Autohersteller: Lässt Opel seine Mitarbeiter frieren?
Wien. tw
Die Beschäftigten von Opel sind Kummer gewohnt. Seit Jahren folgt beim Autobauer ein Sparpaket dem nächsten, die Stimmung ist schlecht. Nun sehen viele Mitarbeiter jedoch einen Tiefpunkt erreicht: Seit mehreren Wochen soll es im Stammwerk um bis zu sieben Grad kühler sein als vorgesehen.
„Mit dem Einzug der kalten Jahreszeit hat es die Werksleitung wieder versäumt, rechtzeitig für angemessene Temperaturen in den Räumlichkeiten zu sorgen“, moniert der Opel-Betriebsrat in einem Flugblatt an die Belegschaft vom 16. November, das dem Handelsblatt vorliegt.
Demnach wurde beispielsweise im Gebäude K130, wo Hunderte Fachkräfte die Fahrzeuge endmontieren, eine Temperatur von lediglich zwölf Grad Celsius gemessen. Vorgeschrieben sind laut Arbeitsstättenverordnung und deren technischen Regeln mindestens 17 Grad bei mittelschweren Arbeiten im Stehen und Gehen und 19 Grad bei leichten Arbeiten.
Die Werksleitung weigere sich „aus Kostengründen“, ausreichend zu heizen, kritisiert der Betriebsrat in einem weiteren Rundschreiben vom 20. November. Einzelne Kostenstellen würden bereits einen Krankenstand von bis zu 15 Prozent der Beschäftigten ausweisen: „Einen Zusammenhang mit den unzureichenden Temperaturen halten wir für wahrscheinlich.“
Die Gewerkschafter fordern ein unverzügliches Ende der „Missstände“, zu denen auch defekte Rolltore zählen sollen. Ein Betroffener erklärt: „Das ist das beste Zeichen, dass Opel die Gesundheit der Leute egal ist.“ Ein weiterer Mitarbeiter sagt: „Da sieht man, wie es bei uns bergab geht.“
Das Unternehmen widerspricht diesen Darstellungen. Die Mindesttemperaturen würden in den allermeisten Bereichen „deutlich übertroffen“, erklärte ein Opel-Sprecher. Natürlich könne es im Bereich von Rolltoren kurzfristig zu niedrigeren Werten kommen. „Die Gesundheit der Mitarbeiter genießt stets Vorrang“, heißt es aber.
Opel-Belegschaft droht mit dem Regierungspräsidium
Die Geschäftsführung von Opel bestätigt, ein Schreiben des Betriebsrats erhalten zu haben. Man habe darauf „unverzüglich reagiert“. Zugleich wird betont, dass die Mindesttemperatur in der Produktion bei Opel laut Verordnung bei 17 Grad liege. Der Betriebsrat spricht dagegen von 19 Grad. Gestritten wird auch, wo genau die Messungen erfolgen. Es sei „unklar“, wo die Gewerkschafter die Temperaturen gemessen hätten, erklärte der Opel-Sprecher.
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Zwischenzeitlich schienen die Streitparteien einer Lösung nahe. In den vergangenen Tagen, so protokollieren es auch die Betriebsräte in einem Schreiben vom 22. November, soll es zu „Heizmaßnahmen“ gekommen sei. Die Temperaturen in großen Werkshallen wie dem K130, K156, K170 und K180 schwankten demnach zuletzt aber zwischen 14,2 und bei 17,5 Grad Celsius.
Es sei immer noch zu kalt, hieß es zuletzt in Gewerkschaftskreisen. Die Arbeitnehmervertreter drohen mit der „Einschaltung der zuständigen Stellen des Regierungspräsidiums und der Berufsgenossenschaft“. Ein Manager spricht dagegen von Werten von nahezu durchweg mehr als 17 Grad Celsius.
Die Posse um die Raumtemperaturen zeigt, wie stark Opel unter Druck steht. Die deutsche Tochter des viertgrößten Autobauers der Welt, dem europäisch-amerikanischen Stellantis-Konzern, kämpft seit Jahren gegen den Bedeutungsverlust. Opel hat gemeinsam mit der britischen Schwestermarke Vauxhall einst jährlich mehr als eine Million Fahrzeuge weltweit verkauft und konkurrierte mit Volkswagen. Heute müssen die Hessen sich anstrengen, noch halb so viele Autos ausliefern zu können. Im Vorjahr verkauften Opel und Vauxhall laut dem Datendienstleister Marklines nur etwa 550.000 Autos. Zum Vergleich: 2012 waren es noch 1,04 Millionen Pkw.
Internationalisierung von Opel stockt
Auf Zehnjahressicht ist der Marktanteil von Opel in der Kernregion Europa von 6,7 auf 3,7 Prozent abgestürzt. Die Internationalisierung der Firma geht langsamer voran als erhofft. Die geplante Expansion in den weltgrößten Markt China wurde abgesagt, den Sprung in die USA hat man erst gar nicht erwogen. Immerhin konnte Opel seine Abhängigkeit von Europa zuletzt etwas reduzieren. Der Anteil der Region an den Gesamtverkäufen reduzierte sich 2022 von 90 auf 85 Prozent. In Deutschland wird derweil eisern gespart. Tausende Stellen wurden in den vergangenen Jahren gestrichen. Ein Ende des Personalabbaus ist nicht in Sicht.
Zuletzt enthüllte das Handelsblatt, dass Opel im kommenden Jahr die Konstrukteursabteilung „Computer Aided Design“, kurz CAD, im Laufe des Jahres 2024 schließen wird. Zuvor wurden am Opel-Stammsitz bereits das Getriebewerk, die Schmiede und der Werkzeugbau dichtgemacht.
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Das riesige Fabrikareal in Rüsselsheim, das noch vor wenigen Jahren weitläufiger war als das Fürstentum Monaco, soll sukzessive verkleinert werden. Opel selbst will seine Tätigkeiten perspektivisch rund um einen neu zu errichtenden „Green Campus“ komprimieren.
Die verbleibenden, ungenutzten Flächen von etwa 128 Hektar bietet Opel seit mehr als eineinhalb Jahren zum Verkauf an. Ein Komplettverkauf an einen Investor ist gescheitert. Diese Woche konnte Opel aber immerhin einen Deal zum Abstoß von grob zwei Dritteln der zu veräußernden Liegenschaften verkünden. Käufer ist die belgische VGP-Gruppe, ein auf Logistik- und Gewerbeimmobilien spezialisierter Entwickler.
Erstpublikation: 23.11.2023, 15:08 Uhr.