Öltanker: USA gehen gegen Russlands Schattenflotte vor
Düsseldorf. Um das Ölembargo gegen Russland, Iran, Venezuela und Nordkorea zu brechen, setzen Reedereien zunehmend schrottreife Tanker ein. Die Schiffe werden auch „dunkle Flotte“ genannt. Dagegen gehen die USA nun vehement vor.
Am vergangenen Freitag setzte das Office of Foreign Assets Control, eine Abteilung des US-Finanzministeriums, Russlands größte Staatsreederei Sovcomflot samt 14 mit dessen Operationen in Verbindung stehende Tanker auf die US-Sanktionsliste.
Die Anordnung blockiert den Zugang von Sovcomflot zu US-Eigentum und hindert US-Einzelpersonen und -Firmen daran, mit dem Unternehmen Geschäfte zu machen. „Heute machen wir den nächsten Schritt, indem wir Russlands größte staatliche Reederei ins Visier nehmen und ihren Schattenoperationen einen schweren Schlag versetzen“, erklärte der stellvertretende Finanzminister Wally Adeyemo.
Seit der Invasion Russlands in die Ukraine vor zwei Jahren ist die dunkle Flotte rasant gewachsen, die üblicherweise aus Schiffen ohne angemessene Versicherung, mit undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen und häufigen Flaggenwechseln zwischen verschiedenen freizügigen Schiffsregistern besteht.
Schätzte die US-Regierung die Anzahl dieser Schiffe 2022 noch auf 257, bezifferte sie der Luxemburger Schiffsmakler BRS in seinem jüngsten Report auf 675 Tanker. Das entspräche 7,4 Prozent der weltweiten Tankerflotte.
Ölembargo: Sprunghafter Anstieg der Sanktionsbrecher
In Wirklichkeit aber weiß niemand genau, wie viele dieser Schattenschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sind. Zwischen Januar 2021 und Dezember 2023 waren, so berechnete es die maritime Beratungsfirma Vortexa, 1649 Schiffe auf dem undurchsichtigen Markt im Einsatz. Darunter waren 1089 Tanker, die russisches Rohöl transportieren.
Allein Russland soll seit der Invasion 2,1 Milliarden Euro ausgegeben haben, um eine eigene dunkle Tankerflotte mit 100 Schiffen aufzubauen. Und allein im Herbstquartal 2023 sollen mehr als 100 Millionen Barrel an sanktioniertem Öl, Benzin und Diesel transportiert worden sein, ermittelte die Ratingagentur Standard & Poor’s.
Nur Rohöl für unter 60 Dollar pro Barrel erlaubt
Der starke Anstieg liegt vor allem an den Sanktionen gegen Russland. Verhängt worden waren sie im Frühjahr 2022 von der G7 sowie Australien als Mitglieder der Koalition für eine Preisobergrenze (Price Cap Coalition), um die Einnahmen für die Kriegskasse Moskaus einzudämmen. Die Industrieländer hatten sich darauf geeinigt, den Preis für die Ölexporte Russlands auf 60 US-Dollar pro Barrel zu begrenzen.
Im vergangenen Dezember verschärfte die Price Cap Coalition zudem die Compliance-Regeln für Versicherungen und Verlader. Sie müssen nun jedes Mal, wenn sie russisches Öl laden, Bescheinigungen von ihren Käufern und Verkäufern vorlegen. Außerdem haben Versicherungs- und Frachtunternehmen diese Dokumente auf Anfrage an weitere Unternehmen in der Lieferkette weiterzugeben.
Doch längst gefährden die Sanktionsbrecher auf See auch massiv den Umweltschutz. Weil neue Schiffe zu wertvoll sind, um sie in der riskanten Schattenflotte einzusetzen, sind viele dieser Tanker eigentlich schon schrottreif. Vor der russischen Invasion in der Ukraine machten Schiffe, die älter als 20 Jahre waren, drei Prozent der weltweiten Tankerflotte aus. Ihr Anteil soll nun bis 2025 auf elf Prozent steigen, erwarten Experten.
„Dunkle“ Tanker werden kaum gewartet
Hinzu kommt: Da sie außerhalb der geltenden Seevorschriften operieren, werden die Sanktionsbrecher keiner regelmäßigen Wartung unterzogen. Gleichzeitig verladen viele Schattentanker ihre Fracht auf hoher See auf andere Schiffe, um den wahren Ursprung zu verschleiern. So beobachtete die norwegische Küstenverwaltung solche Schiff-zu-Schiff-Umladungen vor den Küsten Marokkos und Griechenlands. Dass die Tanker dabei häufig ihre automatischen Identifikationssysteme ausschalten, um ihre Ortung zu erschweren, erhöht das Risiko zusätzlich.
Seither häufen sich die schweren Havarien auf See. So gerieten am 20. Februar 2023 innerhalb weniger Stunden gleich zwei Tanker der Schattenflotte in der Bucht von Gibraltar in Schwierigkeiten und mussten von Schleppern und einem Bergungsschiff unterstützt werden. Beide Tanker hatten kurz zuvor ihren Namen und ihre Flaggenregistrierung geändert, einer in Palau in Ozeanien, der andere in Gabun in Zentralafrika. Da die Schiffe nicht ordnungsgemäß versichert waren, musste Spaniens Staatskasse für die Kosten aufkommen.
Im Mai 2023 war der unter der Flagge Gabuns fahrende Tanker „Pablo Aframax“ vor der Küste Malaysias in Brand geraten, drei Besatzungsmitglieder waren dabei ums Leben gekommen. Der 1997 gebaute Schiffsoldtimer hatte seit 2018 laut TankerTrackers.com 29-mal 16 Millionen Barrel iranisches Öl transportiert.
Und einige Monate zuvor war der unter kubanischer Flagge fahrende Tanker „Petion“, der sanktioniertes venezolanisches Öl transportierte, mit einem anderen Schiff vor der Küste Kubas kollidiert.
Versicherungen völlig unzureichend
Wegen der enormen Umweltgefahren blockierten Aktivisten von Greenpeace bereits 2022 erstmals russische Tanker in der Ostsee vor Norwegen.
Ein weiteres Problem ist der Versicherungsschutz, der üblicherweise völlig unzureichend ist. Die von den Tankern vorgelegten Versicherungen sind meist alternative Assekuranzen der russischen und iranischen Regierung. Bis Oktober 2023 waren laut dem Versicherungsmakler WTW zwei Drittel der Tanker mit russischem Rohöl bei „Unbekannt“ versichert. So sind es in der Regel die nationalen Steuerzahler, die bei solchen Unfällen zur Kasse gebeten werden.
In einem aktuellen Bericht der Investmentbank Arctic Securities, der sich auf die verschärften Sanktionen der USA bezieht, heißt es: „Ob Russland seine Schattenflotte weiterhin aufrechterhalten kann, bleibt abzuwarten, aber es wird nicht einfacher.“
Erstpublikation: 27.02.2024, 15:31 Uhr.