Autozulieferer: ZF verringert Schulden, Zinslast schmälert Nettogewinn
Stuttgart. ZF Friedrichshafen erzielt Fortschritte bei der Umstrukturierung der erheblichen Schuldenlast. Die Verschuldung des zweitgrößten deutschen Autozulieferers ist im vergangenen Jahr unter die Marke von zehn Milliarden Euro gesunken, wie aus der am Donnerstag vorgestellten Bilanz hervorgeht.
Doch die steigenden Zinsen verkomplizieren den Schuldenabbau. Die Zinslast stieg um 250 Millionen auf inzwischen 575 Millionen Euro, wie Finanzchef Michael Frick bei der Bilanzvorstellung einräumte. Dennoch hat ZF zwei Milliarden Euro Schulden zurückzahlen können. Über die Ausgabe von Anleihen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro kamen die entsprechenden Finanzmittel hinzu. „Wir gehen den Schuldenabbau und die Refinanzierung systematisch und prioritär an“, erklärte Frick.
Das wirkt sich unmittelbar auf die Zukunftspläne von ZF-Chef Holger Klein aus. Der möchte im Grunde der befürchteten Deindustrialisierung in Deutschland entgegenwirken. Das geht seiner Meinung nach aber nicht ohne klare Bedingungen: „Wir sind bereit, kräftig in Deutschland zu investieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und wir hier unsere Kostenbasis verbessern.“
Klein verteidigt Zukäufe von TRW und Wabco
Bislang ist die aus den fremdfinanzierten Milliardenübernahmen von TRW (2015) und Wabco (2020) stammende Zinslast für ZF ein erheblicher, den Spielraum einschränkender Wettbewerbsnachteil gegenüber Konkurrenten wie Bosch oder Continental.
Grundsätzlich verteidigte Klein die Zukäufe. Durch sie sei ZF erst weniger vom Verbrennungsmotor abhängig geworden und dann zum weltgrößten Nutzfahrzeugzulieferer aufgestiegen. Aber speziell bei Wabco sei ZF wegen der Auswirkungen von Corona, Lieferkettenproblemen und Kriegen noch nicht so weit beim Schuldenabbau wie bei der Übernahme im Jahr 2020 erhofft.
Kostensenkungen und die Abgabe von Geschäftsfeldern sollen Entlastung bringen, um trotzdem in Zukunftsfelder wie Chiptechnologie, Flexibilisierung der Werke und Technologien wie Brake-by-Wire investieren zu können.
Es gebe viele Vorteile des Heimatstandorts, aber auch Nachteile im internationalen Wettbewerb. Sollte die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden, könnten 30 Prozent der bis Ende 2026 geplanten Investitionen ins Inland fließen. Konzernweit soll ein Performance-Programm bis Ende nächsten Jahres sechs Milliarden Euro Einsparungen bringen.
Bei ZF befürchtet der Betriebsrat ähnlich wie bei den anderen großen Autozulieferern einen Stellenabbau und weitere Standortschließungen in Deutschland in einem Volumen von 12.000 Stellen. Die Autoindustrie hat mit schwächeren Märkten zu kämpfen, während sie die teure Umstellung von Verbrennungsmotoren auf klimafreundliche Elektroantriebe stemmt.
Nettogewinn bricht bei ZF ein
Der größte Zulieferer Bosch und auch Continental kürzen beim Personal – dagegen protestierten am Mittwoch bei einem bundesweiten Aktionstag 25.000 Bosch-Beschäftigte. Auch Tausende Beschäftigte von ZF zogen dagegen schon im Januar vor die Werkstore.
Abseits der Schuldenproblematik entwickeln sich die Geschäfte im schwierigen Umfeld im Grunde gut. Die Erlöse legten um 6,5 Prozent auf 46,6 Milliarden Euro zu, wobei sich besonders das Nutzfahrzeuggeschäft gut entwickelte. Der bereinigte Vorsteuergewinn (Ebit) war mit knapp 2,4 Milliarden Euro 16 Prozent höher als vor Jahresfrist, sodass sich die Umsatzrendite von 4,7 auf 5,1 Prozent verbesserte.
Unter dem Strich blieb aber deutlich weniger übrig. Das Ergebnis nach Steuern brach von 376 Millionen auf 126 Millionen Euro massiv ein. Als Grund dafür nannte Finanzchef Frick die gestiegenen Zinsen und steuerliche Effekte.
Wegen der insgesamt komplexen Lage mit Inflation, rückläufiger Automobilnachfrage und geopolitischen Risiken bleibt Klein in seiner Prognose für 2024 vorsichtig und rechnet mit einem insgesamt stagnierenden Geschäft: „Wir erwarten einen Umsatz über 45 Milliarden Euro bei einer Rendite zwischen 4,9 und 5,4 Prozent.“
Dividende bleibt stabil, Stiftung profitiert
Allerdings könnte ZF im kommenden Jahr den Platz als zweitgrößter deutscher Autozulieferer verlieren, da die Achsfertigung mit vier Milliarden Euro Umsatz in das Joint Venture mit dem taiwanesischen Elektronikspezialisten und Apple-Zulieferer Foxconn ausgegliedert wird.
Die Dividende soll auf dem Niveau des Vorjahres von 41 Millionen Euro bleiben. Nutznießer ist die der Stadt Friedrichshafen gehörende Zeppelin-Stiftung, die knapp 94 Prozent der ZF-Anteile hält.
Die Eigentümerstiftung bekommt derweil eine neue Führung: Der Friedrichshafener Oberbürgermeister Andreas Brand hat am vergangenen Montag überraschend seinen vorzeitigen Rückzug aus dem Bürgermeisteramt für Oktober angekündigt. Das Amt ist mit dem Chefposten bei der Stiftung und einem Sitz im Aufsichtsrat verbunden. Nirgendwo sonst gehört ein Konzern mit 46 Milliarden Euro Umsatz einer Kommune mit 60.000 Einwohnern.