Vitra-Patriarch Rolf Fehlbaum: „Gutes Design ist nicht lustig“
„Vieles, was heute unter dem Etikett ‚Design‘ läuft, ist nur ein Styling-Exzess.“
Foto: HandelsblattWeil am Rhein. Der Vitra-Campus in Weil am Rhein gleicht einer Leistungsschau der zeitgenössischen Baukunst. Das Gebäude der Betriebsfeuerwehr wurde von Zaha Hadid konzipiert. Frank Gehry baute ein Museum und eine Produktionshalle. Das Einrichtungshaus und das Gebäude für die Möbelsammlung stammen von Herzog de Meuron.
Und das sind nur ein paar der Architekten-Stars, die sich hier verewigen durften. „Dennoch war uns immer wichtig, dass das hier in erster Linie eine Industrieanlage ist, in der gearbeitet wird“, erklärt Unternehmenspatriarch Rolf Fehlbaum, „eine reale Welt, keine Kulturlandschaft.“ Er weiß, wie gefährlich es wäre, in der Avantgarde von gestern zu erstarren.
Vitra hat den Ruf zu verteidigen, viel mehr zu sein als ein Möbelbauer. Das in Basel ansässige Familienunternehmen, das mittlerweile von Fehlbaums Nichte Nora geführt wird, empfindet sich als Projekt. Dazu gehören eine riesige Möbelsammlung, ein Museum sowie Ausstellungsräume. „Aber das alles soll letztlich unser angestammtes Thema vertiefen“, sagt Fehlbaum. Und das Thema ist gutes Design für Wohnen und Büro sowie die Philosophie hinter all dem.
Herr Fehlbaum, fühlen Sie sich eher als Geschäftsmann oder Künstler?
Als Künstler sicher nicht...
…obwohl Sie hier einen facettenreichen Kosmos für alle Arten von Künsten geschaffen haben?
Das zeugt allenfalls von einem gewissen Talent, die künstlerischen Prozesse anderer ein bisschen zu steuern. Ich selbst kann weder malen noch singen oder tanzen.
Ist dieses Talent, Künstler zu steuern, auch mit der Firma gewachsen? Im ersten Schritt hat sich ja Ihr Vater in den fünfziger Jahren Lizenzen wegweisender Designer gesichert. So wie die von Charles und Ray Eames, deren Erbe Sie bis heute hüten. Schritt zwei war, dass Designer für Vitra direkt arbeiteten – etwa Verner Panton.
Meine früheste Erfahrung war, mit Menschen zu arbeiten, die sich absolut nicht steuern ließen. Große Designer haben nie für eine Firma, einen Auftrag gearbeitet, sondern für ein Projekt, bei dem wir dann Sparringspartner sein können. Es war immer ein Glück, wenn es zwischen den Interessen des Designers und denen von Vitra Überschneidungen gab. Dort wo sich diese Interessen auch noch mit denen der Kunden decken, entstehen große Produkte.
Wann wissen Sie, ob ein neuer Stuhl später eine historische Bedeutung haben wird?
Diese Floskeln über die „Klassiker von morgen“ überlasse ich gern anderen. Vielleicht wird’s ja auch nur der „Flop von gestern“. Sicher ist man nie. Manchmal wird man richtig enttäuscht, wenn eine neue Idee einfach seine Kunden nicht findet. Ein andermal gelingt dafür eine Überraschung.
Zum Beispiel?
Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec kamen mal mit der Idee, einem ihrer Sofas eine sehr hohe Rückwand anzubauen. So wurde aus einem Wohnsofa ein kleiner Büro-Rückzugsbereich…
… das mittlerweile berühmte Alcove Highback Sofa.
Es ist ein Maßstab geworden, an dem sich der ganze Markt heute orientiert, was auch heißt: Es gibt jede Menge Nachahmer. Als ich einen Mitbewerber darauf ansprach, sagte der mir: „Herr Fehlbaum, was soll ich machen? Der Markt will das so.“
Gibt es Objekte, die zwar Design-Geschichte geschrieben haben, aber kommerziell nie erfolgreich waren?
Anders als die Kunst lebt das Design vom Erfolg im Hier und Jetzt. Dennoch gibt es Produkte, die einen enormen Einfluss auf die Designentwicklung hatten, ohne je kommerziell erfolgreich zu werden Etwa der Rot-Blaue Stuhl von Gerrit Rietveld …
… oder das Marshmallow-Sofa von George Nelson, das Sie anbieten?
Es wurde nie ein Hit und ist dennoch wichtig. Kopisten picken sich nur die Erfolgsmodelle raus. Wir dagegen wollen und müssen das breite Oeuvre eines Designers vertreten. Von Charles und Ray Eames gibt es zum Beispiel eine sehr schlanke Liege, die einst für Billy Wilder erfunden wurde. Ich habe sie in meinem eigenen Büro stehen und finde sie wunderbar für den kurzen Büro-Mittagsschlaf. Wir verkaufen von diesem großartigen Produkt gerade ungefähr 25 Stück pro Jahr. Trotzdem ist diese Liege wichtig und wird von uns immer angeboten werden.
Da sagen Ihre Controller sicher mal: Können wir nicht das Sortiment verschlanken?
Und natürlich haben die recht. Wir verwalten ein riesiges Portfolio an Modellen, Stoffen, Materialien. Also müssen wir das Sortiment immer wieder durchforsten. Auf die Balance kommt es an. Aber manche Produkte sind wirklich unberührbar.
„Es wurde nie ein Hit und ist dennoch wichtig“, sagt Rolf Fehlbaum.
Foto: HandelsblattWas verkaufte sich über die Jahrzehnte bei Vitra am besten?
Die Klassiker, zum Beispiel die Gruppe der Aluminium-Stühle von Eames. Manche Objekte machen auch eine Wandlung durch. Die Stühle von Eames mit den Kunststoffschalen waren etwa in den fünfziger Jahren primär fürs Wohnen gedacht. Dann wanderten sie über Universitäten und Aulen in den öffentlichen Bereich. In den letzten Jahren sind sie in die Wohnungen zurückgekehrt. Seltener gelangen Produkte, die für das Büro gedacht waren, auch in die Wohnung. Aber es gibt auch dafür ein gutes Beispiel: das USM-Haller System.
Verschwimmen nicht längst die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit?
Die heutigen Büros werden tatsächlich mehr und mehr zu einem Mix aus Wohn- und Jobelementen. Andererseits sollte man ja annehmen, dass das Büro dann auch nach Hause kommt angesichts der wachsenden Zahl von Menschen, die im Homeoffice arbeiten. Aber interessanterweise antworten die Menschen darauf anders: Entweder arbeiten sie zu Hause eben am Esstisch. Oder sie richten sich gleich ein richtiges Büro ein, das dann auch wie eines aussieht.
Was halten Sie persönlich von diesem Credo, dass alle Lebenssphären zusammenwachsen? Derlei kann ja auch in totaler Selbstausbeutung kulminieren.
Ich hatte das Glück, dass meine Arbeit deckungsgleich ist mit meinen persönlichen Interessen. Dass ich dafür sogar bezahlt werde, war fast nebensächlich, aber umso erfreulicher. Aber ich verstehe jeden, der sagt: „Bei mir ist es anders, und ich möchte mich gegen die Vereinnahmung meines Privatlebens wehren.“ Dieses heute grassierende Ständig-zur-Verfügung-Stehen ist schon ein unerhörter Eingriff in das Leben jedes Einzelnen.
Rolf Fehlbaum (r.) und Handelsblatt-Redakteur Thomas Tuma bei Vitra in Weil am Rhein.
Foto: HandelsblattWelche Entwicklungen kommen gesamtgesellschaftlich noch auf uns zu?
Die Zahl der Freelancer wird sich noch erhöhen im Vergleich zu klassischen Angestelltenverhältnissen. Und immer mehr arbeiten zu Hause – gewollt oder ungewollt. Was das fürs Büro, die Wohnung, die Stadt als Raum bedeutet, weiß noch niemand so genau. Zugleich wird das Büro als Ort der Gemeinschaft mit neuer Bedeutung aufgeladen. Man sitzt dort nicht nur seine Stunden ab. Dazu kommt: Immer mehr Menschen leben allein oder zumindest nicht mehr in klassischen Familien. Sie werden immer älter. Das bedeutet neue Wohnkonstellationen. WGs sind nicht mehr nur für Studenten interessant, sondern für alle Alterskategorien, auch für Senioren. Also wird auch neu verhandelt über die jeweilige Größe von individuellen und Gemeinschaftsräumen. Der Privatbereich wird reduziert zugunsten von gemeinschaftlichen Räumen. Das alles ist für uns sehr spannend.
Allerorten werden Co-Working-Places und Großraum als einzig wahre Büro-Zukunft gepredigt. Entspricht das wirklich dem Wunsch der Menschen, oder ist es eher das Postulat der Designer?
Zumindest die Position der Unternehmen ist ja klar: Sie wollen flexible, hochkonzentrierte, offene und dabei loyale Mitarbeiter. Dem entspricht der Großraum als architektonische Idee…
… weil er ein Credo der Beweglichkeit darstellt?
Diese Mobilität ist natürlich eine Idealvorstellung. Es wird immer Menschen geben, die sich einen stärkeren Ordnungsrahmen wünschen… das Einzelzimmer, den eigenen Schreibtisch, feste Arbeitszeiten. Die Deutschen haben beim Thema Großraum ein echtes Trauma entwickelt, seit sich das „Quickborner Team“ in den sechziger Jahren anschickte, neue Bürolandschaften zu entwickeln. Die hochinteressanten Konzeptionen gerieten damals derart radikal, dass der Großraum auf allgemeine und dezidierte Ablehnung stieß. Und auch wenn heutige Großräume damit gar nichts mehr zu tun haben, blieb eine latente Angst zurück. Bis heute.
Geben Sie’s zu: Topmanager werben gern für Großraumwelten, wollen aber selbst ihre Einzelwabe behalten, oder?
Das beobachte ich durchaus, ja. Dazu muss ich aber nicht mal in unseren Kundenkreis schauen, sondern mir nur an die eigene Nase fassen. Ich habe in meiner abschließbaren kleinen Zelle meine Memorabilien, meine Designer-Helden, meine Eames-Liege. Meine Nichte Nora, die ja mittlerweile das Unternehmen führt, sitzt dagegen im Großraum. Das sagt eigentlich alles.
Sie sind der renitent-nostalgische Alte,…
Absolut...
...der Großraum predigt und Einzelzimmer genießt…
… aber dabei auch weiß: Moderne Unternehmen sind mit der durch Einzelzimmer doch stark reduzierten Kommunikation heute gar nicht mehr möglich. Es braucht Teams, und die brauchen gemeinsame Räume.
Wie teilen Sie und Ihre Nichte sich die Rollen im Unternehmen auf?
Sie ist der Boss, ich bin der Assistent, der sich darüber freut, dass er etwas beitragen kann. Im Verwaltungsrat führe ich den Titel „Chief of avoiding the trivial“. Wenn man nicht dagegenhält, tendiert alles zur Trivialität und zur leeren Phrase. Bei Sprache bin ich besonders empfindlich. Sprache ist Design. Warum muss ein Laden „Flagship Store“ heißen oder alles, was ein bisschen bessere Qualität bietet, „Premium“ genannt werden? Natürlich will ich nicht in die Rolle des besserwisserischen Alten geraten, bin aber vielleicht dort schon angelangt.
Wo kann Vitra noch wachsen?
Ach, da gibt es viele Möglichkeiten: In China sind wir bislang schwach vertreten. Auch die USA haben Potenzial. Überall dort, wo das Verständnis für Design zunimmt, haben wir gute Chancen – auch wenn mit dem Verständnis zugleich die Missverständnisse wachsen.
Wie meinen Sie das?
Vieles, was heute unter dem Etikett „Design“ läuft, ist nur ein Styling-Exzess.
Inwiefern?
Schon die Begriffe werden doch völlig inflationär genutzt: Designer-Stuhl, Designer-Leuchte, Design-Hotel… Oft geht es da nur noch um formale Spielereien. Design orientiert sich aber an realen Bedürfnissen. Die Gier nach Aufmerksamkeit und die krampfhafte Suche nach dem Exzentrisch-Neuen – das tut der Designbewegung nicht gut. Manches sieht noch interessant aus, funktioniert aber nicht. Gutes Design ist auch nicht lustig oder ironisch. Komik erschöpft sich schnell. All das lässt die Designarbeit als etwas sehr Oberflächliches erscheinen. Dabei ist sie ein oft langwieriger Trial-and-Error-Prozess.
Ist der globale Möbelriese Ikea eigentlich Fluch oder Segen für Ihre Branche?
Schwierige Frage. Ich würde einfach mal schätzen, dass der Umsatz der wichtigsten zehn Designfirmen unterm Strich nur ein Zehntel der Ikea-Umsätze ausmacht. Und doch bringen die Kleinen am Ende des Tages die Produktinnovationen. Ein Riese wie Ikea kann einerseits große Tore aufreißen, um vielen Menschen Design zu sehr erschwinglichen Preisen näherzubringen. Die andere Seite ist: Durch diese unerhörte Marktmacht und die damit verbundenen Methoden setzt der Konzern Preise, die anderen kaum noch Luft lassen. Manche werden schlicht aus dem Markt gedrängt, andere in ein Luxussegment, in das sie vielleicht gar nicht wollen. Bei Vitra bemühen wir uns, im Sortiment auch Produkte zu haben, die vielen zugänglich sind.
Aldi, Lidl & Co. im Lebensmittelhandel, Primark, Zara oder H&M in der Mode, Ikea in Ihrer Branche – machen die großen Billigriesen alles platt?
Früher habe ich über so etwas wie Brandmanagement gar nicht nachgedacht. Da war mein Credo: Wer über seine Identität nachdenken muss, hat keine. Aber die Marke ist natürlich am Ende überlebensnotwendig. Nur die Kraft und Aura einer guten Marke kann einen vor dem Ausverkauf schützen.
Herr Fehlbaum, vielen Dank für das Interview.