Sportartikel: Mit diesem Service punkten Outdoor-Marken bei der Kundschaft
München. Jeden Tag ein Berg an Päckchen und Paketen diverser Größen, teils liebevoll geschnürt, und oft bergen sie eine Überraschung: Beim Wanderschuhhersteller Hanwag im oberbayerischen Vierkirchen geht es täglich zu wie anderswo zur Weihnachtszeit. Allerdings stecken in den Kartons keine Geschenke, sondern ausgetretene Bergstiefel, und zwar in ganz unterschiedlichem Zustand.
„Viele Wanderschuhe kommen verschmutzt bei uns an“, berichtet Hanwag-Chef Thomas Gröger. Dennoch freut sich der Manager über jedes Paar, das ihn zur Neubesohlung erreicht. „Es ist das Nachhaltigste, was man tun kann.“
25.000 Paar haben die Spezialisten von Hanwag vergangenes Jahr aufgearbeitet, Tendenz steigend. Inzwischen tut sich die Traditionsfirma allerdings schwer, geeignetes Personal für diesen Service zu finden. „Das ist eine dreckige und anstrengende Arbeit“, gibt Gröger zu.
So funktioniert der Service bei Ortlieb, Hanwag und Deuter
Immer mehr Käuferinnen und Käufer wollen ihre verschlissenen, aber hochwertigen Sportartikel nicht einfach wegwerfen. Die Outdoor-Begeisterten verstehen sich als Naturliebhaber. Die Flut an Reparaturaufträgen wird für Hanwag und viele andere mittelständische Sportmarken aber zur echten Herausforderung. Daher schlagen die Firmen inzwischen ganz neue Wege ein.
Beispiel Ortlieb: Der Hersteller wasserdichter Radtaschen aus dem fränkischen Heilsbronn hat Händler ausgebildet, um den Service vor Ort bei den Kunden zu übernehmen. In 60 Läden im gesamten deutschsprachigen Raum können die Konsumenten inzwischen den Reißverschluss austauschen oder Löcher flicken lassen. Und das meist innerhalb weniger Stunden. Weitere Geschäfte sollen dazukommen, verspricht Geschäftsführer Martin Esslinger.
Das soll die Reparaturabteilung im eigenen Haus entlasten. Denn in der Zentrale seien zuletzt 18.000 beschädigte Artikel im Jahr angekommen, berichtet der Manager. „Um das zu bewältigen, haben wir den Prozess fast komplett digitalisiert.“ Ziel sei es, die Artikel in zwei, drei Tagen wieder instand zu setzen, sagt Esslinger. Trotzdem komme sein Team mit den vielen Einsendungen kaum noch zurecht.
Deuter geht auf Tour durch die Sportgeschäfte
Daher drehen die Ortlieb-Experten auch Videos, um Nutzerinnen und Nutzern im Internet zu erklären, wie sie ihre Radausrüstung selbst wieder aufwerten können. Jedes Einzelteil halte der Mittelständler zehn Jahre auf Lager, beteuert Esslinger.
Der schwäbische Rucksack- und Schlafsackspezialist Deuter wiederum schickt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmal im Jahr quer durchs Land. Auf der „Promise Tour“ reparieren sie bei Fachhändlern vor Ort die Deuter-Artikel – gegen eine Spende für die Nepalhilfe in Beilngries.
Teilweise würden dabei bis zu 40 Produkte am Tag wieder instand gesetzt, sagt eine Sprecherin. Es seien Rücksäcke dabei, die schon 20 Jahre im Einsatz seien. „Auch bei älteren Produkten lohnt es sich auf jeden Fall, einmal prüfen zu lassen, ob eine Reparatur noch möglich ist. Denn reparieren ist immer besser als wegwerfen.“
Am Hauptsitz in Gersthofen bei Augsburg kümmern sich fünf Schneiderinnen und Schneider darum, verschlissene Artikel zu überholen. Zuletzt sei die Nachfrage deutlich gestiegen. Inzwischen repariert Deuter eigenen Angaben zufolge mehr als 5000 Rucksäcke und Schlafsäcke pro Jahr und verschickt knapp 18.000 Ersatzteile.
Tausende kommen in den Laden für Reparaturen
Viele Konsumentinnen und Konsumenten kommen mit ihren beschädigten Sportartikeln direkt in die Geschäfte – und sind durchaus willkommen, auch wenn sie nichts Neues kaufen. „Wegen Reparaturen kommen jedes Jahr ein paar Tausend Leute in unser Haus“, schätzt Rainer Angstl, Geschäftsführer von Sport Schuster.
Das Bergsportgeschäft in zentraler Lage am Münchener Marienplatz unterhält sogar eine eigene Schneiderei. Weil sie eine Lizenz von Gore haben, dürfen die Spezialisten auch die empfindlichen Regenjacken mit dem Laminat des US-Konzerns vor Ort reparieren. Sport Schuster gehört zudem zu jenen Läden, die den Ortlieb-Service anbieten.
Für die Produzenten sind die Reparaturen in aller Regel ein Zuschussgeschäft. Trotzdem sei der Service wichtig, sagt Lars Meindl, Co-Chef und Eigentümer des mehr als 300 Jahre alten oberbayerischen Wanderschuhherstellers Meindl: „Das rechnet sich nicht, zahlt aber extrem auf die Marke ein.“
Es sei ein Service, den die Kundschaft sehr schätze – und zwar auf der ganzen Welt. Das Familienunternehmen baut gerade Servicecenter in den wichtigsten Märkten auf, von Finnland bis in die Schweiz.
Viele Bergsportlerinnen und Bergsportler hängen so sehr an ihren gut eingelaufenen Stiefeln, dass sie diese sogar persönlich bei den Herstellern vorbeibringen. Hanwag-Chef Gröger hat darauf reagiert – und am Eingang der Zentrale eine extra Serviceklingel anbringen lassen.