1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Handel + Konsumgüter
  4. HHLA: Reederei MSC will beim Hamburger Hafen einsteigen

HHLAReederei MSC will beim Hamburger Hafen einsteigen

Die Reederei MSC plant den Einstieg beim Hamburger Hafen – eine strategische Vereinbarung mit der Hansestadt steht bereits. Hapag-Lloyd-Aktionär Kühne schäumt und plant eine Gegenofferte.Julian Olk, Arno Schütze, Christoph Schlautmann 14.09.2023 - 07:45 Uhr Artikel anhören

Großaktionär Klaus-Michael Kühne fordert ein Gegenangebot für HHLA.

Foto: dpa

Berlin, Frankfurt, Düsseldorf. Der geplante Teilverkauf des Hamburger Hafenbetreibers HHLA an die Schweizer Reederei MSC sorgt in der Hansestadt für Ärger. „Diese Lösung ist ein Affront vor allem gegen Hapag-Lloyd als größter Nutzer und damit größter Reederei-Kunde des Hamburger Hafens“, kritisierte der Schweizer Milliardär Klaus-Michael Kühne am Mittwoch.

Der 86-Jährige ist mit 30 Prozent Großaktionär der Hamburger Container-Reederei Hapag-Lloyd und hatte zuletzt in mehreren Zeitungsinterviews ein eigenes Interesse am Erwerb der HHLA bekundet.

„Ich kann Hapag-Lloyd nur dringend raten, selbst und sofort ein Übernahmeangebot für 49,9 Prozent der HHLA-Aktien abzugeben“, erklärte Kühne nach der Veröffentlichung des MSC-Angebots. „Wenn Hapag-Lloyd es nicht tun würde, erwägt meine Kühne Holding AG, es kurzfristig zu tun.“

Ob ein solches Gegenangebot überhaupt eine Chance hätte, ist ungewiss. Laut MSC, mit 759 Containerschiffen die Nummer eins auf den Weltmeeren, besteht mit der Hansestadt bereits eine „verbindliche Vereinbarung“, die grundlegende Bedingungen des Übernahmeangebots „sowie die gemeinsamen Absichten und Übereinkünfte der Parteien im Hinblick auf die Gesellschaft regelt“.

MSC und die Stadt hatten die Partnerschaft Mittwochfrüh überraschend bekannt gegeben. Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz bietet pro Wertpapier der an der Börse gehandelten HHLA 16,75 Euro. Die HHLA wird dabei inklusive 1,4 Milliarden an Schulden mit 2,6 Milliarden Euro bewertet, was dem 11,8-Fachen des Betriebsgewinns (Ebit) von 2022 entspricht.

Eine Mindestannahme-Schwelle nannte MSC nicht, um Spekulationen an der Börse zu vermeiden. Der Vereinbarung zufolge soll der Stadtstaat aber weiterhin 50,1 Prozent an der HHLA und damit die Kontrolle behalten.

Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) wies noch am Nachmittag Kühnes Aussagen in aller Deutlichkeit zurück. „Ich kann darin keinen Affront erkennen“, sagte sie dem Handelsblatt. Das Konzept mit MSC diene der HHLA und dem Hafenstandort.

Reederei MSC will mehr Container in Hamburg umschlagen

Schließlich machte MSC in der zunächst auf 40 Jahre angelegten Partnerschaft Zusagen zur Auslastung der HHLA. Der Hamburger Hafen steht unter scharfem Konkurrenzdruck von anderen Häfen wie Rotterdam oder Antwerpen.

MSC verpflichte sich, ab 2025 jährlich 500.000 Standardcontainer über die HHLA zu verschiffen, bis 2030 soll sich das Volumen auf eine Million Standardcontainer (TEU) verdoppeln. Zur Einordnung: 2022 schlug die HHLA in ihren Häfen, zu denen auch Terminals in Odessa, Triest und Tallinn zählen, gerade einmal 6,4 Millionen TEU um.

Zugleich baut MSC in Hamburg seine Deutschlandzentrale auf, von wo aus der Konzern künftig auch das deutsche Fracht-, Logistik- und Kreuzfahrtgeschäft (MSC Cruises) steuern und damit 300 Arbeitsplätze schaffen will.

MSC-Vorstandschef Soren Toft, der den Deal am Mittwoch verkündete, gilt als versierter Kenner der Hansestadt. 2017 hatte der heute 49-jährige Däne, der damals noch als COO für die Kopenhagener Reederei Maersk tätig war, die Übernahme von Oetkers Container-Reederei Hamburg Süd eingefädelt.

Hapag-Lloyd ließ eine Anfrage zu Kühnes Vorstoß für eine Gegenofferte unbeantwortet. „Hapag-Lloyd nimmt die Ankündigung der HHLA zur Abgabe eines freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebots durch die MSC-Gruppe zur Kenntnis“, sagte der Chef der Hamburger Reederei Rolf Habben Jansen lediglich. „Wir gehen davon aus, dass dies unsere Zusammenarbeit mit der HHLA nicht beeinträchtigen wird.“

Doch die Kritik an dem Deal, der aufseiten der Hansestadt von Rothschild sowie Allen Overy vorbereitet wurde, während MSC von der Commerzbank und Freshfields Unterstützung erhielt, ist unüberhörbar. 

So wirft Kühne dem Senat seiner Geburtsstadt Halbherzigkeit vor. „Die unternehmerische Führung der HHLA liegt weiterhin bei der Stadt Hamburg nach dem Motto ,Hafenwirtschaft gleich Staatswirtschaft‘“, monierte der Mehrheitseigner des Speditionsriesen Kühne + Nagel, der seine Zentrale aus Steuergründen neben Kühnes Wohnsitz in Schindellegi am Zürichsee betreibt.

„Ersten Zugriff auf eine Minderheitsbeteiligung an der HHLA hätte man natürlich einem echten Hamburger Unternehmen wie Hapag-Lloyd einräumen müssen“, forderte Kühne. Zudem seien die Interessen seiner Schweizer Kühne Holding AG bekannt.

Kritik kommt auch von der Opposition am MSC-Einstieg bei HHLA

Dass Kühne noch in den vergangenen Tagen in Zeitungsinterviews angeboten hatte, mit seiner Holding oder Hapag-Lloyd die HHLA-Mehrheit zu übernehmen, lässt darauf schließen, dass er in die Verkaufspläne eingeweiht war. Er selbst sagt dazu nichts.

Nach Handelsblatt-Informationen aus Senatskreisen habe man Hapag-Lloyd noch vor MSC die Minderheitsbeteiligung angeboten. Die habe aber auf die Komplettübernahme bestanden, was für den Senat keine Option war.

Als Kaufpreis hatte der für seine Sparsamkeit bekannte Spediteur und Lufthansa-Großaktionär Kühne öffentlich eine halbe Milliarde Euro in Aussicht gestellt, was der Hansestadt zudem offenbar nicht genügte. Der nun avisierte Deal mit dem Rivalen MSC bewertet den Hamburger Hafenbetreiber mit mindestens 200 Millionen Euro mehr.

Aber auch Kühnes angepasste Offerte, nur 49,9 Prozent an HHLA übernehmen zu wollen, blockte Wirtschaftssenatorin Leonhard gleich ab. Sie verwies darauf, dass derzeit nur rund 30 Prozent der HHLA-Aktien am Kapitalmarkt gehandelt würden. Rund 70 Prozent gehören der Stadt Hamburg, und der Senat bekenne sich weiter klar zu MSC. „Herr Kühne scheint also auf 49 Prozent bieten zu wollen, die derzeit gar nicht im Angebot sind.“

Der gebürtige Hamburger ist Großaktionär des MSC-Rivalen Hapag-Lloyd.

Foto: dpa

Massive Kritik kommt dennoch vom hafenpolitischen Berichterstatter der FDP-Bundestagsfraktion und Hamburger Bundestagsabgeordneten Michael Kruse in Richtung des Ersten Bürgermeisters Peter Tschentscher (SPD). „Der Bürgermeister verschleudert HHLA für ’n Appel und ’n Ei und verbaut die Zukunft des Hamburger Hafens“, monierte er. „Die jahrelange hafenpolitische Tatenlosigkeit hat den Bürgermeister unter Druck gesetzt und lässt ihn jetzt eine unausgegorene Konstruktion präsentieren“, glaubt Kruse.

Die Beteiligung der MSC am Mutterkonzern der HHLA mache die intensivere Anbindung weiterer Reedereien an den Standort unmöglich und stoße ausgerechnet die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd brüsk vor den Kopf. Gleichzeitig werde die HHLA durch diese Beteiligung nicht einmal auf ihren alten Wert zurückgeführt, kritisierte er.

Im November 2007 war der Hafenbetreiber mit einem Wert von 4,4 Milliarden Euro auf dem Börsenparkett gestartet. Vor der MSC-Offerte wurde er nur noch mit gerade einmal 840 Millionen Euro gehandelt, das Übernahmeangebot verbesserte den aktuellen Börsenwert auf gerade einmal 1,21 Milliarden Euro.

„Die Hamburgerinnen und Hamburger kann nur noch ein höheres Angebot einer anderen Reederei schützen“, ist sich Kruse mit dem gebürtigen Hamburger Klaus-Michael Kühne einig. Tatsächlich ließ die Ankündigung eines Gegengebots den HHLA-Kurs am Mittwoch auf 17,20 Euro steigen, der damit fast einen halben Euro höher lag als die Offerte von MSC.

Die Verantwortlichen des rot-grün geführten Hamburger Senats bemühten sich zuvor in einer Pressekonferenz, die Wogen zu glätten: „Das ist eine Partnerschaft, die sich gegen niemanden richtet“, sagte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). „Wir wollen die Partnerschaft mit Hapag-Lloyd weiterführen.“ Man habe mit MSC wichtige Standort- und Arbeitsplatzgarantien vereinbart. Die Stadt behalte zudem das Vorschlagsrecht für die CEO-Position und den Aufsichtsratsvorsitz bei HHLA.

Berlin dürfte sich nicht in MSC-Einstieg bei HHLA einmischen

Pikant ist der Deal dennoch: An der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, die nach Meinung ihres Großaktionärs Kühne der Hauptleidtragende des Deals ist, hält die Hansestadt selbst 13,9 Prozent der Anteile. Im Frühjahr bescherte ihr dies eine Dividende von 1,5 Milliarden Euro. Ein Rückschlag für das Seefahrtsunternehmen träfe damit die Stadtkasse unmittelbar.

Zudem ist Hapag-Lloyd seit Jahren Minderheitsgesellschafter am HHLA-Containerterminal Altenwerder (CTA). Über den modernsten Terminal im Hamburger Hafen wird nun vorrangig der Schweizer Wettbewerber bestimmen.

Zwar müssen die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), die Kartellbehörden und die Hamburgische Bürgerschaft der Vereinbarung noch zustimmen. Zumindest ein Veto durch die Bundesregierung ist jedoch nicht zu erwarten.

Der Hamburger Port ist seit dem Einstieg der chinesischen Staatsreederei Cosco am Terminal Tollerort – einem der insgesamt drei HHLA-Terminals im Elbhafen – zwar in den Berliner Fokus gerückt. Doch hinter der Schweizer MSC steht eine italienische Eigentümerfamilie.

Gegründet wurde die Mediterranean Shipping Company, so der offizielle Reedereiname, 1970 von dem neapolitanischen Seemann und Marineoffizier Gianluigi Aponte. Der heute 83-jährige Multimilliardär war zwar nach der Heirat mit seiner Schweizer Ehefrau nach Genf gezogen, gilt aber als EU-Bürger. Obwohl es sich bei den HHLA-Terminals um kritische Infrastruktur handelt, dürfte es deshalb keine gesonderte Investitionsprüfung seitens des Bundes geben.

Der Einstieg der Großreeederei beim Hafenbetreiber HHLA sorgt für Unruhe.

Foto: imago images/Rupert Oberhäuser

Ohnehin bewertet Berlin die Ankündigung grundsätzlich positiv. Der Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Dieter Janecek (Grüne), sagte dem Handelsblatt: „Das Übernahmeangebot ist ein gutes Signal und zeigt die Attraktivität des Hamburger Hafens als Zukunftsstandort für Logistik und die maritime Wirtschaft insgesamt.“ Generell sei an den deutschen Häfen eine „Aufbruchstimmung“ zu erkennen.

In Hamburg dürfte sich Janecek mit dieser Ansicht eher in der Minderheit befinden. Erst Ende Juli gab die HHLA eine Gewinnwarnung für das laufende Jahr heraus, weil das Unternehmen in diesem Jahr mit einem starken Rückgang beim Containerumschlag rechnet. Schon länger verliert der Elbhafen Marktanteile an seine größeren Konkurrenten Rotterdam und Antwerpen.

Verwandte Themen
Hapag-Lloyd
Hamburg
SPD
Berlin

Zudem hinterlassen die Wirtschaftsflaute in Deutschland und das Russland-Embargo Kratzer in der Bilanz. So sackte im ersten Halbjahr 2023 der Betriebsgewinn um mehr als 55 Prozent ab.

Erstpublikation: 13.09.2023, 08:16 Uhr (zuletzt aktualisiert: 13.09.2023, 16:19 Uhr).

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt