flugzeuge kaufen. Während Airbus daran intern arbeitet, kauft Boeing das Know-how ein.
>> Airbus hat Boeing 2021 zum dritten Mal in Folge distanziert. Lesen Sie hier, warum den US-Konzern trotzdem noch niemand abschreiben sollte.
Laut Boeings Chefstratege Marc Allen wird der Flugzeughersteller Wisk nicht nur finanziell, sondern auch technisch unterstützen. Das Start-up entwickelt derzeit ein viersitziges elektrisches Flugzeug und strebt die Betriebserlaubnis durch die US-Behörden an. Miteigentümer Wisks ist die Kitty Hawk Corp, ein Flugtaxi-Pionier, der von Google-Mitbegründer Larry Page finanziert und vom Deutschen Sebastian Thrun geleitet wird. Der war zuvor an der Entwicklung von selbstfahrenden Autos bei Google beteiligt.
„Mit der Investition in Wisk hat Boeing sich entschieden, die Technologie für selbstfliegende Flugzeuge lieber zu kaufen als selbst aufzubauen. Das ist ein risikoreicher und fragwürdiger Schritt“, meint der Luftfahrtexperte Henry Harteveldt von der Atmosphere Research Group. Es sei unklar, ob selbstfliegende Flugzeuge unternehmerisch Sinn ergeben und ob die Flugaufsicht FAA und die Kunden sie akzeptieren werden, gibt er zu bedenken.
Auch die Investition in einen neuen Geschäftszweig an sich hinterfragt der Analyst: „Boeing hat mindestens zwei neue Flugzeugprojekte in die Schublade geräumt“, bemerkt Harteveldt. „In der Zwischenzeit hat Airbus ein viel breiteres Produktportfolio und sichert sich damit mehr Orders bei den Fluggesellschaften“. Zuletzt waren auch bei vielen Investoren immer mehr Zweifel an den vielen Flugtaxi-Start-ups aufgekommen.