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MilliardenbewertungGorillas: Superschneller App-Supermarkt erreicht Einhorn-Status im Eiltempo

Der Berliner Gründer Kagan Sümer sammelt 244 Millionen Euro ein – nur wenige Monate nach dem Start. Damit erreicht Gorillas eine Milliardenbewertung.Larissa Holzki und Christoph Kapalschinski 25.03.2021 - 17:36 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der Online-Supermarkt liefert Bestellungen innerhalb von Minuten zu den Kunden nach Hause.

Foto: Gorillas

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf, Hamburg. Kagan Sümer hat ein Unternehmen gegründet, das für seine Schnelligkeit berühmt werden soll. Bis heute galt das vor allem für die Lieferzeit: Gorillas bringt Supermarkteinkäufe in unter zehn Minuten zu den Kunden nach Hause. Jetzt hat Sümer einen neuen Rekord aufgestellt: So schnell wie er hat in Deutschland noch nie ein Gründer sein Start-up zum Einhorn gemacht. Die Bewertung stieg innerhalb eines Jahres von null auf mehr als eine Milliarde Dollar.

Auch das Gespräch des Gründers mit dem Handelsblatt verläuft im Eiltempo. Sümer erwartet noch einen wichtigen Anruf und hat viel zu erzählen – von dem Hype, den er nach Deutschland gebracht hat. Im Frühjahr 2020 hat er die ersten Waren noch von seiner Wohnung aus geliefert.

Jetzt bekommt er weitere 244 Millionen Euro und will in Europa und sogar New York expandieren. Mit an Bord ist der chinesische E-Commerce-Riese Tencent, dazu der renommierte Fonds Coatue und DST Global. Auch frühe Investoren wie Atlantic Food Labs aus Berlin legten mit frischem Kapital nach.

Sümers Geschichte ist die eines klassischen Selfmade-Gründers. Beredt berichtet der 33-Jährige von seiner Kindheit in Istanbul. Schon dort habe seine Mutter aus dem Küchenfenster per Zuruf beim Kiosk gegenüber eingekauft. Knapp drei Jahrzehnte später will er die allzu schöne Anekdote ins Digitalzeitalter überführen. Mitte 2019 begann er, seinen Lieferdienst aufzubauen. Anfangs, so berichtet er, habe der Balkon als Kühlhaus gedient. Die ersten Werbezettel habe er selbst ausgeschnitten und verteilt, bis heute fahre er in Stoßzeiten Waren mit dem E-Bike aus.

Diese Passion überzeugte die ersten Investoren mehr als das Geschäftsmodell. Das berichtet einer der ersten Geldgeber. Sümer habe sogar Gespräche zur Finanzierung kurzfristig platzen lassen, um selbst auszuliefern. Ihm sei wichtig, dass Gorillas stets sein Schnelligkeitsversprechen halte – auch um Kunden dazu zu bringen, ihren Freunden von dem Modell zu berichten.

„Obwohl wir als Organisation nicht auf Bewertungsziele hinarbeiten, begeistert uns der Einhorn-Status natürlich als Team.“

Foto: Gorillas

Foto: Handelsblatt

Doch nicht nur das überzeugt die Investoren. Jenseits der schönen Geschichten hat Gorillas knallharte Vorbilder. Es zeichnet sich ein Rennen um die Großstädte ab. Gorillas steckt bereits seine Gebiete ab: Im Wochentakt kommen neue Läger dazu. In Hamburg, Berlin, Köln, München und Düsseldorf liefert Sümer bereits. Die größten niederländischen Städte sind innerhalb weniger Tage dazugekommen. Auch auf dem umkämpften Londoner Markt hat Gorillas zwei Standorte.

Flink ist der Hauptkonkurrent in Deutschland

Der Hauptgegner in Deutschland ist erst zum Jahresbeginn gestartet: Flink, das zuletzt 43 Millionen Euro eingesammelt hat. Die stärkste Konkurrenz wächst jedoch in den USA. Vorreiter GoPuff meldete vergangene Woche eine Mega-Finanzierungsrunde über 1,9 Milliarden Dollar.

„Lebensmittel sind vor allem wegen der enormen Größe des Marktes interessant“, sagt Jan Miczaika vom deutschen Geldgeber HV Capital. „Eine Zeitlang hatten die Investoren das Interesse am E-Commerce allerdings verloren, weil es so schien, als sei der Handel bereits weitgehend digitalisiert. Das hat sich geändert“, sagt HV-Partner Miczaika, der an Gorillas nicht beteiligt ist. Anders als die alte Generation der Lieferdienste wie Rewe Digital und Bringmeister könnten sich die neuen superschnellen Supermärkte rechnen, glaubt Miczaika.

Bei seiner Mission hilft Sümer seine Erfahrung aus kurzen Stationen als Berater und bei Rocket Internet. Zudem nutzt er intelligent Vorbilder: Das Modell ist in seiner Heimatstadt Istanbul bereits erfolgreich – hier konnte sich Sümer einiges abschauen. Auch für die E-Commerce-App hat er Kontakte in den Nahen Osten geknüpft, um eine bestehende Software zu lizensieren und auszubauen. Daher ist die App bislang noch in englischer Sprache.

Nach außen betont er lieber den Teamgeist: „Obwohl wir als Organisation nicht auf Bewertungsziele hinarbeiten, begeistert uns der Einhorn-Status natürlich als Team. Hier entsteht ein symbolischer Moment, um als Team zu feiern, zu reflektieren, zu träumen – das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Sümer.

Skeptischer sieht Werner Reinartz, Professor und Handelsexperte an der Universität zu Köln, das Geschäftsmodell: „Ob das am Ende profitabel wird, bleibt abzuwarten. Der Spielraum für Liefergebühren ist nicht sehr hoch“, sagt der Experte. Zudem sei der Nutzen der superschnellen Liefermodelle begrenzt, da sie wegen des kleinen Sortiments beispielsweise nicht für den Wochenendeinkauf taugten.

Gorillas-Gründer Sümer ficht solche Kritik nicht an: „Von außen betrachtet sieht es wie eine Herausforderung aus, geradezu unintuitiv auf den ersten Blick. Aber man erkennt die transformative Kraft des Geschäftsmodells, wenn man es ausprobiert.“ Er traut Gorillas viel zu: „Wir können zeitgleich in den USA, in Europa und in Deutschland stark wachsen.“ Der Start in den USA beeinträchtige das Wachstum des noch jungen Geschäfts in der Heimat nicht. „Wir würden das Geld in New York nicht ausgeben, wenn uns das im Heimatmarkt Deutschland bremsen würde.“ Das sei nicht der Fall: „Wir legen uns keine Grenzen auf.“

Gorillas habe ausreichend Spielraum für weitere Finanzierungsrunden – trotz der bereits verkauften Anteile. Schließlich könnten die Erstinvestoren ihren Anteil verwässern. Dabei geht es auch darum, sich eine gute Ausgangslage für zu erwartende Übernahmeschlachten zu verschaffen. „In sechs bis zwölf Monaten wird es eine Konsolidierungswelle unter den superschnellen Lieferdiensten geben“, erwartet HV-Capital-Partner Miczaika. Sümers Anspruch: Er will dann zu den Aufkäufern gehören.

Lieferfahrer gesucht

Die Marketingschlacht läuft bereits an. Am Donnerstag verschickte der Konkurrent Flink eine Mail, laut der das Sortiment nun bei 1600 Produkten liege. Beide Anbieter integrieren auch lokale Angebote – etwa von örtlichen Bäckern. Hinter Flink steht ebenfalls viel Know-how: Mit dabei ist etwa der frühere Home24-Chef Christoph Cordes.

Allerdings müssen Flink und Gorillas nun genügend Lieferfahrer finden – und konkurrieren dabei mit den anderen neuen Lebensmittellieferanten, aber auch etablierten Gastro-Lieferanten wie Lieferando und Kurierdiensten. Dabei bieten beide bislang mit 10,50 Euro je Stunde nicht sonderlich viel Geld – gerade einmal einen Euro mehr als den Mindestlohn vor Trinkgeldern.

Wettmachen will Sümer das, indem er seine Fahrer zu einer „Community“ macht. „Ich möchte, dass die Fahrradkuriere anders wahrgenommen werden. Mir geht es um eine Gemeinschaft. Deshalb spielen wir DJ-Sets in den Lagerstandorten, und wir werden im Foyer der künftigen Firmenzentrale Kunst der Fahrer ausstellen“, sagt Sümer.

Bislang reicht das offenbar nicht aus. Im Internet kursieren Meldungen über zwischenzeitliche Fahrerstreiks in Berlin. „Mich bewegt das persönlich. Mir liegt es sehr am Herzen, dass es den Riders gutgeht. Die Leute sollen mit mir reden. Ich werde die Bedingungen ändern“, sagt Sümer. Mit der Finanzierungsrunde will er knapp eine Million Euro Boni an die Fahrer ausschütten.

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Seinen Mitgründer Jörg Süttner konnte er nicht halten. Dieser schied Anfang des Jahres aus. „Gorillas entwickelt sich im Schnelldurchlauf. Für Jörg war jetzt schon der Zeitpunkt gekommen, zu gehen. Wir sind absolut im Guten miteinander und halten immer noch Kontakt.“

Für ihn sei das eine grundsätzliche Philosophie, sagt Sümer: „Ich sage jedem in meinem Team: Bleibe nur so lange, wie es dir Spaß macht. Nach drei Jahren sollte man etwas Eigenes machen. Ich möchte nicht, dass jemand sechs Jahre arbeitet, um meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen anstelle des eigenen.“

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